Kein Kehraus

Das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Solist

Von Sascha Krieger

Die Berliner Philharmoniker befinde sich in einem Übergangsjahr. Der alte Chefdirigent (Sir Simon Rattle) ist weg, der neue (Kirill Petrenko) noch nicht da. Das wird nirgends deutlicher als beim traditionellen Silvesterkonzert, das naturgemäß Chefsache ist. Gut, dass man Daniel Barenboim hat. Der Dirigent und Pianist ist dem Orchester seit 1964 eng verbunden und dies auch geblieben, obwohl er zweimal bei der Chefdirigentenwahl leer ausging. Das ist nicht selbstverständlich (man denke an Lorin Maazel). Schon einmal dirigierte Barenboim zum Jahreswechsel, das war 2001, in Claudio Abbados letzter Spielzeit in der Philharmonie. Dass trotz ausgebliebener offizieller Weihen dieses Orchester längst auch seines ist, zeigt sich an diesem Silvesterabend, vor den Augen und Ohren einiger versammelter Prominenz – vom Oscar-Gewinner (Christoph Waltz) bis zur Kanzlerin.

Daniel Barenboim dirigiert das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Dabei geht Barenboim sehr selbstbewusst zu Werke: Auf den üblichen Stargast verzichtet er – gefeierter Solist ist er schließlich selbst. Also dirigiert und spielt er zunächst Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert in D-Dur KV 537. Das so genannte „Krönungskonzert“, nicht geschrieben, aber wohl gespielt bei der Krönung Leopolds II., ist ein festlichesWerk, das sehr gut in diesen Rahmen passt. Vor allem, wenn es so erklingt wie mit diesem Solisten und diesem Orchester. Dass das Dialogische Wesen eines Instrumentalkonzerts ist, lässt sich hier exemplarisch hören. Barenboim und Berliner Philharmoniker interagieren auf höchsten musikalischem, strukturellem und intellektuellem Niveau. Die Eleganz, die festliche Klangbrillanz obliegen klar dem – man kommt mittlerweile kaum noch umhin, es zu sagen – vermutlich besten Sinfonieorchester der Welt. Ein sattes, perfekt balanciertes, Glanz und Feierlichkeit verströmendes Klangbild ist gepaart mit strengem, affirmativem, kraftvollem Zugriff. Doch bei aller Dichte ist da viel Licht, viel Luft zum Atmen, die Grundstimmung ist heiter, wenn auch nicht ohne Schatten. Darüber legt der Solist traumsicher perlende Gesangskaskaden, die auch mal ein wenig mäandern, die in die weite wollen, ins Unbekannte, während das Orchester mit strengem Zug sein Terrain absteckt.

So ergänzen sich beide perfekt: im Kopfsatz, wo sie  einander immer wieder von der Leine lassen, um ihre eigenen Klangwelten zu finden; im langsamen zweiten Satz, in dem Barenboim sein Instrument behutsam singen lässt, den Tönen nachlauscht, das Material spielerisch bewegt und es auch mal tanzen lässt, während die Philharmoniker festliche Eleganz verströmen und dem Solisten dialogisch begegnen – als Gesprächspartner, Antwortender, Aufnehmender oder Echo; im Finale, in dem sie in komplementären Welten leben: hier das kraftvoll freudige, in balancierter und satter Eleganz berückende Orchester, dort der unstet wandernde, suchende, sich auch mal verlaufende Geist des Klaviers, traumverloren, sinnend, singend. Je mehr das Orchester zusammenrückt, desto traumverlorener wird Barenboims Spiel, je affirmativ festlicher erstere, desto mehr sucht und findet der Solist die kleinen, verschatteten Inseln in Moll. Das Orchester ist Klang (siehe die kleinen Spiele mit Ferne und Nähe im Schlusssatz), der Solist ganz melodische Arbeit und Suche. Sie kommen zusammen, weil sie auseinandergehen, weil das eine das andere bedingt, das Spiel die Form, das Ausschweifende, die Struktur.

Ohne Pause geht es am Silvesterabend weiter in ganz andere Welten: Vier Werke Maurice Ravels stehen auf dem Programm, allesamt Auseinandersetzung mit spanischer Tradition und dem Klang und der Rhythmik iberischer Musik. Und was für Schmuckstücke Dirigent und Orchester in ihrer tiefschürfenden Detailarbeit da sicht- und hörbar machen! Los geht es mit der Rapsodie espagnole, einer vierteiligen Mini-Symphonie voller verschatteter Klangwelten, voll von Spannung, geboren etwa im ersten Teil aus einer kreisenden Melodiebewegung, mystisch, gespenstisch, zwielichtig. Barenboim schafft maximale Transparenz, macht jedes Detail hörbar, geht mal beinahe scheu vor, dreht die Schraube dann in Richtung Gewaltsamkeit, ein episodenhaftes Mosaik, an einander zerrender Stimmungen in zwielichtigen, fahlen, durchsichtigen und ständig das Farbspektrum ändernden Klangbildern. Im dritten Teil etwa ringen Tanz und Stillstand miteinander, im zweiten regieren die Extreme, von zerbrechlichster Stille bis zu gewalttätiger Entladung, im vierten folgt auf eine Explosion, ein Auseinanderdriften der Teilchen, wie in einem kosmischen Urknall. Das ist weit entfernt von volkstümlichem Abfeieren spanischen „Kolorits“. Die Stücke gehen ans eingemachte, sind Miniaturen musikalischer Grundprinzipien, keine hübschen oberflächlichen Preziosen.

Das gilt auch für die Alborada del gracioso, rhythmisch fundiert, kontrastreich, voller Wendungen, aber auch mit fantastischen klanglichen Verschiebungen, etwa wenn zu Beginn die Melodie durch die Holzbläser wandert. Dann der Bruch, Stefan schweigert unendlich zartes Solo-Fagott setzt neu an, die Spannung baut sich wieder auf, Stillstand und Stille, gefolgt von treibender Bewegungenergie. Wie ein Spiegelbild setzt zunächst die Pavane pour une infante défunte an, eröffnet von Stefan Dohrs Horn, weitergereicht ins hohe Holz und von Solist zu Solist. Sehnsüchtig der Grundton, am Rande der Filmmusik, überaus licht über all der nachtschwarzen Vernebelung. Doch sie geht ihren eigenen Weg, ein klangliches Balancieren von Ganzem und Einzelnem auf suche nach einer Mitte, die zusammenführt statt zu nivellieren, ein Wogen von Transparenz und Dichte, geordnetem Fluss und Öffnung ins Unbekannte, das träumend verklingt

Am Ende Ravels berühmtestes Stück, der Boléro. An diesem Abend hat das 13 Minuten über dem selben Rhythmus und dem gleichen Ostinato der tiefen Streicher sich im Kreis drehende simple Crescendo nichts mechanisches. Die Soloinstrumente klingen subjektiv, persönlich, jedes seine eigene Sicht auf das melodische Geschehen transportierend. Jede Episode ist ein intimes, individuelles Singen, jede Klangfarbe erzeugt eigene Stimmungen, eigene Perspektiven, lässt das Immergleiche in ganz unterschiedlichem Licht erscheinend. Langsam hellt sich der klang auf, wird satter, schärfer auch, am Ende durchaus ambivalenter, härter, bedrohlicher. Auch hier ist nicht alles Freude, kann natürliche Entwicklung auch in den Abgrund führen. Und doch: Dass eine solche Vielfalt an Klangfarben, an Ausdrucksmodi und Stimmungen in dieses eher einfach gestrickte Stück Wirkungsmusik passen würde, war kaum zu erwarten.

Zum Schluss gibt es gleich vier Zugaben, allesamt Stücke aus Georges Bizets Oper Carmen, passend zum französisch-spanischen Thema des Abends, Energieböller, aber auch Gelegenheit für die Weltklasse-Solist*innen der Berliner Philharmoniker zu letzten Kostproben ihres Ausdrucks- wie technischen Vermögens, insbesondere Flötist Emmanuel Pahud, Oboist Albrecht Mayer und Klarinettist Andreas Ottensamer. So beschließt sich ein begeisterndes Silversterkonzert, kein Ranschmeißer, sondern ein musikalischer Tiefenschürfer, ein vielgesichtiges Gemälde musikalischer Stimmungen, genährt aus Klangfarben, Rhythmus, Melodik, von klassisch festlicher Eleganz bis zu moderner Fragmentierung und ambivalenter Vereinzelung, von der Gewissheit zum Zweifel. Kein freudiger Kehraus, sondern eine durchaus nachdenkliche Reflexion – voller Hoffnung und offener Fragen. Welch ein Abschluss, welch eine Verheißung!

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Ein Gedanke zu „Kein Kehraus

  1. Schlatz sagt:

    Ich habe das Konzert am Radio gehört, aber hatte dann keine Zeit, darüber zu schreiben. Barenboim habe ich ähnlich gehört.

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