Recyclinghof mit Schlagseite

Yael Ronen & Ensemble: Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Das Maxim Gorki Theater ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ethnisch divers, postmigrantisch, queer, feministisch macht es sichtbar, was und wen man auf anderen Bühnen auch im Jahr 2019 nicht tagtäglich findet. Auch wenn die Katalysatorwirkung der Bühne, deren Arbeit weit über die Berliner Grenzen hinausstrahlt, nicht zu bestreiten ist, lässt sich dem Eindruck, dass sich so manches andere Theater zurücklehnt im wohligen Wissen, „das Gorki“ mache das ja alles schon, dann müssen wir das nicht auch noch, nicht immer widersprechen. Nicht jedes Theater würde – wie im vorliegenden Fall – eine Premiere sausen lassen, damit die weiblichen Mitarbeiter*innen an einem „feministischen Streik“ teilnehmen können. Und weil das Gorki – Markenbildung kann man am Festungsgraben auch – immer vorn dabei ist, wenn es um gesellschaftliche Themen der Stunde geht, ist es auch besonders nachhaltig. Hier kommt nichts weg, was sich noch verwerten ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war 2009 ihr erstes großes Erfolgsstück auf deutschsprachigen Bühnen.

Bild: Esra Rotthoff

Zehn Jahre später ist der Nahost-Konflikt weiter ungelöst und das deutsche Verhältnis zur eigenen Vergangenheit komplizierter denn je. Zeit also für eine Neuauflage, einen Blick, was die dritte Generation nach Shoa und Nakba, dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden und dem konstituierenden Mythos palästinensischer Auflehnung gegen den Staat Israel, sowie ihre Nachfolgerin heute umtreibt. Den Optimismus, der Konflikt sei lösbar hat die israelische Regisseurin mittlerweile verloren, wie sie im Programmzettel-Interview zugibt. Das ist die eine Crux des Abends. Die andere: Vor zehn Jahren waren Ronens autobiografisch gefärbter Pseudo-Authentizitätsslapstick, die Auseinandersetzung mit virulenten Themen an der Grenze zwischen Spieler*in und Rolle, ihr pseudotherapeutisches Identitätstetris neu. Das ist viele erfolgreiche Inszenierungen und zwei Theatertreffen-Einladungen später längst nicht mehr der Fall. Und so steht, pardon, sitzt das Publikum dem grauen Stuhl-Halbkreis von eisernem Vorhang heute mit anderer Erwartungshaltung gegenüber.

Die schnell vergessen scheint, denn der Charme von Ronens beißender Dauerselbstironie ist ungebrochen. Weil sie Spieler wie Niels Bormann hat, der seine Rolle als sich hinter einer salonlinken Gutmenschen-Maske verbergender deutscher Rassist wieder aufleben lässt, indem er sich mit viel Verve bei allen möglichen von den Deutschen verfolgten Gruppen – von den Juden bis zu den Türken – entschuldigt und dabei reihenweise Freudsche Versprecher abliefert (etwa „minderwertig“ statt „Minderheit“), welche die tatsächliche Gesinnung und mit ihr gleich die selbstgerechte Oberflächlichkeit der deutschen Vergangenheitsbewältigung offenlegen. Das ist nicht sonderlich tief, trägt aber locker über die ersten zehn Minuten hinweg. Was auffällt, ist, dass Ronen sich vor zehn Jahren wenig Gedanken über theatrale Konventionen machte. Während sie ihren Arbeiten heute meist eine Art Rahmengeschichte gibt, welche die unvermeidliche Gruppentherapie lustvoll untergräbt, bleibt auch die Neuauflage des Klassikers eine Nummernrevue.

Nacheinander – und gern auch durcheinander – dürfen sich die Deutschen, Palästinenser*innen und Israel*innen durch die eigenen Opfer- und Identitätsmythen pflügen, wobei Ronen zunächst einen Fokus auf deren Absurdität legt. Wo etwa ist Yousef Sweid einzuordenen – palästinensischer Herkunft, aber in Israel geboren? Oder Abak Safaei-Rad – gebürtige Deutsche, jedoch aufgrund des sudanesischen Vaters meist als „fremd“ gelesen? Da kann Lamis Ammar, eine von vier „neuen“ Spielerinnen – neben den sechs aus der Originalinszenierung übernommenen – noch so sehr behaupten, der Konflikt sei schwarz und weiß und ganz einfach: Die absurde Komplexität von Auseinandersetzungen, die auf der Möglichkeit klarer Zuordbarkeiten basieren, liegt schnell auf der Hand und eskaliert in einem grotesken Wettstreit darüber, wer jetzt eigentlich wen ins Meer treiben soll und will.

Nur braucht der Abend eben auch diese Frontlinien. Gut, dass es die weißen Deutschen gibt: Knut Berger spielt einen ideologisch verbohrten Aktivisten, der alle linken Reinheitsdiskurse von Tierrechten bis zum Israelboykott durchdekliniert und damit den hilflos trotteligen Mitläufer Bormann zur Verzweiflung treibt und sein wohlmeinendes Toleranzgebaren gerechtfertigter Lächerlichkeit preisgibt. Ein Klischeefest, das Schenkelklopfer produziert und nicht wehtut. Was leider auch viel zu oft für die israelisch-palästinensische Ebene gilt. Da wirft man sich reichlich durchgekauter Vorwürfe an die Köpfe, würzt sie mit reichlich (Selbst-)Ironie, damit sie nicht zu sehr schmerzen und schon ist man auf der Höhe der Erkenntnis und gefällt sich darin. Natürlich ist das Auseinandernehmen des israelischen Selbstverteidigungsmythos anhand einer pubertären Auschwitz-Reisegruppe samt Lagerfeuer-Songs an der Gitarre, hochkomisch. Es bleibt aber auch in einer konsensfähigen Schlussfolgerung stecken, die der alltäglichen Existenzbedrohung Israels nicht gerecht wird. Was das Paradoxe des Abends herausstreicht: Gewissheiten werden genüsslich zerlegt, nur um Platz zu machen für neue, weitere Komplexitäten und Widersprüche überdeckende vermeintlich einfache „Wahrheiten“. Dabei können auch Klischees wirken: Im Falle von Oscar Olivos Kurzauftritt als amerikanischer Trump-gläubiger Vermittler, der eine vertikale Zweistaatenlösung vorschlägt – ein Staat gebaut über dem anderen, natürlich fairnesshalber rotierend – und damit die Mischung aus Spielballcharakter und Naivität westlicher „Nahost-Politik“ ausstellt.

Zweimal bricht Ronen die eher ausgelassene Stimmung: Einmal erzählt Ammar eine Geschichte über einen Berlinale-Auftritt, bei dem ihr verboten wurde, sich als Palästinenserin zu bezeichnen, ein anderes Mal berichtet Karim Daoud von der Erniedrigungserfahrung einer israelischen Hausdurchsuchung, die er als 13-Jähriger zu durchleben hatte. Hier bricht die alltägliche Realität hinter den Parolen durch, erstarrt das Lachen, setzt der Abend Stachel der Scham. Die Tatsache, dass diese Momente allein der als palästinensisch definierten Erfahrung vorbehalten sind, gibt dem Abend aber wieder eine nicht unproblematische Schlagseite. Hat er eben noch jegliche Verbohrtheiten der Lächerlichkerit preisgegeben, verpasst er ihnen nun eine Bewertungsskala.

Das Problem der Neuauflage ist, dass es die Identitätskrise seiner Figuren-Spieler*innen teilt. Seines Optimismus, seiner Hoffnung, die Kommunikationsbarrieren spielerisch ad absurdum zu führen, können einen Weg für die Zukunft weisen, beraubt, bleibt ihm wenig anderes, als bei der Bestandsaufnahme stehen zu bleiben. Und diese steckt in der Distanz fest, weswegen das Lachen des Publikums ein weniger bitteres und ein selbstvergesseneres ist als in so manch schärferer Ronen-Arbeit. Nur zweimal kommt sie den Zuschauer*innen gefährlich nahe. Einmal, wenn Ammar und Daoud ein mitklatschfähiges Terrorismus-verherrlichendes palästinensisches Protestlied anstimmen und Michael Ronen anschließend sichtlich angefasst (spielend) das Publikum darauf hinweist, wobei sie gerade mitklatschen. Oder gegen Ende, wenn der bis dahin stumme Dimitrij Schaad eine Schlussstrichdebatte anstiftet, die Diskursherrschaft der Schuldrhetorik-Nation Deutschland, die Bormann verloren hatte, wieder an sich reißt und dabei mit autoritärer Aggressivität rechte Parolen mit Gesunder-Menschen-Verstand-Rhetorik kombiniert, womit er das Publikum zwischen unreflektiertem Gelächter und zustimmendem Kopfnicken an den Rand der Selbsterkenntnis manipuliert, die Bormanns Figur verwehrt bleibt. Diese unfreiwillige Reise an den Rand der brüchigen Fassade vermeintlich auf der richtigen Seite stehender selbstgerechter Toleranzideologie, die nur um den Preis der Verdrängung nicht verarbeiteter Ressentiments funktioniert, wird jedoch sogleich verwässert, wen sich Schaads Alter ego als Neu-Rechter outet und so die komfortable Distanz wiederherstellt. So bleibt ein Abend, der begeistert, weil er nicht wehtut, der zufriedenstellt, weil er sein Publikum nicht mit Selbsterkenntnis überfordert. Und der den Beweis erbringt, dass Recycling den Rohstoff nicht immer veredelt.

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