Farbenspiele im Zirkus

Zubin Mehta und Martin Grubinger zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

In der Berliner Philharmonie ist im März so etwas wie Familientreffen angesagt: Kurz bevor der Ex (Sir Simon Rattle) vorbeischaut, kommt der Neue (Kirill Pretrenko) vorbei. Da dürfen auch alte Freunde nicht fehlen: Also macht zunächst Zubin Mehta, seit einigen Tagen (endlich – die Staatskapelle machte ihn schon vor Jahren zum Ehrendirigenten) Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, seine Aufwartung. Als er erstmals an deren Pult stand, war Rattle sechs Jahre alt und Petrenko noch mehr als eine Dekade von seiner Geburt entfernt. 82 ist der Maestro mittlerweile und nach einer Operation im vergangenen Jahr nicht mehr gut zu Fuß, weshalb er derzeit im Sitzen dirigiert. Einen neuen Freund hat er auch dabei, Martin Grubinger, den österreichischen Star-Schlagzeuger. Dass er zuvor noch nie mit dem Orchester konzertierte, ist wohl das Überraschendste an diesem Abend, der zunächst voll und ganz im Zeichen des Perkussiven steht. Die Vorspeise stammt von Edgar Varèse, einer der aufregendsten und radikalsten Komponistenstimmen der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts. Wo andere sich weiter mit Tönen und Noten und deren Anordnung befassten, nahm der Franko-Amerikaner einen lange vernachlässigten Aspekt der Musik ins Visier: den Klang. Hierfür entdeckte er die Potenziale des Schlagzeugs, zuvor bestenfalls Beiwerk, dienende Instrumente, keine Kandidaten für Hauptrollen.

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Was für ein passender Einstieg könnten seine Intégrales also sei – vorausweisend sowohl auf Peter Eötvos‘ Schlagzeug-Konzert als auch auf Nikolaj Rimsky-Korsakow, selbst ein Komponist, der Instrumentation und Klangbild als zentralen Aspekt orchestraler Musik auffasste. Doch leider verzwergt das Stück zum simplen Appertizer. Im Programmheft wird Varèse mit den Worten zitiert, das Stück sei eine „sich verändernde Projektion einer geometrischen Figur auf einer ebenen Fläche“, bei der beide „in ihrer eigenen Geschwindigkeit um sich kreisen, sich im Raum bewegen“. An diesem Abend jedoch kreist wenig und bewegt sich gar nichts. Stattdessen monologisieren die beiden Elemente – Schlagzeug und Bläser – weitgehend unabhängig von einander vor sich hin und gefallen sich in Klangbildern des Stillstands. Die spannende klangliche Konfrontation des Werks – die Bläser teilen sich in besonders hohe und besonders tiefe Register – verpufft, auch weil die hohen Bläser die tiefen fast durchgängig stark dominieren und zudem das Holz im Blech untergeht. Also mäandert man um sich herum und nebeneinander her, werden Melodiefetzen (mit Ausnahme eines von Jonathan Kelly wie ein Irrlicht in den Raum gestellten Oboe-Solos) meist verhuscht, ergibt sich keinerlei Spannung, auch weil die klanglichen Konstraste kaum ausgespielt werden. Es scheint, als solle sich das Ohr des Publikums auf die folgende Schlagzeug-Dominanz einstellen – nicht mehr.

Anschließend passiert, was bei Grubinger oft passiert: Der Konzertsaal wird zur Zirkusmanege, das Podium zur Varietébühne. Mehrere Stationen sind aufgebaut, die Grubinger in dem ihm auf den Leib komponierten Speaking Drums nacheinander durchläuft. So wird das Konzert zur Leistungsschau, die Vokalpassagen, meist ungarische Nonsens-Lyrik zum Comic Relief. Der Dialog von Gesprochenem und Gespieltem vekümmert so zur Slapsticknummer, auch weil Grubinger kein Meister der Zwischentöne ist und das Gesicht farcenhaft verziert, wenn er die Worte und Laute in den Raum brüllt. Das Orchester unterlegt, rhythmisiert ein wenig und versucht gar nicht erst, zum Partner des Solisten zu werden. Der zeigt sein virtuoses Können, nicht mehr. Kurze Hoffnungsschimmer – etwa im zweiten Satz ein größerer Klangreichtum des Orchesters und eine Kadenz, die als Dialog mit der Stille anhebt – verfliegen schnell. Grubinger prügelt alle Subtilität weg, weist das Orchester in seine Schranken und bringt die Kadenz rasch zum Lärmen. Wenn sich dann noch zwei Philharmoniker zum Schlagzeug-Trio einfinden, gibt es gar Szenenapplaus. Wer die Augen schließt, könnte meinen, er wäre nebenan bei der Blue Man Group. Eine selbstgeschriebene Zugabe erlaubt es dem Österreicher dann auch noch ein paar Kunststückchen zu vollführen. Das DSO geht zu Weihnachten in den Zirkus, die Philharmoniker bringen den Zirkus in die Philharmonie.

Da hat es Rimsky-Korsakows Sheherazade naturgemäß schwer, zumal so manche*r offenbar nur für Grubinger gekommen war. Mehtas Lesart der Suite ist alles andere als radikal, seine Tempi tragend bis schleppend, das Spiel zunächst in filmischem Breitwandformat. Das anfängliche Unisono der tiefen Streicher hat nichts Raues oder gar Schroffes, der erdig satte Klang ist glatt und leicht konsumierbar. Auch weil Mehta das Gesangliche betonen lässt: Viele Solist*innen dürfen brillieren, allen voran Konzertmeister Noah Bendix-Balgley, der sich einmal mehr als Meister lyrischer Zartheit beweisen kann, aber auch Kelly hat einen Sahnetag erwischt. Die Berliner Philharmoniker sind ein Ensemble voller Weltklassesolist*innen – in diesen etwa 50 Minuten bekommen sie jede Gelegenheit, das zu beweisen. Ist das Tutti-Spiel zuweilen ein wenig behäbig und schwer, so zieht das Werk mit zunehmender Dauer immer mehr farblichen Reichtum aus den Einzelstimmen. Bendix-Balgleys die Titelfigur darstellende Rezitative sind mehr instrumentale Lieder als narrative Passagen, die Geschichtenreihe ein Liederreigen. Ansonsten regiert das Moderate: Dynamische Kontraste, klangliche Register, rhythmische Schärfungen – alles bewegt sich in mittleren Sphären. Das gilt auch für das Energielevel. Da hat der Zuschauer viel Zeit, sich über die klanglichen Verschiebungen zu freuen und die Bedeutung des Klangs in der Orchestermusik exemplarisch ausgebreitet zu sehen.

Erst im Schlusssatz zieht Mehta die Zügel etwas an, werden die Kanten schärfer, die Verdichtungen kraftvoller, das Klangbild muskulöser. Rhythmische Schärfungen und klangliche Konzentration pumpen Energie in den Apparat und bereiten den Boden für ein berückendes klanglichen Zusammendriften der tiefen Streicher, der Solovioline und der lyrischen Holzbläser kurz vor Schluss. So berührend hört man die finale Auflösung der Konflikte wohl selten – da stört es kaum, dass diese zuvor eher auf Sparflamme köchelten. So licht und luftig wie das Ende hätte man das ganze Werk erhofft – das aufgrund des Raums, den die Philharmoniker-Solist*innen bekommen, dann aber doch ein wenig für die zirzensische Hektik des ersten Konzertteils entschädigt.

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