Ins Totenreich

Juraj Valčuha dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Schubert und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertprogramme, die Fragezeichen auslösen. Ein solches dirigiert jetzt Juraj Valčuha beim Konzerthausorchetser, dessen erster Gastdirigent der Slowake seit der vergangenen Spielzeit ist. Franz Schuberts jugendlich leichtes Frühwerk seiner dritten Sinfonie gepaart mit Dmitri Schostakowitschs blut- und angstgetränkter 13. – wie geht das zusammen? Vielleicht stellten sich auch viele potenzielle Konzertgänger*innen diese Frage – zumindest am ersten Abend bleiben doch etliche Plätze unbesetzt. Das ist schade, denn es gelingt, aus dieser zunächst ungewöhnlich wirkenden Mischung einen starken und stimmigen  Konzertabend zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass Valčuha Schostakowitsch klar ins Zentrum des Programms rückt und ihn zu dessen Ausgangs- und Fluchtpunkt macht. Das hat natürlich Auswirkung auf Schuberts Dritte.

Juraj Valčuha (Bild: Konzerthaus Berlin)

Bei diesem fällt zunächst auf, wie dunkel es gefärbt ist, wie wenig leicht und frisch das Werk eines gerade 18-Jährigen klingt. Juraj Valčuha verknappt und verschlankt es, um den Preis des Verlusts (früh)romantischer Leichtigkeit. Der Zugriff ist streng, das Klangbild reduziert. Die Streicher setzen harte Kanten, die Holzbläser driften oft ins Melancholische. Es ist Musik, die um die Schrecken der Welt noch nichts weiß, aber ahnt, dass der Frühling vergehen wird. Gegen Ende des Kopfsatzes wird das Geschehen ein wenig lichter, die sachliche Ernsthaftigkeit bleibt. Im zweiten schärft Valčuha die Farbpalette, reduziert sie aufs Notwendige, erlaubt keinerlei Schnörkel oder Verzierungen. Das kompakte Klangbild erhält Tupfer von Transparenz, doch die Ordnung wird nie gestört. Die Dunkelheit bleibt draußen – der Preis ist, dass auch die Fenster, welche die Frühlingssonne hereinlassen können, geschlossen sind. Dynamik und Ausdrucksspektrum sind beschränkt, die Interpretation gleicht mehr einer Partiturlektüre. Das tut dem Werk durchaus gut: ein nüchterner, sachlicher Blick auf ein erstaunlich reifes, ausgefeiltes Werk eines gerade so nicht mehr Jugendlichen. Rhythmisch prägnant, dunkel aufgeraut das Menuetto, von kontrollierter Bewegungsenergie getrieben das energische Finale, bei dem sich das Farbspektrum etwas erweitert, ohne den strengen Zugriff aufzugeben. Hier läuft nichts über, bleibt alles in geregelten Bahnen. Kein Pathos, kein Schärmen, dafür höchste Klarheit und Detailschärfe.

Damit ist die Grundlage gelegt für die Düsternis, die folgt. In seiner 13. Sinfonie hat Schostakowitsch Gedichte Jewgenij Jewtuschenkos vertont, beginnend mit „Babi Jar“, einer Mahnung und Anklage des Antisemitismus, über Texte, die sich mit dem Einzelnen in einer mehr oder minder repressiven Gesellschaft auseinandersetzen, im Alltag und im großen gesellschaftlichen Rahmen. Es ist kein optimistisches Werk und wurde daher vor dem ende der Sowjetunion dort nur selten gespielt. Juraj Valčuha führt den Zuhörer in seiner Lesart in ein Totenreich, das Land gemorderter Träume und Hoffnungen, gemeuchelter Aufbrüche, geisterhaft mahnenderOpfer gesellschaftlichen „Fortschritts“. Dabei beginnt der erste Satz überraschend körperlich, ganz dieser Welt verhaftet. Langsam dünnt der Tonsatz aus, verblassen die Farben, wandert die Musik hinab in die Abgründe, dorthin, wo kein Licht scheint. Dmitry Beloselskiys Bass ist kraftvoll, voluminös und sucht entsättigte Farben, ein physisch präsenter Bote des Schattenreichs. Der finnische YL Männerchor geht den entgegengesetzten Weg: Er beginnt reduziert, in Graustufen und gewinnt nach und nach an Plastizität. Valčuha verknappt und verschlankt, seine Klanggebilde halten sich stets gerade so aufrecht, stehen immer kurz vor dem Kippen ins Nichts. Der Kopfsatz scheut die farblichen Extreme, bleibt im Zwielicht, dort, wo die Autoritäten das Problem des Antisemitismus gern belassen hätten.  Die brutale Gewalt der Anne-Frank-Episode kommt sehr trocken daher, sachlich hart, die Schärfen der Bläser verschattet. Business as usual. Morden als Alltag. Die unverstellte Banalität des Hassens.

Ohne jegliche Komik dann der der subversiven Kraft des Humors gewidmete zweite Satz. Valčuha betont die Brüche, stellt die menschliche Affirmation von Solist und Chor der Gewaltmechanik des Orchesters gegenüber, lässt sie ungebremst aufeinander prallen. Dynamische Kostraste nehmen zu, die Farben tendieren stärker ins Extreme. Bevor sie im dritten Satz, der Alltagsszene „Im Laden“, fast gänzlich verschwinden. Ein fahles, gespenstisches Grau legt sich über die Szenerie, infiziert von den tiefen Streichern ausgehend das ganze Orchester, den Solisten, den Chor. Diesseitig klopft die alltägliche Müh der Wirklichkeit, wie Gespenster bewegen sich die thematisierten Frauen durch ein Heute, das kein Morgen kennt. Und plötzlich: ein Hauch von Wärfe. Beloselskiys Gesang wird intimer, mitfühlender, mitleidender, menschlicher. Und steckt das Orchester an. Kaum merklich kehrt so etwas wie ein Echo von Hoffnung zurück. Subtil, flüchtig, berührend.

Der vierte Satz, „Ängste“ benannt, führt die Verblassung weiter, reduziert Klangbild und -farben so weit, bis das Nichts auf dem Podium gähnt und alles zu verschlingen droht. Die Spannung, die auf dem immer schwächer werdenden aufbäumen gegen die Stille der Auslöschung erwächst, ist kaum zu ertragen. Wie letzte Seufzer erheben sich vokale wie instrumentale Stimmen und fallen zurück ins Nichts. Grelle Farben bäumen sich auf zum letzten Ringen mit der fahlen Ewigkeit. Zerrissen, still, gegen seine Auflösung ansingend erschüttert der Satz bis ins Mark, findet er den Klang des Verstummens, der Kapitulation vor der Angst. Die siegt: zart und vermeintlich endgültig haucht sich die Musik am Satzende aus.

Dagegen singen zu Beginn des Finales „Karriere“ die Holzbläser an. Ihr gebrochener Walzer ist fragil, rau, verschattet. Hier singt das Dämmerlicht, versucht einen Rest Körperlichkeit, während andere Orchesterteile das Karge, Trockene, Leblose suchen. Es ist die letzte Schlacht des Lebens und so gewinnt der Satz an Dringlickeit, schwanken Solist wie Chor zwischen Behauptung und Aufgabe, findet sich das Orchester noch ein mal zusammen in finaler Farbigkeit, blass, aber nicht besiegt. Die Klangfarben drängen an die Ränder, wollen die Grenzen testen und kommen doch nichts ins Freie.Von fern klingen die Totenglocken des Beginns, die menschliche Stimme bleibt allein in der Leere der Welt zurück, die Harfe perlt sich nichts bereuend dem ende entgegen. Dem fahlen Tod des vorangehenden Satzes stellt sich nun ein Hineinsingen ins Nichts entgegen, sehnsüchtig, wissend, traumererfüllt und würdevoll. In eine stille, die nicht nur Endgültigkeit ist, sondern auch Trost spendet. Sehr still ist es geworden im Saal, als würde dasd Publikum die letzten atemzüge der Musik mitvollziehen. Das fahle Geisterlicht bleibt, die Hoffnung ist schwach, todgeweiht. Und klingt doch nach, im trotzig widerständigen Gesang eines, der mehr als einmal zu verstummen hatte und doch, wie Jewtuschenko im finalen Text schreibt, die überlebt, die ihn zum Verstummen bringen wollten. Die Stille ist sein Triumph. Und der Endpunkt eines Abends, der bewegt und nachwirkt.

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Ein Gedanke zu „Ins Totenreich

  1. […] Dichtersuperstars Jewgeni Jewtuschenko. Und der Unterschied ist vom ersten Moment zu hören: Wo Juraj Valčuha mit dem Konzerthausorchester Berlin vor Wochenfrist auf Reduktion setzte, den Schrecken sich subkutan hervorwühlen ließ, die […]

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