„Wer an Repräsentation festhält, will auch Grenzen schließen“

René Pollesch: Black Maria, Deutsches Theater (Kammerspiele) Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Natürlich fehlen sie, diese wunderbaren Stücktitel wie Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang oder Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors. Wenn René Pollesch heute Theater macht, tragen die Abende oft Titel wie Dark StarCry Baby oder eben Black Maria. Das klingt nach Filmtiteln und soll es natürlich auch. Denn Pollesch liebt den Film, hat einen Großteil von Frank Castorfs letzter Volksbühnenspielzeit mit eigenen filmischen Werken bestritten, zitiert in seinen aktuellen Arbeiten immer wieder Filme, ihre Konstellationen, Konflikte, Klischees, bruchstückt sich von ihnen ausgehend in seine immer ausufernden Diskursgewitter hinein. Das Massenmedium Film als dem „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ nächste Kunstform, als Spiegel gesellschaftlicher Debatten und Veränderungen und manchmal, ganz selten, auch ihr Katalysator, ist für ihn ein perfekter Metapherngrund für sein gesellschaftlichen Konsens jeder Art aus den Angeln hebenden und neu zusammengewürfelt auf den Bühnenboden hinabwerfendes Diskurstheater.

Bild: Arno Declair

Da ist es konsequent, dass er in seiner neuen Arbeit ganz an den Anfang zurückkehrt, zur „Black Maria“, dem ersten kommerziellen Filmstudio der Welt, 1893 auf dem Gelände von Edisons Labors in New Jersey errichtet.Nina von Mechow hat das Teerpappe-Monstrum in den Kammerspielen des deutschen Theaters nachgebaut, wo es zunächst im Weg steht. Früher war hier ein solcher, jammert Astrid Meyerfeldt als Wildwestfilm-Trapper zu Beginn, jetzt müsse man das Haus verschieben und zu selbigem zu gelangen. Ein wunderbar schiefes Bild, das den Ton vorgibt für einen knapp zweistündigen (nicht wenig bei Pollesch) Abend, der vor allem einen Gegner hat: das Klare, Eindeutige, auf den ersten Blick sichtbare. Und der sich so direkt wie lange nicht mehr hinein begibt in aktuelle Debatten, gesellschaftliche, politische, künstlerische. Sichtbarkeit, Repräsentation sind die Schlagworte aktueller Gleichstellungsdiskussionen, die Idee, dass Minderheiten sichtbar werden, sich selbst repräsentieren können – im Theater, im Film, überall.

Pollesch dreht die Debatte in ihr Gegenteil: Er will keine Sichtbarkeit, sondern Unsichtbarkeit, Undeutlichkeit. „Man muss die Dinge in das Dunkle ziehen“, heißt es mehrfach. Das Privileg des weißen Hetero-Manns, läge gerade in seiner Unsichtbarkeit, darin, dass er nicht markiert sei. Nur dadurch könne er alles tun und sein. Diesen Zustand für alle zu erreichen, sei das Ziel. Repräsentation dagegen bedeute Grenzen, Grenzen, die nicht überschritten werden dürften. Flucht, Freiheit bedingten dagegen das Undeutliche, das Nichtgesehenwerden. Kurz sind die Wege an diesem Abend vom Filmset zum Mittelmeer, von der Sichtbarkeit im Theater zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen aller Art. „Wer an Repräsentation festhält, will auch Grenzen schließen“.  Ein Satz wie eine Abrissbirne.

Dabei geht es Pollesch gar nicht ums ab- oder Niederreißen. Eher um den „Knacks“, den Riss, der die zerrissenen Figuren, allen voran Meyerfeldts Filmfigur, die sich plötzlich in multiplen Wirklichkeitsschichten wiederfindet, durchsieht. Ein Riss, der Identität, die durchlässige, freiheitbringende, erst möglich macht, der verhindert, dass man immer der- oder dieselbe sei und sich damit gefangen finde in der Sichtbarkeit. Der „Knacks“ zerstört nicht, er macht möglich, was heißt: undeutlich, unsichtbar, unbelichtet. Der Abend spielt lustvoll mit Paradoxien und Umkehrungen dieser Art, gerade in seiner Grundanlage: Denn ist es nicht gerade der Film, der ins Licht zerrt, Sichtbarkeit herstellt, vom (Über-)Deutlichen lebt? Ja, aber nicht von Beginn an. Damals, zu Zeiten der „Black Maria“, die sich bewegen ließ, um mit Hilfe des zu öffnenden Dachs dem Sonnenstand zu folgen, waren nur 50 Prozent des Gefilmten am Ende auch zu sehen. Dahin will Pollesch, zu einem Film, einem Theater, einer Kunst der Unschärfe.

Dem er natürlich mit größtmöglicher Belichtung näherkommt: mit der Grenzziehung, der Repräsentationskraft, der Durchdefiniertheit des Wortes, der Sprache. Wie immer bei René Pollesch wird (fast) pausenlos geredet, bringen die fünf Darsteller*innen textliche Höchstleistungen im Dauerdiskurs. Katrin Wichmann, Jeremy Mockridge und Benjamin Lillie wühlen und schlagen sich mit größter und ironischter Ernsthaftigkeit durchs Sprachdickicht, mit Franz Beil as Mann fürs sprachlich und gestisch Gröbere und Katalysator für die subversive Kraft sich der Eindeutigkeit verweigernden Kraft physischer wie verbaler Komik. Ruhe gibt es nur dann, wenn einer „Action!“ ruft. Dann erstarren alle – eine weitere der genüsslich durchexerzierten Paradoxien dieses Abends. Ansonsten hetzen sie – fast castorfesk – über die Bühne und den Filmset wie durch ihren Text, wechseln sich Bühnenszenen mit Schwearz-Weiß-Live-Video, letzteres, abstrahiert von der Präsenz und Farbigkeit des Hier und Jetzt – natürlich – sichtbarer und deutlicher als das wirklich Anwesende. Filmmusik dröhnt, zwischendurch gibt es eine Filmtitelanimation von Luis Krawen, Alumnus der Volksbühnen-Jugendgruppe P14 und schon mehrfach Pollesch-Mitstreiter und eine wunderbare Szene, die der mit den Mitteln der Kameraführung die Vorgaukelung von Schwerelosigkeit nachgestellt wird.

Um sich der Repräsentation entgegenzustellen, wird repräsentiert, was das Zeug hält. In Windeseile werden Identitäten gewechselt – wobei eine beeindruckende Kollektion an Bärten, Perücken und Kopfbedeckungen sowie anderweitiger Requisiten, die natürlich dem wandlungsfähigen weil unsichtbaren weißen Mann vorbehalten bleiben, eine Schlüsselrolle spielen. Rollen werden definiert und sofort abgelöst, die Repräsentation geht in den Overdrive-Modus, so lange, bis nichts mehr klar erscheint, alles undeutlich wird, unscharf, uneindeutig. Beliebig? Vielleicht auch, vor allem aber die Möglichkeiten persiflierend andeutend, die sich ergeben, wenn man alles sein kann. Black Maria ist ein typischer Pollesch, ein 110-minütiger Debattierklub mit allerlei Fremdmaterial und vielen Wiederholungen, einer, der seine Diskurspferde totreitet und sich mit größter Lust in alle verfügbaren Schwänze beißt. Aber auch einer, der weitergeht, sich in die eigene Theater- und Filmblase so weit zurückzieht, bis sie sich derart erweitert, dass plötzlich die ganze Welt hineinpasst. Der aktuelle gesellschaftliche Diskussionen auf den Kopf stellt, um die dahinter stelhenden und von Pollesch voll und ganz geteilten Intentionen, nun ja, sichtbar zu machen. Die Subversion war schon immer das wichtigste Gestaltungsmittel einer Kunst, die in der und in die Welt wirken will. Ein subversiver Abend ist es geworden, ein alberner, ausfransender, redundanter auch. Einer, der Vorstellung befeuert, weil er ihr in den Hintern tritt und sie entlarvt, der verdunkelt, um zu erhellen. Theater. Nichts weiter.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: