Offen geblieben

Kirill Petrenko dirgiert das Bundesjugendorchester in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Noch ist er nicht im Amt, da setzt Kirill Petrenko bereits Zeichen. Das Bundesjugendorchester, seit Jahrzehnten eine bewährte und wichtige Institution zur Förderung des Musiker*innen-Nachwuchses, steht seit 2013 unter der Patenschaft der Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Petrenko ab der kommenden Spielzeit sein wird. Jugendarbeit im weitesten Sinne war ein Schwerpunkt der Arbeit seines Vorgängers Sir Simon Rattle. Seine Education-Projekte sind legendär, die Orchester-Akademie hat in seiner Amtszeit eher noch an Bedeutung gewonnen und die Patenschaft für das Bundesjugendorchester fällt ebenfalls in seine Ära. Wenn sein Nachfolger nun mehr als ein halbes Jahr vor seinem Amtsantritt das Orchester dirigiert, ist das auch ein Statement, nämlich, dass er sich Rattles Engagement verpflichtet fühlt und gewillt ist, es fortzusetzen. Dafür steht auch, dass er ausgerechnet Igor Strawinskys Le Sacre du printemps in den Mittelpunkt seines ersten Programms stellt, das Werk, das die Basis bildete für jenes Schüler*innen-Projekt von 2003, das im Film Rhythm Is It! verewigt wurde und längst Symbol der in die Gesellschaft greifende Rolle eines Spitzenorchesters geworden ist, wie Rattle es sich vorstellte.

Kirill Petrenko (Bild: Stephan Rabold)

Petrenko scheint das ähnlich zu sehen, zumal „Rhythm Is It!“ auch die Überschrift für das Programm mit dem Bundesjugendorchester sein könnte, das Petrenko nun auf Tournee und in der Philharmonie präsentiert. Zwei vom Rhythmus lebende Werke – neben Strawinsky Leionard Bernsteins Suite auf der West Side Story – rahmen eines, dessen Soloistrument gemeinhin primär eine rhythmische Funktion zugeschrieben wird: William Krafts Konzert für Pauken und Orchester Nr. 1 von 1984. Natürlich ist das Konzert ein Statement – aber es ist auch musikalisch ein äußerst spannender Abend. Es ist Petrenko anzumerken, dass er weiß, welchem Schatz, welchem Versprechen für und an die Zukunft er da gegenübersteht. Zwischen 14 und 19 Jahren alt sind die Mitglieder*innen des Orchesters, aus dem so mancher Profi hervorgegangen ist. Einer von ihnen ist Wieland Welzel, Paukist der Berliner Philharmoniker, und sicher nicht zufällig der Solist des Abends.

In Krafts Konzert nimmt er sich zurück, begreift den Solopart bestenfalls als Primus inter pares, maximal auf Augenhöhe mit dem Orchester. Diesem obliegt es in erster Linie, das gespenstische und geisterhafte Zwielicht auszustrahlen, das dieses Werk an diesem Abend erfüllt. Petrenko lenkt den Fokus auf das Spiel oft entsättigter Klangfarben, schaut sehr genau hin, gibt den Einzelstimmen viel Raum zur Entfaltung, ermutigt ein Balancieren von Vorder- und Hintergrund, in dem mal der Solist, mal das Ensemble in den Vordergrund tritt. Ambivalenz ist die Grundnote, auf der diese Interpretation schwingt. Meisterhaft, wie sich die Klangbruchstücke vor der finalen Kadenz zum Unisono zusammenfinden und das Soloinstrument in sich aufnehmen. Den Dialog mit Welzel führen die Mädchen und Jungen auf Augenhöhe, auch um den Preis, dass es dem Solist nicht immer gelingt, die Pauken als legitimes Soloinstrument zu etablieren – dazu braucht er schon die eigens für das Programm geschriebene Etüde, die er als Zugabe spielt. Vor allem der Kopfsatz verplätschert ein wenig, die restlichen beiden sind dagegen atmosphärische Präzisen, farbenspielerische Klangstudien, bei denen der Fokus mal auf individuelle Meisterschaft, mal auf das Zusammenspiel fällt und auch die Stille ihre Rolle hat – als Partner, nicht als Gegner. Es ist sicher kein Zufall, dass es ausgerechnet dieses Werk ist, bei dem der Rhythmus am stärksten in den Hintergrund rückt.

Erwartungshaltungen zu erschüttern war auch schon Strawinsky gelungen. Mit dem Sacre etablierte er den Rhythmus als zentrale musikalische Komponente neben Melodie und Harmonik. Ein ungebremstes Feuerwerk entfesseln die jugendlichen Musiker jedoch nicht. Vielmehr fällt auch hier der Blick aufs Detail, auf das, was in so mancher Lesart des Werks unterzugehen droht. Petrenko lässt die Kontraste betonen, wobei das Piano und Pianissimo ebenso wichtig sind wir das mehrfache Forte, die musikalischen, oft vom Zweifel getriebenen und sich der Unerbittlichkeit des rhythmischen Treibens entgegen stellenden musikalischen Keimzellen, auf Augenhöhe sind mit dem entfesselten Rhythmus, für den das Werk berühmt wurde. Dieser wirft an diesem Abend stets Schatten, grenzt immer wieder ans Gewalttätige und steht der Stille gegenüber, der einzelnen, flehenden Stimme, dem einzelnen Menschen inmitten der Brutalität des Ritus. So fasziniert im zweiten Teil weniger die unerbittliche Härte des alles weg waschenden Rhythmus als die Magie klanglichen Wachsens, das graduelle Zusammenfinden der zuvor separierten Klangfarben, das trotzige Wiederansetzen nach all den Episoden dominanter Gewalt. Die Spannung entsteht weniger aus Lautstärke und Rhythmik als aus dem fragilen Verhältnis von Einzelnem und Ganzem, der brüchigen Balance von Individuum und Masse. Und so ist dieses Sacre keine lärmende Überwältigungsmaschine, sondern eine subtile Gratwanderung im Dreieck von Melodie, Harmonik und Rhythmus, ein mikroskopischer Blick auf musikalische Keimzellen, die ganz nebenbei das erstaunliche Niveau dieser jungen Musiker*innen zu präsentieren vermag.

Dass sie auch Rhythmus pur können, zeigt zu Beginn die Bernstein-Suite. Auch hier ist die Detailschärfe zu beobachten, finden sich etwa in den stilleren teilen auch ganz wunderbare Farbverschiebungen und klangliche Aufblühbewegungen, generell dominiert jedoch klar das Rhythmische, das die Musiker*innen mit eindrucksvoller Präzision zu musikalischem Leben erwecken – keinesfalls mit jugendlichem Ungestüm, sondern mit höchster Genauigkeit und Detailschärfe. Das Perkussive dominiert, das Gewaltpotenzial der Rhythmik, auf der ja das zu Grunde liegende Stück basiert, wird immer wieder spürbar, zuweilen hart an der Schmerzgrenze. Die Suite ist eine rhytmische reise zwischen optimistischer Lebhaftigkeit und bedrohlicher Brutalität. Die am Ende unentschieden bleibt, uneindeutig, offen. wie das ganze Konzert. Und das ist vielleicht sein größter Erfolg.

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