Fein gewebt

Iván Fischer, Renaud Capuçon und das Konzerthausorchester Berlin eröffnen das Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Die roten Rosen von der Dame im roten Blazer in der ersten Reihe gibt es immer. Eine für den Solisten, der Rest des Straußes für den Dirigenten. Man weiß am Gendarmenmarkt, was man an Iván Fischer, dem stets freundlichen Ungarn, hatte. In seinen sechs Jahren als Chefdirigent des Konzerthausorchesters hat er den Klangkörper hörbar vorangebracht, auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem RSB, dem DSO, der Staatskapelle. Und er hat aus dem Konzerthaus einen  Ort musikalischen Lebens gemacht, der sich mit der übermächtigen Philharmonie messen kann, nicht zuletzt mit seinen innovativen Konzertformaten – vom Überraschungskonzert bis zur immersiven „Mittendrin!“-Reihe – und seinen Schwerpunkten und Festivals, den jährlichen Hommagen, die auch internationale Spitzenkünstler- und -ensembles ins Haus bringen. Das bleibt auch nach seinem Abschied so: Der heutige Ehrendirigent leitet auch zukünftig vier (!) Programme pro Spielzeit und kehrt jetzt einfach mal so mit einem sechstägigen Strawinsky-Festival zurück. „Absolut Strawinsky!“ heißt das – der Ungar liebt seine Ausrufezeichen – und sieht Fischer gleich dreimal am Pult – mit drei Orchestern, die ihm am Herzen liegen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Zur Eröffnung steht er natürlich dem Local Hero vor, dem Konzerthausorchester, das irgendwie immer noch das seine ist – schließlich ist Fischer auch in dieser Spielzeit noch höchst präsent, während sich sein Nachfolger Christoph Eschenbach noch nicht blicken ließ. Vier Werke Igor Strawinskys stehen auf dem Programm und schnell wird deutlich, dass dieses „Orchesterfest“ eine wahre Herzensangelegenheit des 68-Jährigen ist. Drei Werke seiner späteren, an seine neoklassizistischen Anfänge anknüpfenden Periode in den 1930er-Jahren kombiniert Fischer mit dem Werk, das Strawinskys wahrer Durchbruch war: der Balletmusik zu Der Feuervogel von 1910, die er vor genau 100 Jahren zu einer Orchestersuite zusammenstellte.

Den Anfang macht eine andere Ballettmusik, Jeu de Cartes, ein getanztes Pokerspiel in drei Runden von 1937. Fischer foppt das Publikum mit klassizistisch feierlicher Klangfülle, um sogleich zum Spiel zu kommen, zur klanglich farblichen Aufspaltung des musikalischen Wettspiels, in dem er die Einzelstimmen argumentieren und streiten lässt, zitathaft die Musikgeschichte durchschreiten lässt. Fischer packt das Vergrößerungsglas aus, schaut auf jedes Detail, trägt die Schichten ab, um die Collagenhaftigkeit der Musik und den Duellcharkter der thematischen Arbeit herauszustellen. Er betont die Gegenläufigkeiten der einzelnen Instrumentengruppen und Klangebenen, arbeitet das schillernde Farbengewirr fein heraus, das sich zuweilen zu frischbunten Bildern mischt. Er baut und dekonstruiert Schichtenmosaike, lässt den Walzer im Schlussstück ins Offene ausfasern, ins Ungewisse des Spiels. Das Gegeneinander, die subkutane Unruhe erzeugen eine Grundspannung, die bis zum letzten Takt bleibt. So leicht und zitatenreich die Musik daherkommt, so hoch ist ihre Fallhöhe. Fischer gelingt es, die Komplexität und den Spannungsreichtum dieser Musik herauszuarbeiten, ohne ihr die Leichtigkeit zu nehmen.

Und weil diese beglückende Nahaufnahme noch nicht reicht, tritt sogleich der französische Geiger Renaud Capuçon hinzu, um Strawinskys Violinkonzert in D zu geben, einen der wenigen Beiträge Strawinskys zu den traditionellen Gattungen der Orchestermusik. Rau und fest ist Capuçons Strich, ohne ein Gramm Fett sein Klang, affirmativ sein Spiel, aber ohne jede Aggressivität. Der Solist wechselt behende zwischen Rhythmik und Kantabilität, wandelt auf dem Grat, auf dem das Werk als Ganzes über weite Strecken balanciert. Das Orchester gibt sich vor allem im ersten Satz recht streitlustig. Das Klangbild verschlankt und konzentriert, agiert es recht aggressiv, stellt sich dem Solopart entgegen, ist mal Dialogpartner, mal Gegenspieler. Zuweilen treibt es den Solisten fast vor sich her, ein recht muskulöser Ansatz, der die Spannung hochhält. Auch im zweiten Satz, wo das Orchester zurückhaltender agiert und eher auf die Gegenläufigkeit und das Auseinanderdriften des musikalischen Materials fokussiert. Hier ist die Spannung unterschwelliger, aber kaum geringer. Capuçon reagiert, indem er perkussiver spielt, was in einem Auf und Ab der Machtverhältnisse resultiert. In den beiden Folgesätzen kippt die Dominanz klar in Richtung Solist. Im dritten darf Capuçon sein gesamtes sangliches Spektrum zeigen, sein Spiel kreist und fleht und mäandert, bleibt aufgeraut, der Boden ein schwankender. Treibend und tänzerisch das Finale. Die Holzbläser kommentieren, das Orchester bleibt im Hintergrund. Capuçon gelingt es allein, die Spannung aufrechtzuerhalten, er pumpt Bewegungsenergie in den Saal, springt energisch durch die ambivalenten musikalischen Welten, schielt mal in Richtung Moderne, deutet ein wenig Romantik an und zitiert klassischere Formsprachen. Wo in Jeu de Cartes die musikalischen Welten nebeneinander standen, fließen sie hier ineinander. Und Renaud Capuçon versteht es meisterhaft, diesen Zeiten umspülenden Strom hörbar zu machen.

Nach der Pause wird es zunächst stiller: Die elegische Ode ist dem Andenken an Natalia Kussevitzky, die Gattin des legendären Dirigenten Serge Kussevitzky gewidmet. Iván Fischer verortet das Werk in einem Zwischenraum aus Zwielicht. Er fächert das Klang- und Farbspektrum auf, lässt die Instrumente brüchig singen, tendiert zur Fragmentierung. Wie spannungsreich das zarte Trio von Solovioline, -bratsche und -cello hier klingt! Der energische Mittelsatz fokussiert auf das gegeneinander unter der Oberfläche, statt eines Wirbelwindes herrscht hier fragende Unruhe. Im Schlussteil irrlichtert das Holz, in irisierenden Farben, die einen suchen und sich am Ende verlieren.

Und sich im abschließenden Feuervogel aus der Stille hervortasten. So nuanciert, so behutsam hat man dieses orchestrale Paradestück wohl selten gehört. Vor allem die ruhigeren Abschnitte gelingen berückend. Immer wieder bewegt Fischer die Einzelstimmen ins Scheinwerferlicht, lässt sie sich etwa im Prinzessinnenreigen zart zusammensingen. Fast scheu wirken die intimen Gesänge mitunter, beinahe ängstlich. Kein Wunder, der bricht Höllentanz doch mit unbarmherziger Härte herein, eine nüchterne Vernichtungsmaschine, schnörkellos, effizient, unbarmherzig. Dabei reduziert Fischer die klanglichen Extreme, verdichtet das geschehen zu einer Gewalt, die keine Farbigkeit zulässt. Von unfassbar scheuer Zartheit dann das sachte Aufblühen im Gesang des Feuervogels, bis zum Zerreißen fragil, immer am Rand des Entschwindens. Plötzlich wird es licht, atmet der tastende Gesang, atmet sich hinein in die Welt, unsicher noch, voller Anspannung. Die Farben kehren zurück, wandern federleicht durch die verschiedenen Inkarnationen des finalen Themas, ein zartes Aufblühen ohne jeden Hang zum Spektakulären. Ein feines Gewebe entsteht, auf Farben, Klang, Rhythmus. Nicht ohne eine Erinnerung an die Gewalt der Welt und doch voll frühlingshafter Hoffnung. Igor Strawinsky wird oft auf die Herrschaft des Rhythmus, auf wild Tänzerisches und explosiv Revolutionäres reduziert. Dieser Eröffnungsabend legt das Augenmerk auf den Reichtum seiner Klangsprachen und seines Ausdrucksspektrums , auf die Komplexität unter der Oberfläche. Und ihm gelingt damit ein Auftakt, der mitunter den Atem raubt.

Noch einmal am 10. März 2019 um 16:00 Uhr.

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2 Gedanken zu „Fein gewebt

  1. […] Kritik zur ersten Aufführung desselben Programms am Freitag: Stagescreen. […]

  2. […] brachte. Dabei hat jedes der drei Dirigate seinen sehr eigenen Charakter: luftig transparent das Konzerthausorchester Berlin, zurückgenommen detailscharf die Lesart mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Mit […]

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