Der Geist des Widerspruchs

Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra beim Festival Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Iván Fischer sein Herzensprojekt, das von ihm vor über 35 Jahren gegründete und seitdem geleitete Budapest Festival Orchestra, dirigiert, gibt es so machen ungewöhnlichen Moment. Vor Jahren wohnte dieser Rezensent einmal einem der jährlichen Weihnachtskonzerte des Orchesters teil, bei dem sich der Maestro zu Ravels Boléro eine Tänzerin auf den Leib binden ließ. Auch beim Berliner Gastspiele ist so manches anders als sonst: Wenn Fischer das Podium betritt, spielt das Orchester bereits, das erste Stück ist passenderweise „Intrada“ betitelt. Später, bei einem Werk namens Tango, verwandeln zwei Spieler*innen der zweiten Geigen die Bühne in eine Tanzfläche und zur Zugabe spielt das Orchester nicht, sondern singt. Igor Strawinskys Ave Maria, schlicht und überaus berührend. Das gemeinsame Musizieren soll Spaß machen, einander und dem Publikum. Es soll eine lustvolle Entdeckungsreise sein, auf die jeder, der will, mitgenommen wird. Das ist das Credo von Dirigent und Orchester und das Konzert, mit dem Fischer sein sechstägoiges Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin beschließt, wird dem Anspruch voll uns ganz zurecht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Wobei das mitnichten bedeutet, dass dieses oder andere Konzerte Fischers leichtgewichtige musikalische Wellnessübungen sind. Zweimal schon hat er in den vergangenen Tagen bewiesen, wieviel mehr in Igor Strawinsky steckt als die Rhythmusexplosion, die er in die Musik der Moderne brachte. Dabei hat jedes der drei Dirigate seinen sehr eigenen Charakter: luftig transparent das Konzerthausorchester Berlin, zurückgenommen detailscharf die Lesart mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Mit seinen Budapestern geht der Ungar nun forscher vor, affirmativer, aggressiver auch. Das wird schon in den drei kleinen Werken zu Beginn deutlich: Durchaus spannungs- und überaus abwechslungsreich die Vier norwegischen Impressionen mit vielen faszinierenden Details, schönen Farbkontrasten im dritten Abschnitt etwa oder inniger Sanglichkeit im zweiten. Hochkonzentriert und lichtdurchflutet hüpft die vierte Impression dem Ende entgegen – Stimmungsmusik par excellence, basierend auf einer virtuos beherrschten Palette aus Klangfarben und Instrumentationsfinesse, die kursorische Hörer ebenso zufriedenstellen sollte wie Musikwissenschafter. Das Scherzo à la russe stampft ähnlich gewichtig dahin wie der Elefant in der Zugabe zwei Tage zuvor, und interessiert vor allem durch den Kontrast zwischen kreisender Lyrik und erdig linearem Voranschreiten. Da gewinnt das pulsierende Stück einiges an Aggression, die an diesem Abend ohnehin nie weit ist. Ein bisschen verhuscht der Tango, bei dem die Tanzeinlage durchaus etwas ablenkt. Wer hinhört, entdeckt auch hier so manches: etwa den energiereichen Kontrast zwischen hohen (blechbläser.) und tiefen (Kontrabass-)Registern und die durch schrittweises Hinzutreten weiterer Instrrumentengruppen Auffächerung des Klangraums.

In einem ganz anderen bewegt sich die anschließende Psalmensymphonie mit dem RIAS Kammerchor. Eine besondere Orchesteranordung (die hohen Streicher ließ Strawinsky weg) kündigt ein ungewöhnliches Klangbild an: In der ersten Reihe die Celli, dahinter die Posaunen, dann die Holzbläser, Schlagzeug und Hörner ganz hinten, Trompeten und Klaviere seitlich. Überraschend warm klingt der karge, seiner Mitte beraubte Apparat, umspielt im gebetshaften ersten Abschnitt sanft den strengen, zuweilen ins Aggressive kippenden sehr dringlichen Chor, einen Spalt öffnen zwischen Form und Inhalt. Wie Rufer in der Wüsten dann die Solo-Oboe, bald ergänzt von der Flöte im zweiten Satz, eine ratlose Suchbewegung in einem leeren Raum, der sich nach und nach mit weiteren suchenden füllt. Fragil, warm und innig nun der Chor, deutlich die stimmigen Anklänge an einen asketisch re-interpretierten Barock, in dunkleren Regionen wandernd das Orchester. „Hallelujah“ singt es im Schlusssatz, aber hier jubelt nichts. Zwischen sachlich karger Distanz und scheuer Ängstlichkeit der lobpreisende Chor, der eher flächig agier, während das Orchester ihn vor sich her zu treiben versucht. Nacheinander landen beide Kontrahenten jeweils in der Sphäre des anderen, ziehen sich gegenseitig auf die jeweils eigene Seite. Fragend schwebt und schreitet das Orchester dem Ende entgegen, sind die zuvor seine Autorität betonenden Ausbrüche in totalitäre Schärfe vergessen, hat sich der Chor selbstbewusst seinen Raum erobert, nicht triumphierend, sondern innig in sich (und Gott?) ruhend. Ein Tanz, ein Drama, Musik als Dialog.

Um einiges unübersichtlicher wird es dann nach der Pause mit Strawinskys „Greatest Hit“, Le Sacre du printemps, das natürlich das Festival beschließt. Auch hier erobern sich einzelne Stimmen (allen voran das eröffnende sacht zurückgenommene Fagott) den leeren Raum, kommuniziueren mit der doch eigentlich so unterschiedlichen Klang- und Formsprache der Psalmensymphonie, ein anderer, aber ähnlich existenzieller Versuch, die Stille zu füllen. Bald ballen sie sich zusammen zu einem lärmenden Stimmengewirr, einem chaotischen Durcheinander, aus dem sich mühsam und ringend Formen herausbilden. Nichts bleibt unwidersprochen: Den autoritären Streicherschlägen steht ein innerlich untergründiges Wühlen und Brodeln entgegen, extreme Schärfe tendieren ins Fahle, das gegenseitige einander Hochpeitschen wandelt auf der Grenze zwischen mobartiger Gewaltentladung und groteskem Zerrbild. Apokalyptisches Grollen steht neben außerweltlichem Flirren, die Welt ist zum Zerreißen gespannt und verharrt in großem Kontrastreichtum unentschieden an der Schwelle zwischen Tod und Leben.

Verrätselt kreisend hebt der zweite Teil an, hohl tönen die Holzbläser, einsam wie von fern ruft das Blech, karge Klagen aus dem Holz folgen. Auch hier muss das Ganze erst entstehen, die Welt werden. Dies geschieht in einem Zusammenfinden von Klang und Rhythmus, gegenseitiger Schärfung. Konzentriert das Klangbild, doch immer wieder schießen Pfeile heraus, wölbt es sich und gebiert scharfe Kanten. Der Gesang der Blechbläser ringt mit treibender Rhythmik, die musikalische See bleibt aufgewühlt und unruhig, unerbittliche Bewegungsenergie führt nicht wie so oft in diesem Werk zur finalen Überwältigung. Der Widerspruch bleibt, wagt sich ganz am Ende nochmals hervor mit einem frech lebensfrohen Flötentriller, der dem tödlichen Opfertanz den Fehdehandschuh hinwirft. Dieser Abend nimmt die Komplexität, den Detailblick seiner Vorgänger auf und infiziert sie mit dem Geist des Widerspruchs. Das macht ihn schroffer, greller, aggressiver, treibt Keile hinein, wo zuvor das Vergrößerungsglas zum Einsatz kam. Der Preis ist ein Sacre, das in seiner Zerrissenheit weniger unmittelbar wirkt als das sonst oft der Fall ist. Igor Strawinsky erweist sich hier als Meister der Kontraste, als Jongleur von Licht und Dunkel, einer, bei dem Menschenopfer und Gottesfurcht nebeneinander Stehen, Tod und Leben Tango Tanzen.

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