Aus dem Fundus

Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Veit Schubert)

Von Sascha Krieger

„Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch.“ Welch Kosmos an Widersprüchen und Ambivalenzen liegt in diesen berühmte Zeilen aus Sophokles‘ Antigone, welch Lob und Kritik des Menschlichen, welch Liebe und Verachtung des Menschen – ein Satz, der nahe kommt, die menschliche Existenz in ihrer Größe und Nichtigkeit, ihrem Glanz und ihrer Niedertracht zu umfassen. In Veit Schubert Inszenierung erklingt der Monolog der Alten von Theben zweimal. Die deklamieren ihn in hölzern selbstgerechtem Ernst, während an anderer Stelle die Randexistenzen, die der Gesellschafter nicht voll Zugehörigen, die irgendwie aus dem normativen Roster fallenden, in letzter Gemeinschaft zusammensitzen und die Zeilen auf Englisch, mit Ukulele und Mundharmonika, als sanft melancholischen Folksong intonieren. Ein traurig hoffnungsvoller Gesang, ein behutsames ansingen der Möglichkeiten des Menschlichen, stehen staatstragender Leere, opportunistischer Phrasendrescherei eintgehen. Ein schöner, symbolhafter Moment voller poetischer Tiefe und spielerischer Offenheit an diesem eineinhalbstündigen Abend. Es wird der einzige bleiben.

Bild: Julian Röder

Gegeben wird an Bertolt Brechts Haus (natürlich) die Brechtsche Bearbeitung. Er übersetzte Sophokles Geschichte der Frau, die sich, auf die eigene Moral pochend, gegen Gesetze und Götter stellt und deshalb untergeht, in eine Parabel des Widerstands in totalitären Systemen. Schubert nimmt das wörtlich: Die Repräsentatnten des Systems sind in Camouflage-Uniformen militärisch und de-individualisiert gekleidet, Kreon bekommt einen Hitler-Scheitel verpasst und steckt ganz in schwarz, nach Mode der italienischen Faschisten. Oskar Hoppe, Student an der Ernst-Busch-Hochschule, mit der gemeinsam die Inszenierung erstand, hat eine undankbare Aufgabe. Er darf den Abziehbild-Bösewicht geben und noch ein bisschen Hitler im Bunker. Das sieht dann so aus, dass der Leichenblasse den Abend damit verbringt, Gesichtszüge und Hände zu verkrampfen, mal eisig, aasig, seifig zu schmeicheln, mal paranoid zu erzittern, mal cholerisch zu brüllen. Leider hat das Inszenierungsbudget nur für das Basismodell des Diktatorenbaukastens gereicht.

Aysima Ergüns Antigone ergeht es kaum besser: Sie darf pathetisch deklamieren, nicht minder verzweifeln und bleibt ansonsten so blass, wie Hoppes Kreon aussieht. Denn Schubert konzentriert sich so sehr auf Brechts Totalitarismus-Parabel, dass er den anderen Aspekt von dessen Bearbeitung vergisst: Denn seine Antigone ist auch eine Übung in Dialektik, in der Fluidität, Manipulierbarkeit und Ambivalenz von Wahrheit, ihrer Unterordnung unter die Macht, die Moral oder sonstige „höhere Werte“. Bei Schubert gewinnt sie die unwidersprechbare Eindeutigkeit zurück, die Brecht ihr gerade abspricht. Hier ist klar, wer gut ist (Antigone) und wer böse (Kreon). Unschärfen entstehen dazwischen, bei den Figuren, die gezwungen sind, eine Seite zu wählen.

Doch Graustufen liegen dem Abend erst recht nicht. Also werden die drei „Alten“ zu charakter- und charismafreien Sentenzenaufsagern, geht Ismene in ihrer Uneindeutigkeit unter und bleibt Hämon (bei Skye MacDonald ein zum Outlawtum neigender Vietnam-Soldat, nicht ganz drinnen nicht ganz draußen) ein schwach belichtetes Jüngelchen mit großen Worten und wenig Substanz. Im Gedächtnis bleiben die zwei Figuren, die Schubert etwas außerhalb stellt: der Wächter, dem Enno Trebs zunächst ruppige Bauernschläue und die tapsige Würde eines Unterdrückten verleiht, bevor er seine Figur zum rückgratlosen Opportunisten umkippen lassen muss; vor allem aber der spindeldürre Aniol Kirberg, der den Brechtschen Vergegenwärtigungs-Prolog als Schauerballädchen gibt und als begleitender, ein Echo bildender Bänkelsänger und als subversiver Seher Tiresias wie ein weiser (zu Trebs‘ tumbem) Narr agiert, ironisch, optimistisch dauergrinsend, jugendlich frech. Seiner ist ein fremder, subversiver, die Ordnung aufbrechender Blick, mit dem der Abend zu wenig anzufangen weiß, weswegen er ihn zwischen Comic Relief und reiner Handlungsfunktion in die Ecke stellt.

Aus welcher der Abend auch zu kommen scheint. Es ist, als hätte man ihm im Archiv des Peymannschen BE gefunden, etwas entstaubt und wie ein zu lange im Fundus verborgenes Ausstellungsstück präsentiert. Wiebke Bachmanns Bühne ist eine unschlüssige Mischung aus Erinnerungengen an Karl-Ernst Herrmanns offene Raumandeutungen für Peymanns Inszenierungen und Olaf Altmann rutschige Schrägen, die er für Thalheimer ins „neue“ BE baut. Ein schräges Gerüst, auf dem die Protagonisten balancieren – außer Kreon, der als Machthabender außen steht – balancieren, auch mal unmotiviert entlangkrabbeln und das zum Ende mit quadratischen Platten ausgefüllt wird. Eine schöne Oberfläche und eine geschlossene Gesellschaft als Grab des Menschlichen. So klar, so langweilig. Denn wenig ist viel, als kaum etwas weniger als die Substanz dieses statischen Aiufsage-Theaters, das sich zwischen pseudo-klassizistischem Ton, platter Metaphorik, simplem Schwarz-Weiß und schalen Hitlerparodien schnell selbst abschafft und am Ende nur noch als launige Lagerfeuer-Unterhaltung des bestens aufgelegten Kirberg taugt. Da kann Hoppes Westentaschen-Arturo-Ui noch so zetern, ernst zu nehmen ist er in keinem Moment. Und das lässt den Abend, bei dem es ja eigentlich um die ganz großen Menschheitsfragen und dazu einige zentrale Themen derzeitiger gesellschaftlicher Diskussionen gehen sollte, gänzlich dort verschwinden, wo er herkommt: in der Belanglosigkeit. War was?

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