Auf dem Drahtseil

Der zukünftige Chefdirigent Kirill Petrenko und Patricia Kopatchinskaja zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Schönberg und Tschaikowsky

Von Sascha Krieger

Es ist ja fast schon beängstigend: Da ist Kirill Petrenko noch ein halbes Jahr gar nicht im Amt als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und schon wird er hier längst als Messias gefeiert, als Lichtbringer nach der alles andere als dunklen Rattle-Ära, bekäme er wohl bereits stehende Ovationen, wenn er sich einfach nur in den leeren Raum stellte. Aber was soll man machen, gerät doch jeder seiner bislang raren Auftritten am Pult seines zukünftiges Orchesters zum Triumph, zuweilen gar zur Offenbarung. Das ist auch bei seinem zweiten und letzten Programm dieser Spielzeit nicht anders. Klug programmiert wie immer: Zweite Wiener Schule gepaart mit russischer Hochromantik, Kernrepertoire und vermeintliches Nebenwerk, Deutsch(sprachig)es und Russisches. Am Ende steht das Publikum wieder, Petrenko lächelt scheu, beinahe ein wenig verlegen. Alles wie immer. Ein Vorgeschmack, eine Verjheißung.

Die Berliner Philharmoniker mit Patricia Kopatchinskaja und Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

Kirill Petrenko ist ein Meister der Zwischentöne, ein Analytiker, ein Detailarbeiter, der auch bei äußerst vertrauten Werken oft die Partitur vor sich hat. Aber auch einer, der bei Analyse und Detailblick nicht stehen bleibt, der das Erkannte mit Leben füllt und zu zuweilen sehr eigenwilligen und fast immer zwingenden Lesarten verdichtet. Ein Dirigent mit Visionen, sicher, aber bei ihm entstehen sie aus der Partitur heraus, nicht umgekehrt. Lebendigkeit, Lebensfülle, Optimismus: Begriffe, die man mit den beiden Werken dieses Abends eher nicht assoziiert. Hier Arnold Schönbergs mathematisch theorieschwere Zwölftonmusik, der man in der Regel sehr viel Kopf und eher weniger Herz unterstellt, dort Peter Tschaikowskys schicksalbeladene schwermütige fünfte Symphonie. Da sollte man das Saallicht schnell aufdrehen, sonst wird es düster.

Theodor Adorno hat den Schönberg-Hörer (zitiert im Programmheft) einst zu „schärfster(r) Aufmerksamkeit“ aufgefordert, sein Werk verlange „aktiven und konzentrierten Mitvollzug“. Die moldauische Geigerin Patricia Kopatchinskaja sieht das anders: „Schönberg braucht weniger das intellektuelle Verstehen, eher das Spüren, Ahnen, Fantasieren“. Und so spielen Orchester und Solistin Schönbergs Violinkonzert denn auch. Wer will, darf die Arbeit mit den Zwölftonreihen akribisch mitvollziehen, Petrenkos und Kopatchinskajas Präzision lässt keine Wünsche offen. Allerdings würde ein solcher Hörer viel verpassen. Schönberg selbst verortete in seiner Musik Kopf und Herz, an diesem Abend pumpt letzteres reichlich musikalisches Blut in den großen Saal der Philharmonie. Kopatchinskajas Bogen singt und tanzt, fliegt über die Seiten, hüpft auf ihnen herum, traktiert sie perkussiv, lustvoll, leidenschaftlich, nicht ohne Humor gar. Das Orchester springt mit, verdichtet das ihm zugeworfene Material, setzt auch mal Schärfungen und Ballungen dagegen, welche die Solistin wiederum herausfordern. Ein schroffes Gebirge mit vielen Felsspalten die Kadenz des Kopfsatzes, doch Kopatchinskaja schaut zwar in die Tiefe, tänzelt dann aber behende über die Abgründe hinweg. Orchester und Solistin fragmentieren den Satz, um ihn spielerisch wieder zusammenzusetzen. Eine Spielwiese voller Spannung, Energie und Potenzial.

Von zwielichtiger Schönheit ist der langsame zweite Satz. Intim und zerbrechlich der kurze Dialog der Geigen von Solistin und Konzertmeister (Daniel Stabrawa), ansonsten tauscht das Orchester den Saal in flirrendes Zwielicht, belegt, wie sehr Schönberg Musik fähig ist, Stimmungen zu erzeugen, Atmosphäre zu schaffen. Kopatchinskajas Instrument wandelt auf der Grenze zwischen Gesang und Zerbersten. Der Abgrund gähnt, aber sein Rand ist dafür da, auf ihm zu tanzen. Was im Finale ausgiebig geschieht. Petrenko schärft noch mal das Klangbild des Orchesters, reduziert es aufs wesentliche, lässt die hohen Register betonen, wie ein Drahtseil, auf dem die Solistin balanciert. Ihr Spielt springt und bricht und fließt, um zu explodieren. Die Unsicherheit ist Programm und wird zur Lebensader. Die Geige singt und schreit und erzählt, plastisch und stets am Rand des Zerspringens. Perkussiv, begleitet von faszinierendem Mienenspiel Kopatchinskajas die Kadenz, scharfkantig der Schluss mit letztsekündigem Zusammenfinden von Orchester und Solopart. Ein wilder Lebenstanz, ein Fest der Flüchtigkeit, die es festzuhalten gilt im Wissen der Unmöglichkeit des Unterfangens. Der Kopf ist da, das Herz tritt dazu. Am Ende eine Zugabe, ein schelmisch ausgelassener Satz von Darius Milhaud, gemeinsam gespielt mit Klarinettist Andreas Ottensamer.

Die Bühne ist bereitet für das große Schicksalsdrama des Peter Tschaikowsky. Doch siehe da: Das Schicksalsmotto haucht Ottensamer so trocken, so resigniert, so scheu, beinahe verlegen in den Raum, dass es sich über seine eigene Unbedingtheit zu wundern, sich für sie zu schämen scheint. Es kommt aus der Stille und kehrt in sie zurück. Nein, hier ist kein Platz für Schicksalsschwere und Pathos. Spielerisch tasten sich die Themen und Motive hervor, Licht erfüllt den Klangraum, ein Blühen und Vergehen, ein Ansetzen und Scheitern. In freudiger schärfe rufen die Blechbläser, in stillem Ernst singt Stefan Schweigerts Fagott, Leben erfüllt das Spiel, Aggression blitzt auf, aber auch kraftvoller Jubel, Angst steht neben Übermut, Bedrohlichen neben Albernheiten. Petrenko ringt seinem Orchester eine blühende Farbigkeit ab, lässt die Farbtöne miteinander interagieren, ein klangliches Pingpong-Spiel, das den Raum weitet. Vergessen die zitierte Schicksalsschwere des Beginns – hier herrscht das Jetzt. Berückend der zweite Satz: Anhebend unter einer unendlich warmen Streicherdecke, berührt der zarte und doch geerdete Horngesang des Gastsolisten Johannes Dengler (der in Petrenkos Münchner Staatsopernorchester spielt), setzen die hohen Holzbläser (allen voran der immer göttlicher klingende Oboist Jonathan Kelly) magische und doch vollkommen irdische Lichtpunkte. Bricht das Schicksalsmotiv ein, tut es das mit nüchternster Härte, empathiefreier Brutalität – und ist doch machtlos. Beim zweiten Versuch wirkt es schon leicht abgeschwächt – der Boden ist fest, auf dem das Orchester hier singt. Wie von fern weht am Ende Ottensamers Klarinette heran, tief atmend, ein wenig vernebelt, brüchig zart.

Da dürfen die Streicher im dritten Satz auch walzerseelig schmelzen, Klarinette und Fagott fröhlich tänzeln, das Tempo spürbar anziehen. Die Streicher trippeln rasant, die Motive spielen Ping-Pong, Kellys Oboe lässt den Walzer schweben. Das Schicksal hat ausgedient und steht in der Ecke. Da bleibt es auch im Finale, dem sicher am radikalsten neuninterpretierten Satz. Petrenko steigert die Tempi ins kaum noch Spielbare. Das Orchester rast, freudig, doch nicht gefahrlos. Im Inneren brodelt es, tobt der Sturm, wogen die Wellen. Aufgewühlt ist die orchestrale See, pausenlos peitscht der Sturm. Das Blech treibt, das Holz singt, die Spannung steigert sich. Dunkel und Licht, Verdichtung und der Drang ins Offene wetteifern miteinander, Farben wechseln in irisierender Schnelle. Bevor das Schicksalsmotto sich in ungefiltertem Optimismus erhöht, eine lange Pause, ein Innehalten, das wie ein Fragezeichen im Raum steht. Die Streicher strahlen, das Blech glänzt, doch die Unruhe bleibt bis zum aufgewühlten Schluss. Da explodiert die Musik in den Raum, affirmativ, vital, mit einer Kraft, die auch zu zerstören vermag. Alles bleibt offen. Und die Wartezeit bis zu Kirill Petrenkos Amtsantritt kaum auszuhalten.

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2 Gedanken zu „Auf dem Drahtseil

  1. […] erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun tatsächlich wieder am Philharmoniker-Pult steht, durfte der Nachfolger ran und in der Begeisterung des Publikums baden. Und für die Rückkehr hat er sich ein Programm […]

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