„Die Technik ist die Natur des Menschen“

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle: Unheimliches Tal/Uncanny Valley, Münchner Kammerspiele (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Die Angst, dereinst von Maschinenwesen, Robotern, Androiden, was auch immer abgelöst zu werden, ist spätestens seit der industriellen Revolution eine der hartnäckigsten dystopischen Visionen der Menschheit – zumindest in dem Teil, der nicht tagtäglich mit Fragen des Überlebens zu kämpfen hat. Das Theater, der Ort, an dem mindestens seit Schiller die großen Menschheitsfragen erörtert werden sollen, ist ohnehin seit jeher mit Themen wie Authentizität und Künstlichkeit befasst, ist der Platz des Als-ob, der Illusion, des anderen etwas Vormachens. Dabei besteht sein USP, wie man in Beratersprech sagen würde, ja darin, die menschliche Präsenz, die Gleichzeitigkeit von Publikum und Spieler*innen im selben Raum, die Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit gemeinsamer Gegenwart, die Anwesenheit des Menschen. Gewissheiten, die in den vergangenen Jahren – endlich – hinterfragt werden. Beginnend mit der Aufspaltung des gemeinsamen Raumes durch Castorfsche Live-Video-Eskapaden machen sich Theatermacher*innen wie Susanne Kennedy oder Kay Voges mit sehr unterschiedlichen Mitteln und aus verschiedenen Richtungen kommend, daran, den Grundkonsens, dass im Theater menschliche Spieler*innen und ebensolche Zuschauer*innen im gleichen Raum zusammenkommen, in Frage zu stellen und exponieren damit nicht weniger als das Kernparadoxon dieser Kunstform: die Gleichzeitigkeit von authentischer Präsens und illusorischem Als-ob (mit letzterem befasst sich bekanntlich die Postdramatik seit etlichen Jahren).

Bild: Gabriela Neeb

Da ist es nur konsequent, dass die Münchner Kammerspiele ihre aktuelle Spielzeit damit begannen, den Menschen auf einer Seite der Gleichung abzuschaffen. In Uncanny Valley steht kein Mensch auf der Bühne. Stattdessen sitzt da ein Roboter, ein animatronisches Double des Schriftstellers Thomas Melle und spricht – mit der Stimme, den Gesichtszügen und – angedeutet – den Gesten Melles über die Unstetigkeit des Menschlichen, seine Imperfektion, seine Unzuverlässigkeit und Unvorhersehbarkeit. Melle, das weiß der Leser spätestens seit seinem autobiografischen Roman Die welt im Rücken, ist manisch-depressiv, der Kontrollverlust über das eigene Ich, den Geist, den Körper, ist seit jeher sein Hauptfeind. Da erscheint die Maschine, programmiert sie funktionieren, nicht ausschließlich als Schreckensszenario, die Technik als Ausweg, die Auslagerung des Selbst aus dem „gestörten Prozess“, als den er sich einmal bezeichnet, als sinnvoll. Den Geist, so sagt er – beziehungsweise sein Roboter-Ich – habe er in sein Buch ausgelagert, den Körper nun ins animatronische Alter Ego. „Die Technik ist die Natur des Menschen“, sagt Enno Park in einem Video-Einspieler. Park ist von Geburt an gehörlos und hört nur durch ein Implantat, das er jederzeit abstellen kann, wenn er die totale Stille sucht.

Die Technik bringt Kontrolle zurück und lässt den Menschen zuverlässig funktionieren. Aber ist das Zufällige, das Nichtausrechenbare nicht das eigentlich Menschliche? Um diese Frage kreist der einstündige Abend, an dem Melle nicht nur die eigene Geschichte erzählt, sondern auch die Alan Turings, visionärer Computer-Pionier und aufgrund seiner Homosexualität verfolgt und in den Selbstmord getrieben. Melle bezeichnet ihn als Mensch-Maschine, die von der Gesellschaft als fehlerhaft eingeschätzt wurde. Er, der einen Test erfand, Maschine von Mensch zu unterscheiden, ging irgendwo im Dazwischen zugrunde. Und sind wir Menschen nicht genauso regelbasiert wie Maschinen? Gehen wir nicht tagtäglich durch unser Leben, indem wir Dinge in etwa genauso tun wie wir es am Vortag gemacht haben, sind die Gleichmäßigkeit, das Stetige, das Berechenbare nicht essenzieller Teil menschlicher Existenz?

Der Abend führt das immer wieder vor. Mit zunehmender Dauer fällt es immer schwerer, den Erzählenden nicht als Menschen wahrzunehmen, sich klarzumachen, dass einen hier niemand anblickt, der Blick ein toter ist, der unnatürlich verdrehte Fuß nicht schmerzt. Dem Zuschauer ist dabei eben doch unwohl – die Mechanismen der Spiegelung des Gegenübers, auf denen die Empathie basiert, lassen sich nicht so einfach abschalten. Und natürlich ist auch der Theaterbesuch regelbasiert, fußend auf Erwartungen, Konventionen, Verhaltensregeln – auf der Bühne und im Zuschauerraum. Auch das Theater ist eine Maschine, die funktionieren soll, die Kontrolle sucht und findet. Wer ist am Ende echter, authentischer – der physisch anwesende mit seiner Stimme sprechende Melle-Roboter, deren Erschaffungsprozess wir per Video verfolgen können, oder die Projektion des „echten“ Thomas Melle, die gegen Ende auf der Leinwand erscheint und seine Kontrolle über sein animatronisches Alter ego ausübt.

Aber was ist Kontrolle und was ist sie wert, gerade bei einem, der den Kontrollverlust nur allzu gut kennt? Der Mensch mag die Fernbedienung in der Hand haben, aber er ist es doch, der die Technik, die Mechanik braucht, um zu funktionieren – und sei es die „natürliche“ der Sehnen und Muskeln und Nerven, eine Maschinerie aus Fleisch und Blut und Regeln. Ist die Maschine dann nicht nur eine verlässlichere Weiterentwicklung des Biologischen, so wie bei Parks Implantat? Uncanny Valley stellt diese Fragen, aber beantwortet sie nicht. Der zweite „Experte des Alltags“ – wie sind hier schließlich bei Rimini Protokoll – ein Professor für Künstliche Intelligenz, ist skeptischer, was die Ersetzbarkeit des Menschen angeht, er sieht Maschine und Mensch weit voneinander entfernt, basierend auf sehr unterschiedlichen Prinzipien.

„Ich nehme an, Sie sind hier, um sich von mir zu unterscheiden“, sagt der animatronische Melle an einer Stelle zu seinem (?) Publikum. Diese Unterscheidbarkeit verschwimmt im Laufe des Abends, verunsichert sich, bekommt Risse. Sind wir so viel freier als er, fragt er? Unterliegen wir nicht ebenso regeln wie er und sich dabei weniger verlässlich, weniger stetig, fehleranfälliger, leichter der Kontrolle zu berauben. Im Zusammenspiel von Vortrag und Präsenz des Nicht-Anwesenden, von logischem, das heißt regelbasiertem Denken und argumentieren und der (Theater-)Illusion, die dieser Abend mit seinem fast echten Menschen auf der Bühne eben auch ist, verhandelt Uncanny Valley die Kernfragen des Theaters, die auch solche der menschlichen Existenz allgemein sind, neu und auf aufregende weise irritierend. Der kurze Abend bricht Gewissheiten auf, stellt Unterscheidungen in Frage, treibt Stachel in unsere Alltagsdefinition von Menschlichkeit. Wir Mensch-Maschinen werden in die Nacht entlassen, darüber grübelnd, wo der Mensch-Part anfängt und die Maschine endet, was das Menschliche an uns ist und ob es sich vom Maschinellen trennen lässt. Vielleicht sollten wir uns auslagern, wie wir es doch eh tun – an unsere Routinen, das nicht Hinterfragte, das automatisch Ausgeführte und Gedachte. Rimini Protokoll gelingt es in seinen stärkeren Arbeiten immer wieder, unseren gewohnten Blick zu erschüttern, das Nichthinterfragte als absurd oder zumindest diskussionswürdig zu entlarven, Fragen zu stellen, die uns vielleicht weiterbringen. Uncanny Valley ist ein Paradebeispiel dafür.

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