Zutiefst menschlich

Marek Janowski dirigiert ein Bruckner-Programm bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Eigentlich passen sie ja gar nicht zusammen: der immer griesgrämig dreinschauende, radikal rationale Sachlichkeitsfanatiker und Partituranalytiker Marek Janowski und der Wagner-Verehrer, kosmische Bögen Spanner und Personifizierung der Hochromantik Anton Bruckner. Und irgendwie tun sie es denn doch: hier der alle Schnörkel rückstandslos wegätzende Disziplin- und Genauigkeitspädenat, dort der streng gläubige Katholik, der Großmeister heiligen musikalischen wie geistigen Ernstes, sich selbst wie seinem Werk gegenüber so streng wie menschlich überhaupt möglich. Janowskis Bruckner-Abende sind fast immer etwas besonderes. Das war schon beim RSB so, das er, konsequent wie er ist, nach Ende seiner Zeit  als Chefdirigent nicht mehr dirigiert, und das gilt nun auch für seine neue Berliner Gastwohnung, die ortsansässigen Philharmoniker höchstselbst. Und weil ihm Bruckner so wichtig ist, bestreitet er diesmal ein Programm ganz mit Werken des Linzer Meisters. Dass er dabei Sakrales mit Weltlichem verschränkt, ist dem Weltenwanderer Bruckner mehr als angemessen.

Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Zunächst steht dessen e-Moll-Messe auf dem Programm – zum dritten Mal erst bei den Philharmonikern, zuletzt erklang sie vor 47 Jahren, da war noch nicht einmal dieser Rezensent geboren. Es ist ein ungewöhnliches Werk, geschrieben für die Baustelle des Linzer Doms und deshalb mit äußerst reduziertem Klangapparat. Dem achtstimmigen Chor stehen lediglich eine Hand voll Streicher gegen über, ein Minimum an Blech, die Holzbläser ohne Flöten. Der Chor darf viel A-Capella bewältigen und das tut der Rundfunkchor Berlin mit ebenso gewohnter wie immer wieder atemberaubender Brillanz.  Da ist kein Gramm fest an dieser Musik, der Chor lässt sie an- und abschwellen, ozeanisch wogen und asketisch beten, in die Welt tönen und im inneren Zwiegespräch der menschlichen Seele verklingen. Der ergreifend archaischen Klarheit des Kyrie, bei der Janowski und Chor-Leiter Leenaars die Dissonanzen ein wenig dämpfen, folgt die Polyphonie des Gloria, die zuweilen an wuselndes Durcheinander erinnert. So sehr diese Musik das Überweltliche sucht, so sehr ist sie doch aus dieser Welt. Der Chor agiert durchaus körperlich, das Orchester setzt wenig mehr als Akzente, Spitzen, Stachel, die wenig Himmlisches aufweisen.

Nein, hier ist alles irdisch, weil dieses Werk aus menschlicher Aktivität erwächst: dem Gesang. Steinerne Herzen erweichen könnte die unfassliche Zartheit des „Et incarnatus est“, während das Sanctus den Glauben in der Welt dialogisch und mit durchaus kantiger Schärfe angeht. Janowski und Leenaars lassen die Kontraste betonen, führen den Glauben als Prozess des Ringens vor, bringen Bewegung, das heißt menschliches Leben, in die Musik, Bewegung, die nach innen wie nach außen strebt. Aufregend angeraut das Agnus Dei, still abgeklärt und in seiner Trockenheit herzzerreißedn die finale Bitte um Frieden. Hier wird der Konzertsaal nicht zur Kathedrale, aber zum Ort existenzieller Dinge.

Das gilt auch für die anschließende sechste Symphonie, bei der man darauf wetten kann, dass in jeder Rezension der Hinweis auftaucht, sie würde selten gespielt. Was langsam zum running gag der Musikkritik wird: In den letzten zwölf Monaten erklang sie mindestens dreimal in Berlin, darunter nun das zweite Mal bei den Philharmonikern. Satthören kann man sich an diesem hoch konzentrierten Werk kaum, wenn Marek Janowski es dirigiert, erst recht nicht. Wie schroff es unter seinen Händen wirkt, abweisend fast. Das Klangbild karg, asketisch, eremitisch. Und plötzlich strenger, energischer Zugriff, Schärfe, ein harter, unerbittlicher Zug umspült die zerklüfteten Klanglandschaften. Und mittendrin: Inseln des Gesangs, mal feierlich, mal innig, oft beinahe scheu. Schnell vorüber und doch nachhallend. Und so sehr Janowski verknappt, so sehr er Kontraste aufeinander prallen lässt, das Gefüge oft fast auseinanderreißt, so sehr sind es diese Fragmente, die alles zusammenhalten, die sich einschleichen in die kalte Rationalität dieser Abgrundmusik, in die rhythmische Mechanik, die, vor allem mit den Bassrhythmen zu Beginn der Sätze eins, zwei und drei, nahe am roboterhaften ist.

Und so verwandelt sich das überwältigende Hauptthema bei seiner Wiederkehr fast unmerklich: Es bleibt scharf, hartkantig, streng, aber es gewinnt zugleich an Feierlichkeit, Fülle, Wärme. Traumverloren und gleichzeitig strukturell klar die Übergänge zu den sanglichen Passagen. Hier fügt sich langsam, ein wenig widerwillig gar, etwas zusammen und es atmet den Geist des Singens. Janowski setzt Transparenz gezielt ein, um urplötzlich Blickachsen zu öffnen, neue Perspektiven zu finden, Tiefe zu erkunden. Hypnotisch das dialogische Zusammenspiel von Streichern und Blechbläsern gegen Ende des Kopfsatzes, bevor Bewegungsenergie alle Klangschichten durchdringt und den Satz wie ein musikalisches Energiefeld enden lässt.

Das Adagio wird dann zum Ereignis: Staubtrocken hebt es an, erdig ist die Streicherdecke – und auf einmal beginnt es zu singen, fließen die Klinge in trockenem Flussbett entlang, finden Klangfarben zueinander, um sich wieder zu separieren und erneut zusammenzufließen. Klangliche Ausdünnung wechselt sich ab mit ihrer Gegenbewegung. Das will ins Innere und ins Kosmische, nicht unterscheidbar, eins. Fragil die Balance des finalen Ausklingens, die Welt ist brüchig noch, doch ein Gesang erfüllt sie, der nicht verstummen will. Das Scherzo wird zum Debattierklub feiner Melodik und schroffer Rhythmik, harter Zusammenballungen und weichen Fließens. Die Kontraste bleiben extrem, die Dynamik erreicht entgegengesetzte Pole – und doch ist hier kein gegeneinander mehr, eher ein Zusammenschwingen, ganz irdisch, ganz einfach. und gerade deshalb universell. Die Spannung überträgt sich ins Finale, wie Janowski überhaupt das große Ganze betont, die Symphonie nicht episodisch denkt, obwohl er auf Detailebene oft fragmentieren lässt.

Ein Ansetzen und Abbrechen ist der Finalsatz, immer und immer wieder. Bewegung baut sich auf und versandet, der Klang strebt in Vereinzelung auseinander und baut sich in vollster Körperlichkeit wieder auf. Am Schluss keine Endgültigkeit, ein kurzes Innehalten. Der Gesang hat seine Schuldigkeit noch nicht getan, die Gefahr ist nicht gebannt. Und so singt es weiter, dieses unmögliche Sehnen und Hoffen in lebensfeindlicher Wüstenei. Der Meister der Strenge, der Rationalitätskünstler und Konzentrierter hat an diesem Abend eine Zartheit, eine Wärme gefunden, die sich nicht auf Noten reduzieren lässt. Sie ist zutiefst menschlich – wie Bruckners Musik.

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2 Gedanken zu „Zutiefst menschlich

  1. Sehr schöne Kritik, danke. Hätte das Konzert gern mit Ihren Ohren gehört!

  2. […] „frugal“, vielleicht sogar fürchterlich; der Tagesspiegel hingegen stimmig kantabel; Stagescreen war ebenfalls angetan und begründet es viel […]

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