Der Abgrund lächelt

Ferdinand Schmalz: der tempelherr. ein erbauungsstück, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Philipp Arnold)

Von Sascha Krieger

Wer Theater sucht, in dem die Sprache mit all ihren Unebenheiten, Undeutlichkeiten, Brüchen und Sackgassen die Hauptrolle spielt, schaue am besten nach Österreich. Dort findet sich nicht nur mir Elfriede Jelinek die vermutlich größte Sprachsubversive der deutschsprachigen Literatur, sondern mit Ferdinand Schmalz auch ein Dramatiker, der mittels kleinster Verschiebungen, Hinzufügungen und Kippungen aus der Alltagssprache musikalisch rhythmische Gebilde fernster Nähe und familiärster Fremdheit zu machen vermag. Allein der Titel seines neuen Auftragswerk des Deutschen Theaters: Ein „Erbauungsstück“ will es sein, also eines, das moralisch aufpäppelt, Mut macht, Optimismus schürt. Nein, es geht darin einfach ums erbauen. Eines Hauses. Oder so. Und „der tempelherr“? Wer denkt da nicht an Lessings Nathan der Weise, in der eine so benannte Figur eine Schlüsselrolle innehat in einem wahrlichen, vielleicht gar dem Erbauungsstück überhaupt. Und ja, auch bei Schmalz geht es um eine Gesellschaftsvision, doch ist der Titelgeber hier kein Kreuzritter, sondern einer, der, nun ja, eben einen Tempel baut. Es gibt derzeit wohl kaum einen Autor, der es so wie Schmalz versteht, Worte, Sprache von ihrem metaphorischen, assoziativen Ballast zu befreien und sie eben dadurch mit unbegrenztem Potenzial aufzuladen.

Bild: Arno Declair

Der „Tempelherr“ dieses Stücks heißt Heinar – und ist verschollen. Philipp Arnolds Uraufführungsinszenierung beginnt denn auch mit einer Reihe von „The-End“-Karten aus klassischen Hollywoodfilmen, bevor die Kamera durch verfallene Theaterräume streift. „Dass man aus den Ruinen lernen kann“, hofft eine Figur zu Beginn. Deshalb streift man zurück in eine potenzialreiche Vergangenheit, in der die Ruinen noch keine waren. Und von denen gibt es reichlich: Viktor Reim hat schroffe Trümmer auf der Bühne verteilt, die scharfkantig in einen nicht vorhandenen Himmel ragen und irgendwo zwischen Weltkriegsbunker und filmischer Post-Apokalypse angesiedelt sind. Die „Gegenwart“ ist eher eine dystopische Zukunft. Die Darsteller*innen sind denn auch in der Fantasy-Welt entlehnten Kostümen gewandet, mit reichlich postapokalyptischen Fell-Chic, nur Bernd Moss glitzert in seinem Goldanzug wie der Albtraum eines Märchenprinzen. Hier ist etwas schief gelaufen – nur was?

Heinar, der Abwesende (ist die Namensähnlichkeit mit einem bekannten Theater-Dystopiker Zufall? Zumal es in den einleitenden Worten heißt, alles was existiere, seien Ähnlichkeiten?), war einst angetreten, seiner Familie ein Haus zu bauen, irgendwo auf dem Land, dem reinen, unbefleckten. Und endete als Erbauer elaborierter Tempelanlangen im griechischen Stil, Heim einer utopischen neuen Form noch zu findenden Zusammenlebens. Ein Weltenerbauer, ein Alternativen Suchender, ein Ausweg-Schürfer. Der natürlich scheitert, denn die Welt ist für ihn nicht reif. Zu engstirnig, zu Besitzstandwahrend, zu zynisch, zu machtbeflissen. Die Freunde verspotten ihn, die „Einheimischen“ sehen ihre Ordnung gestört. Seine neue gefährdet ihre alte. Und so holen sie sich diese, ihn, zurück, überstülpen dem Gescheiterten die eigene Deutungshoheit, erzählen seine Geschichte, konstituieren seine Realität als die ihre.

Mit den Mitteln des Theaters: Sie erstellen, re-imaginieren, manipulieren Szenen, testen Rollen, kreieren Bilder. Und ringen mit der Sprache: so sehr sie ihre Sicht aufzwingen wollen, so sehr kommt ihnen ihr Sprechen abhanden. Die alltäglichen Sätze erhalten Widerhaken, drehen Schleifen, knüpfen Knoten, kippeln am Rande der Bedeutung. So entsteht ein rhythmischer, beinahe musikalischer Fluss, der sie wegspült, eins macht, ihre Gewissheiten in der Möglichkeit kollektiv akzeptierter Sinnfreiheiten auflöst. Das fünfköpfige Ensemble, aus dem lediglich zuweilen Natali Seelig als zwischen den Welten zerrissene Heinar-Gattin Petra, mit trockenem Zweifel und ratloser Selbstbehauptung ausbricht, wird zerrissen zwischen Inhalt und Sprechen, zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen Wort und Klang.

Und so zersplittert auch ihre Weltsicht, zerfällt ihr Blick in das keleidoskopische Mosaik eines Facettenauges, vermischen sich (wörtlich gemeint) Mensch und Bremse. Arnolds Inszenierung spiegelt diese Verunsicherung des Blicks auf die Welt in einer Multiplikation der Ebenen: Ein Gazevorhang projiziert das hinter ihm Sichtbare, die Ruinen machen aus Video ganzheitlichen Videos nicht zusammen passende Bruchstücke, bevor diese sich wiederum in unzählige Fragmente zersplittern. Diese wollten die fünf doch einsammeln, um ein Ganzes zu finden, so wie Heinar ein solches schaffen wollte. Das Ergebnis ist ein gegenteiliges: Die Stücke finden nicht zusammen, sondern zersplittern immer weiter, wie die heile Welt sich als endzeitliche Hölle entpuppt, die Vernunft als zerstörerische Kraft, der vermeintlich gesunde Menschenverstand als moralischer Totengräber.

Dabei finden Schmalz – wie immer – Arnold und die famosen Spieler*innen (neben den genannten Linn Reusse, Edgar Eckert und der für dieses Stück unverzichtbare Singsang des Harald Baumgartner) eine Menge Humor in der weitgehend entfärbten, dunkel schroffen Nach-Welt voller grotesker Maskenwesen, albtraumhafter, archaischer, gesichtsloser. Die Figuren sind durchaus karikaturesk angelegt, deuten hin auf so manche Spezies ((post)post)moderner, urbaner (und nicht-urbaner) Zivilisationsbewohner – vom Besorgtbürger über den ordnungsliebenden Spießbüger bis zum patriarchalen Machtmensch, wobei auch Aussteigerträumer Heinar genügend Fett wegkriegt – und sorgen für manch wohligen Lacher. Wie der Abend ohnehin vielleicht ein bisschen zu wenig wehtut. Zu klar sind die Fronten, zu wahnwitzig Heinars Gegenentwurf, zu deutlich und früh auserklärt die Kernmetaphern. Und stört doch kaum, denn Schmalz‘ Sprachananrchie ist so anders als Jelineks: nicht aggressiv herausfordernd, sondern sich anschmiegend, einschmeichelnd, einlullend und in höchster Bequemlichkeit dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegziehend. Was das gesagte nicht immer schafft, die Unsicherheit, die Fragilität gesellschaftlichen des Konsens zu vermitteln, tut die Art, wie gesagt, gesprochen, dekonstruiert wird. Das gilt auch für Arnolds Inszenierung. Sie grinst ihr Publikum freundlich an, nimmt es an die Hand, bis es unvermittelt vor dem großen schwarzen Abgrund steht. Der wiederum – wie könnte es anders sein? – lächelt.

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