Licht im Kopf, warm ums Herz

Iván Fischer, Emanuel Ax und das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Festival „Absolut Strawinsky!“ im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

„Absolut Strawinsky!“ heißt „Absolut Iván Fischer!“. Nun gut, nicht ganz, aber beim sechstägigen „Orchesterfest“ im Konzerthaus Berlin dreht sich alles um den Mann, der hier sechs Jahre lang Chefdirigent war und das ansässige Orchester zurück in dei erste Liga brachte. Jetzt darf er das Haus noch einmal „besetzen“ und dabei drei Orchester dirigieren, die ihm, so die Pressemitteilung, besonders am Herzen lägen. Zwischen „seinen“ Klangkörpern, dem Konzerthausorchester und dem von Fischer gegründeten Budapest Festival Orchestra steht ein Auftritt mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Seit vielen Jahren steht er am Concertgebouwplein am Pult, nach dem ebenso abrupten wie unfreiwilligen Ende der Ära Daniele Gatti (den das Programmheft übrigens mal eben zum immer noch amtierenden Chefdirigenten erklärt) gehörte er zu den Auserwählten, die mit Gatti geplante Programme übernehmen durften. Wie sehr im Einklang er mit den Niederländern, spätestens seit Mariss Jansons‘ Ägide eines der besten Orchester der Welt, zeigt der Ungar jetzt auch im Berliner Konzerthaus, das sich nicht nur vom Namen her sondern auch baulich in der Traditionslinie des (was den Konzertsaal betrifft) deutlich älteren Pendants in der Grachtenstadt sieht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Natürlich haben sie ein reines Strawinsky-Programm im Gepäck, das zunächst zwei Werke aus dessen neoklassizistischer Phase vorsieht. Den Anfang macht das gut zehnminütige Concerto in D für Streichorchester, einst eine Geburtstagsgabe für ein Basler Orchester. Kein harmloses Gelegenheitswerk, sondern ein überaus komplexes Gebilde mit zahlreichen Referenzen in die Musikgeschichte. Fischer legt sein Augenmerk weniger auf die Brüchigkeit des Stücks als auf seine internen Verbindungslinien. Überhaupt verblüfft der Abend durch eine fast radikal zu nennende Zurücknahme des Orchesters. Der Klang ist ausgedünnt bins an den Rand des Zerreißens, schlank bis untergewichtig. So wird jede Stimme, jeder Motivfetzen hörbar, die Fischer aber nicht gegeneinander, sondern zueinander stellt. Er lässt die leicht erdigen Streicher kreisen, den Fluss stocken und die Zäsuren fließen. Im Schlussteil erweisen sich die Klangschichten als ebenbürtige, ringen Vonder- und Hintergrund mit einander. Die Kanten sind gefährlich scharf, der Detailblick von bestechender Klarheit. Hier kommt ein Strawinsky zum Vorschein, dem der Rhythmus noch einiges gilt, der aber Lichtjahre entfernt ist von der revolutionären Explosivität seiner frühen Jahre. Was die Welt aus den Angeln hebt, ist subkutan, nicht sofort zusehen, aber genauso radikal.

In so manchem Sinn ist die „neoklassizistische“ Periode Strawinskys seine „modernere“, unerbittlicher mit der Tradition brechende. Aber sie tut es eben mit dem Skalpell, nicht dem Holzhammer. Das gilt auch für das Capriccio für Klavier und Orchester von 1929. Mit Emanuel Ax hat Iván Fischer einen Pianisten dabei, der perfekt zu diesem Werk passt, weil er kein Ego-Spieler ist, sondern ein Teamspieler. Strawinsky behandelt sein Soloinstrument hier oft wie einen Teil des Orchesters und Ax nimmt seine Rolle wie selbstverständlich an. Immer wieder geht er fast unter im Orchester mehr, oft sieht er sich auf Augenhöhe mit anderen, nur selten übernimmt er die Führung. Der eigentliche Star des Abends ist ohnehin eine andere: Emily Beynon, die walisische Soloflötistin des Orchesters, die auch nach der Pause eine gewichtige Rolle spielen wird. Jetzt im Kopfsatz dialogisiert sie mit Ax, emanzipiert sich von ihm, wenn Fischer die unterschiedlichen Stimmen von einander unabhängig in den Raum schickt. Da entstehen zuweilen drei, vier ganz entgegengesetzte Wege, die der Dirigent jedoch mühelos zusammenhält, auch weil ihm das verschlankte und höchst transparente Orchester einen Raum schafft, in dem auch eigene Pfade möglich werden. Stimmen und Farben separieren sich, das Material wirkt oft fragmentiert und ist doch Teil einer gemeinsamen, scheu neugierigen Suchbewegung.

Traumverloren der zweite Satz, in dem Ax rasch hingetupftes motivisches Kreisen auf trocken reduzierter Rhythmik schwebt, seine schnellen Läufe nie auftrumpfen, sondern sich stets ihrer Beiläufigkeit versichern. Die Zerrissenheit bleibt, doch sie verortet sich im Innern. Hier wird nichts explodieren – die Gefahr ist eher die einer Implosion. Im Schlusssatz reduziert Fischer das Klangbild nochmals, macht es so fragil, dass sich die Dominanzen fast von Geisterhand verschieben. Der Satz ist ein spannungsreiches Neben-, Mit-, Gegen- und auseinander, mitunter auch gleichzeitig. Erneut fordert Beynons Flöte ihre Mitspieler*innen heraus, mit affirmativ plastischem, stark rhythmisiertem Gesang. Streicher und Soloklarinette finden ins Zwiegespräch, während sich das Klavier abspaltet, um am Ende erneut im Orchester zu verschwinden. Gemeinsam mit dem Concerto wird das Capriccio zu einer musikalischen Landkarte, die es zu füllen gilt. Nicht ohne Irrwege, aber letztlich zu einem komplexen Wegenetz führend, das über die werke selbst hinausweist.

Ganz anders nach der Pause: Da steht eines von Strawinskys Paradewerken auf dem Programm, seine Ballettmusik zu Petruschka. Im Gegensatz zu den noch bekannteren Werken des Genres, den zu Suiten verdichteten der Feuervogel  und Le sacre du printemps ist Petruschka mehr Stimmungsbild als rhythnisches Kraftfeld. Und das Orchester nutzt die lautmalerischen Potenziale des 45-Minüters voll aus. Beginnend mit einem vielfarbigen Wimmelbild, hat fast jede*r seinen solistischen Auftritt, alles voran Beynon, die wie die Leiterin eines Bildhauer*innen-Kollektivs den musikalischen Stein formt. Klanglich äußerst durchlässig, entstehen Bilder von jahrmärkten, Leierkastenspielern und Gliederpuppen, beschwören die hohen Holzbläser den nahenden Frühling, jagt Beynon die Fieberkurve in die Höhe, zeigt sich das Blech geschärft wie selten. Radikal vereinzelt Fischer die Stimmen, das Gewirr löst sich auf in inselartige Fragmente und fügt sich wieder zum zwischen Gut und Böse lavierenden Gewimmel zusammen.  Klangfarben verschieben sich, die Bläser geben die Führung am an Klavier und Schlagzeug und holen sie sich wieder. Die Streicher, geerdet, verschlankt, kompakt übernehmen und werden verdrängt.

Die Rhythmik verhärtet, die Konturen sind geschärft, als wären bewusstseinsertweiternde Substanzen im Spiel. Harte Streicherschläge verblassen in gespenstischer Fahlheit, pumpende Rhythmen stecken das Orchesterganze an – Das Werk ist ein ständiger Stimmungswechsel, in dem alles zu jedem Zeitpunkt kippt und sich in gänzlich Anderes verwandelt. Die Dramatik steigt auf aus der Binnenspannung des Disparaten, bevor das Werk angesichts Petruschkas Tod ins zuvor schon angedeutete Geisterhafte wechselt. Da flirren die Streicher, gespenstisch schon und doch noch immer körperlich, schreit die Trompete – dann ist Stille. Hochkonzentriert und detailscharf breitet Iván Fischer das Werk vor den Hörer*innen aus, leuchtet es mit viel Tiefenschärfe aus, pumpt es mit ratloser Innerlichkeit auf und schafft daraus ein Stimmungsbild, das überhaupt nicht verkopft wirkt, aus Reduktion und Analyse leben gewinnt. es ist ein Abend, an dem weniger (viel) mehr ist, ein Abend, der Igor Strawinsky in (fast) all seiner Komplexität und Nuanciertheit gerecht wird. Meisterschaft muss nicht laut sein, Perfektion nicht auftrumpfen. Da wird dem Rezensenten licht im Kopf um warm ums Herz.

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2 Gedanken zu „Licht im Kopf, warm ums Herz

  1. […] luftig transparent das Konzerthausorchester Berlin, zurückgenommen detailscharf die Lesart mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Mit seinen Budapestern geht der Ungar nun forscher vor, affirmativer, aggressiver auch. Das wird […]

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