„Ich bin hier das Relikt“

Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park. Ein Theaterabend von Jutta Wachowiak, Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Rafael Sanchez)

Von Sascha Krieger

Basstief erfüllen Erschütterungen die kleine Box des Deutschen Theaters, bedrohliche Klänge dräuen, Nebel wabert. Dann öffnet sich die Tür und heraus tritt eine eher zierliche Frau Ende 70. „Guten Abend“, sagt sie, „Ich bin hier das Relikt.“ Über 30 Jahre war Jutta Wachowiak nicht weg zu denkender Teil, ja Star des Ensembles dieses Theaters. Dann kam, was sie den „Umbruch“, andere „Wende“ nennen. Plötzlich galt sie als staatstragend, sie haderte mit dem neuen Land, dieses ignorierte sie, immer seltener wurde sie besetzt. Dann der Bruch, sie ging nach Essen, in die „Provinz“, betrat „ihr“ Deutsches Theater sieben Jahre lang nicht mehr, arbeitete mit jungen Regisseuren und entdeckte dabei ihre Freunde am Theater wieder. Einer von ihnen war Rafael Sanchez, der sie 2012 erstmals wieder am DT besetzte und ihr jetzt gemeinsam mit Autor Eberhard Petschinka einen Ein-Frau-Abend in der intimen kleinsten Spielstätte ihrer einstigen künstlerischen Heimat auf den Leib schneidert. Ein Abend, der zurückschaut, auf das eigene Leben, die Versäumnisse, die Kränkungen, aber auch die Neuanfänge, das Aufstehen nach so manchem Fall. Und er tut dies weder im Zorn noch ertrinkend in Nostalgie.

Bild: Arno Declair

Da ist schon die heute 78-Jährige vor. Das Jammern ist ihre Sache nicht. Ihr Berlinernder Plauderton ist ihre Waffe, gegen die Unsicherheiten, das Ungewisse, das sich nicht fassen Lassende. Er trocknet Tränen und raut allzu Glattes auf, setzt Widerhaken und ätzt Verklärung weg. Gemeinsam bedient sich das Trio für die Rahmenhandlung bei Steven Spielbergs zwischen Dys- und Utopie schwankender Vergangenheit suchender Zukunftsvision Jurassic Park. Wachowiak gibt eine angestellte des Parks, die als letzte noch übrig ist, einst versuchte, heimlich ein Dino-Baby groß zu ziehen, und sich jetzt fragt, warum die Vision scheiterte und was übrig bleibt. Dieser „Park“ ist natürlich die DDR: (vermeintlich) ausbruchsicher, sich abnabelnd von der Welt eine eigene Realität schaffend, eine Utopie verfolgend, die zum Albtraum wird und sich am Ende selbst abschafft. Und die Menschen hinterlässt, deren Lebensleistung plötzlich nichts mehr wert scheint, die argwöhnische beäugt werden, denen die Heimat abhanden gekommen ist.

Schnell führt die Geschichte direkt ins Leben Wachowiaks. Sie erzählt von der Flucht aus Polen kurz vor Kriegsende, von den Anfängen als Schauspielerin, Rückschlägen, Erfolgen, zunehmenden Zweifeln. Mehrfach sagt sie „Das Leben beginnt“. Eine Reihe solcher Leben durchläuft sie, erfolgreich manche, andere weniger. Sie setzt sich auseinander mit den Vorwürfen, „staatserhaltend“ gewesen zu sein, fragt sich, was sie wann hätte anders machen können. Referenzen erscheinen, sie zitiert eigene Vorspiele und Rollen, wundert sich über die 17-Jährige, die sie einmal war, über den Freiheitsmonolog Maria Stuarts, einer ihrer Paraderollen, der heute so schal und billig erscheint. Blade Runner, ein Film, den sie in ihrer schwierigsten Phase sah, dient als Folie, sich zu fragen,, ob sie nicht hätte stärker rebellieren können oder gar müssen. Und schließlich rätselt sie, ob sie Goethes Iphigenie ist, die sie, schon älter, endlich spielen durfte. Ja und nein, lautet die Antwort, wie so oft an diesem Abend. Auch sie ist eine Zurückgelassene, aber was bei Goethe möglich ist, bleibt ihr verwehrt: „Ich kann jetzt überall hin. Nur nach Hause kann ich nicht.“

Virtuos verwebt der Abend die beiden Handlungsstränge, das Fiktive und das Reale, Geschichte und Dokumentarisches, Spielen und erzählen. Die Grenzen werden brüchig, die Metapher lädt die eigene Geschichte auf und umgekehrt. Das gelingt mal besser, mal weniger, auch weil das gewählte Bild durchaus ein wenig plakativ geraten ist und die Metaphorik schnell erklärt. Daraus entsteht irgendwann eine gewisse Unwucht: Wo die persönlichen Erzählungen fesseln, erblasst die „Jurassic-Park“-Geschichte zunehmend, auch wenn die Gegenüberstellung „Menschenpark“ (=Bundesrepublik) versus „Jurassic Park (=DDR) dem entgegenzuwirken sucht. Auch ist Wachowiak bei aller trockenen Klarsicht nicht ganz dagegen gefeit, sich selbst zu entschuldigen und zu rechtfertigen und sich hin und wieder gar ein bisschen zu verschanzen hinter den üblichen Lebensleistungs- und „Es-war-nicht-alles-schlecht“-Narrativen. Das mag durchaus ironisch intendiert sein, kippt aber ein-, zweimal gefährlich in Richtung apologetisches Opfernarrativ.

Aus dem die Ausnahmeschauspielerin stets schnell herauskommt. Ihre Berliner Direktheit ist eben auch ein gutes Mittel gegen Selbstmitleid. Zumal ihr Selbstironie alles andere als fremd ist. Wenn sie sich vom jungen Souffleur Jan Höft, der ein paar Mal zum Mitspieler wird, zur Intendanz Mythen und Selbstgerechtigkeit aufbrechender Gegenwart, hoch helfen lässt, kichert sie wie das freche, reichlich naive Mädchen, das sie gerade gespielt hatte. Der Drang zu spielen, die Neugier auf das Rätsel Mensch, ist geblieben und es ist ein Verdienst dieses kleinen Abends, dieses in so vielen Facetten auszuspielen. Wachowiak agiert direkt und unmittelbar, baut Distanz auf und wieder ab, abstrahiert und konkretisiert, spielt und ist. Am ende trägt sie Lippenstift auf und verwandelt sich zur Performerin. Unnahbar, eine Projektion, kaum mehr körperlich abwesend. Lohn und Preis eines Lebens auf der Kippe, einer Wanderung auf dem Grat. Diese verführt auch dieser Abend, auch wenn er manchmal abzustürzen droht. Aber er hat ja ein Sicherheitsnetz in den wachen, schelmischen, auch mal wütenden, aber nie resignierenden Augen dieser wunderbaren Schauspielerin, die als Relikt hereinkommt und als pure Gegenwart geht. Schön, dass sie wieder da ist.

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