Im Labor

Mariss Jansons und Jewgenij Kissin zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons am Pult der Berliner Philharmoniker: Einmal im Jahr, meist nahe seines Anfangs, hat das Berliner Publikum Ehre und Freude, den Letten, der schon lange mindestens zu den besten seiner Zunft zählt, zu erleben. Und es sit fast so etwas wie ein Familientraffen: Bald 48 Jahre ist es her, dass Jansons erstmals hier gastierte, seit letztem Jahr ist der schüchtern lächelnde Herr Ehrenmitglied des Orchesters. Auch sein Solist ist ein alter Bekannter: Mit 17 spielte Jewgenij Kissin erstmals mit den Philharmonikern – Karajan selbst hatte das „Wunderkind“ eingeladen. Auch das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Auch wenn die Besuche rarer geworden sind – zuletzt war Kissin Silvester 2011 zu Gast – eine solche Konstellation ist wie ein Treffen alter Freunde. Bei dem man auch schon mal von etablierten Regeln abweichen kann. So stellt Jansons das längste, bekannteste (und jüngste) Werk an den Anfang und beendet das Programm mit dem kürzesten, einer Ouvertüre zudem. Mariss Jansons‘ Humor ist so fein wie seine Subversivität – kaum merklich, doch umso wirkungsvoller.

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Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Denn natürlich ergibt das Programm Sinn, das ist bei Jansons, diesem eigentlich viel zu klugen Musikversteher eigentlich auch selbstverständlich. Um in die Detailarbeit zu gelangen, muss erst einmal ein Fundamant errichtet, ein Anfang gemacht werden. Ein solcher ist Richard Strauss‘ rätselhafte, zwischen kosmischer Weite und satirischer Kleinteiligkeit pendelnde Nietzsche-Übermalung Also sprach Zarathustra. Für das Jansons das Orchester klanglich ordentlich aufraut, voller Unruhe pumpt, sodass nach dem sachlich knappen Urknall des Anfangs alles möglich und nichts klar erscheint. Da driften die Stimmen auseinander, wirken zuweilen fast, als wollten sie improvisieren, suchen ihre eigenen Wege, finden zusammen und trennen sich wieder. Kraftvolle Tuttipassagen höchster Klarheit wechseln mit klanglichem Chaos, wandernde Farbspiele mit kaleidoskopischer Gleichzeitigkeit. Da schillert es mitunter, als hätte ein Dreijähriger eine Strasskiste umgeworfen und schreckt im nächsten Augenblick mit tödlicher Fahlheit. Vorder- und Hintergrund verschieben sich, die harmonischen Ambivalenzen spielen miteinander Fange, Orchester und Solostimmen ringen ums Gehörtwerden, am eindringlichsten sicher im Versuch von Noah Bendix-Balgleys Solovioline, sich gegen den anschwellenden Lärm zu behaupten.

Die Brüche festigen sich, die Klänge kippen ins Schrille, Scharfe, Gefährliche. Bendix-Balgley verstolpert und verkrampft den zentralen Walzer zur grotesken Scheiternsvision, Transparenz und Massierung stehen sich wie Schwergewichtsboxer gegenüber, die die Schläge des anderen schon lange nicht mehr spüren. Der Zuhörer umso mehr. Geisterhaft das Zwielicht von Flöten und Geigen gegen Ende, bevor die Welt auf trockenen Füßen davonschleicht. Ein Werden und Vergehen ist das, nein, eher ein Zusammensetzen und Auseinanderfallen. Was zusammen gehört, passt nicht zusammen, es bleibt immer ein Spalt, stets etwas Ungesagtes, ein Rest, ein loses Ende. es ist Musik, die nicht antworten und nicht fragt, sondern hinschaut, kratzt, schürft, wühlt, ausgräbt und wieder verscharrt. Rau, strahlend, unsicher.

Etwas klarer geht es dann bei Franz Liszts erstem Klavierkonzert zu. Auch weil Kissin längst zu den altersweiseren Pianisten unserer Zeit zählt. Doch auch seine Interpretation hat etwas Laborhaftes. Er untersucht jeden Ton, schält ihn aus der Masse, legt ihn unters Mikroskop. Das wirkt gelegentlich fast schwerfällig, immer ein wenig überdeutlich. Und ergibt doch Sinn: Sein skeptischer Blick tut dem nicht einmal zwanzigminütigen Werk gut, befreit es von verkitscher Romantisierung und virtuosem Leistungszwang.  Und findet berückende Details: etwa im Kopfsatz, wenn das solistische Spiel im Dialog mit Wenzel Fuchs‘ hauchzarter Klarinette selbst immer weicher, sanfter, wärmer wird; oder im zweiten Satz, wenn sich seine harte Trillerkette dem pastoral hellen Gesang der Holzbläser mit erschreckender Unerbittlichkeit entgegenstellt. Kissin verzägert und beschleunigt, setzt etwa im Allegroteil des zweiten Satzes,+ sehr scharfe rhythmische Kanten, betont die Brüche des alles andere als unterkomplexen Werks, schärft und spitzt und legt sich mit einem Orchester an, das unterlegt, widerspricht, spiegelt. Der Klang ist schlanker, kompakter, klarer als bei Strauß, der Fokus liegt auf farblicher Ergänzung und klanglichem Kontrast. Es ist Dialogpartner, nicht immer auf Augenhöhe, aber stets hellwach, bereit, dem eilenden, mäandernden, aufbrechendem Soloinstrument Klarheit und Gewissheit entgegenzustellen. So wird dieser Liszt zur Forschungsreise, die so manche Entdeckung hervorbringt, deren Wesen erst noch zu untersuchen ist. Eine offene Interpretation, bereit, genauer betrachtet zu werden.

Da kann Richard Wagners Ouvertüre zu seiner frühen, nicht kanonischen Oper Rienzi, die auf Kissins Zugabe, an diesem zweiten Abend ein rhythmisch kantiger und brüchig singender Tschaikowski-Walzer, nur eine Fußnote sein. Das sie es nicht ist, mag das größte Verdienst dieses Abends sein. Denn schon der Beginn, der schnell zum berühmten Gesangsthema führt, lässt vieles erwarten: ein behutsames Aufhellen und -blühen, das die Streicher zart und schlank ins beinahe scheue Singen bringt, an das die Blechbläser ein paar Frühlingsblüten heften, bevor sie selbst ins Strahlen, Schwärmen und Streben geraten. Bewegungsenergie zieht das Werk entlang, sie kommt aus dem tiefsten Innern, einer fast kindlichen Freude am Singen und Musizieren, die Jansons aus dem Orchester kaum herauskitzeln muss. Wie der Marsch tänzelt und selbst in der Verfestigung freudig jubelt, die Streicher staunend singen, das Blech sommerlich strahlt, die Schatten nicht geleugnet werden, die Stille, in die all das Lebend, das Eilen, das atmen zurückkehren wird, stets präsent bleibt: Da entsteht ein Wagner, den man noch nicht kannte – neugierig, fast kindlich in die Welt rennend, lebenssatt und optimistisch. Da schillern tausend Farben, jetzt fein geordnet und miteinander korresponierend. Der Kosmos ist fertig, das Leben beginnt. Dass der Abend nun endet, ist seine größte Enttäuschung.

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