Geeiste Buchstabensuppe

Nach dem Roman von Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dieser Anfang programmatisch gemeint. Oder zumindest ironisch. Romanadaptionen gelten so manchem Puristen ja als die selbstmörderische Kardinalsünde des Theaters. Also beginnt Jette Steckel die ihre mit einer Theateraufführung. Das tut auch der ihr zugrunde liegende Roman, Steckel baut aber eine schöne Volte ein: Was hier gespielt wird, ist eine Szene des Romans selbst, die wunderbar schlechte Laienspielgruppe, verkörpert von einigen der besten Darsteller*innen des deutschsprachigen Theaters, spielt also das eigene Leben. Trashig, unreflektiert, unverstanden – eben genauso wie sie leben. Da wird die Vorstadthölle zur Farce um sogleich zurück zur kammerspielhaften Tragödie zu wechseln. Vom „Zustand des totalen Selbstbetrugs“ spricht Alexander Khuon als Frank Wheeler mehrfach. Den hat der dreistündige Abend bereits zu Beginn erreicht und von der kommt er auch nicht mehr herunter. Im Mittelpunkt von Florian Lösches Bühnenbilds stehen Großbuchstaben, die zu Worten geformt werden, zu Zeichenlabyrinthen oder zu fragilen Behausungen. Zu Beginn, beim Theaterstück, formen sie das Wort „SET“, später werden sie zu „HOMESWEETHOME“, gegen Ende buchstabieren sie „SHOW“.

Bild: Arno Declair

Es ist eine Welt aus Vorstellungen, Rollenmustern, moralischen Vorgaben, in denen sich das Ehepaar Wheeler wiederfindet und die für April und Frank nur noch leere Worte sind, Worte, die eben keine Welt sind, kein Heim bieten, keine Behausung. Volatil sind sie von Anfang an: Maren Eggert gibt April, die ausgebildete Schauspielerin, die Hausfrau sein darf, als Desillusionierte, die immer wieder um sich schlägt und gegen Schluss in eisig kalter und brandgefährlicher Resignation erstarrt, Alexander Khuon seinen den Job hassenden Bürohengst Frank mit nervöser Ratlosigkeit, verzweifelter Schlaffheit, unverstandener Wut. Immer wieder geraten sie aneinander, brüllen sich in die Stille und Leere hinein, um sie nicht spüren zu müssen. Steckel wechselt diese Momente mit satirischen, den selbstbetrügerischen Routinen der anderen Höllenbewohner*innen (wobei insbesondere Kathleen Morgeneyer immer am Rand der Hysterie wandelnde und einem halbbewussten Hilfeschrei ähnelnden Nachbarsgattin überzeugt), dezent in Kostüme exquisiter Lächerlichkeit gewandet. Vor allem Judith Hofmanns Schachbretthosen und Helmut Mooshammers an einen ausgebleichten Regenbogen erinnernde Strickjacke bleiben in albtraumhafter Erinnerung. Hier spielen die fantastischen Livemusiker nichtssagenden Barjazz, angenehm, schmeichelnd, leer. So pendeln sich die ersten zwei Stunden ein, fein balanciert zwischen Kammerspiel und mild ausgeleuchteter Wohlstandssatire., eine sanfte Wellenbewegung, die keinen Spannungsbogen braucht, weil sie nirgendwo hin will. Was die Routine unterbricht, etwa Franks Affäre mit einer Kollegin, wird wie beiläufig weggetupft. Die Krise ist systemisch, Handlungen der Figuren stören da nur.

So plätschert der Abend etwa zwei Stunden lang angenehm und risikoarm dahin, eine Bestandsaufnahme etablierter Mittelstandsklischees ohne Kanten oder Stachel, sicher verwahrt in der Zeitkapsel der frühen 1960er Jahre, scheu ins heute schielend, aber beim ersten Blickkontakt in die unbestimmte Ferne schweifend. Dabei gehen leider auch die wichtigen Themen über Bord, die, will man dem Programmheft glauben, im Mittelpunkt des Abends stehen sollen. Etwa die Ungleichheit der Geschlechter: Der größte affront der Wheelers gegen die bestehende Ordnung ist ja ihr Plan, nach Paris auszuwandern, wo die Frau das Geld verdienen und der Mann sich selbst finden soll. Die revolutionäre Kraft dieses Entschlusses (die beiden leben nicht umsonst in der Revolutionary Road, so auch der Originaltitel von Richard Yates‘ Roman), der Fehdehandschuh, den er der eingefahrenen Moral seiner Zeit hinwirft, verpuffen in der Universalität der Erstarrung und der ein wenig zu harmlosen und wegzuwischenden Lächerlichkeit der potenziellen Antagonisten. So fehlt dem Abend über weite Strecken jegliche Fallhöhe – schließlich nimmt er mit der Eingangsszene sein Ende bereits vorweg, bleibt weitgehend auf der Stelle.

Das ändert sich ein wenig nach der Pause. Da reduziert Steckel das Satirische und geht dahin, wo es weh tut. Eggert und Khuon bekommen viel Raum, die Ehe- und Lebenskrise-Routinen mit Blut zu füllen, mit Brüchen aufzuladen, zu einer Intensität zu eskalieren, die auch die abgebrühteren Premierengäste nicht kalt lässt. Eine Schlüsselrolle gebührt dabei Ole Lagerpusch als gerade aus der Psychiatrie entlassenem Nachbarssohn John, dessen Stimme ungreifbar über die geerdete Welt der anderen schwebt, der mit Musikalität und einem sachten Verzweiflungscrescendo einen existenziellen Ton hineinträgt, der die festgepappte Buchchstabenwelt aus den Angeln hebt und wie ein Katalysator wirkt. Plötzlich manifestiert sich die ganze halb verstandene und ganz verdrängte Verzweiflung der Protagonist*innen, entlädt sich in einem physischen Spiel, das die vierte Wand ordentlich wackeln lässt. Was da aufbricht, führt jedoch nicht zur Erkenntnis. Die Protagonist*innen bleiben stecken – umso mehr sogar, je stärker sie sich dagegen wehren. Wenn die Anfangsszene zurückkehrt, ist die tödliche Erstarrung kaum auszuhalten, die sehnenden, traumverlorenen Illusionen der Solotrompete sind verschwunden in der Ordnung eines gelebten Todes.

Hier, in seinen letzten 30 Minuten, erreicht der Abend endlich Betriebstemeperatur. Es ist eine frösteln machende Kälte, eine seelische Eiszeit, die endlich mehr ist als pure Behauptung, getragen von dem, was Jette Steckel am besten kann: Schauspielertheater. Wie Eggert, Khuon, Lagerpusch und der Rest des Ensembles (eine lobende Erwähnung wie stets an Christoph Franken als berührend lächerlicher Nachbarsgatte) sich diese Figuren erkämpfen, sich ihren Kern erspielen und so doch etwas wie eine Brücke ins Heute andeuten, wie sie in der Leere ihrer Existenz (und der viewlzu großen Bühne) aus- und zueinander driften und steckenbleiben, ist dann doch atemberaubend und hätte eine konsequentere und risikofreudigere Regie verdient. Die sich immerhin einen schönen Seitenhieb auf die Ideologie von Ordnung und Effizienz, die hier ihre Opfer fordert, erlaubt – auf eine Weise, wie sie nur dieser Hort der Anarchie, das Stadttheater, ermöglicht. Da leistet man sich schon mal zwei Kinder, deren einzige Aufgabe es ist, zweimal über die Bühne zu laufen, und 14 Tänzer*innen, die eigens für eine kurze Diskoszene in Stroboskoplicht und Nebel (Aufwand!) auf die Bühne dürfen. Das Theater kann mehr. Auch mehr als an diesem Abend.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Geeiste Buchstabensuppe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: