Besser scheitern

Chefdirigent Andris Nelsons dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Zu den Konzepten, die in den vergangenen Jahren eine spürbare Aufwertung erfuhren, zählt zweifellos auch das Scheitern. In „Fail Nights“ erzählen Menschen Geschichten misslungener Ideen wie Erfolgsstories, in der Startup-Szene werden Entrepreneure längst schief angeschaut, wenn sie nicht mindestens eine Firma in den Sand gesetzt haben und im Sport ist das Comeback seit jeher interessanter als der unaufhaltsame Aufstieg in die Spitze. Das Beckettsche Motto, es immer wieder zu versuchen und immer besser zu scheitern, hat sich auch Andris Nelsons auf die Fahnen geschrieben. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Der Lette gehört längst zu den besten Dirigenten unserer Zeit – doch ein wichtiges Puzzleteil fehlt ihm noch: Bislang gelang es ihm nicht, sich als ernsthafter Beethoven-Interpret zu etablieren. Nur leider ist der Mann mittlerweile Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig und zu dessen Aufgaben gehört ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das den Leipzigern längst alle Welt nachmacht: die Konzerte zum Jahreswechsel. Mit der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig (Bild: Gert Mothes)

Ein erster Versuch vor zwei Jahren blieb Versuch, uneben, bruchstückhaft, mehr Skizze als Interpretation. Doch der gerade 40 Gewordene hält es da wie Beckett. Und siehe da: Davon, das kanonischste aller Werke der Symphonik zu meistern oder sich gar in die Region einer Referenz hinaufzuarbeiten, ist Nelsons noch immer weit entfernt. Trotzdem erstaunt, wie weit sich seine „Neunter“ in zwei Jahren entwickelt hat. Vor allem weil er nicht mehr ganz so oft wie verloren vor diesem Ungetüm steht und versucht, es so gut es geht zu bändigen. Er hat eine Idee. Keine weit hergeholte: Er zäumt das symphonische Pferd vom Schwanz auf. Beethoven dachte sein Opus magnum von seinem Ende her, vom Finalsatz über Schillers „Ode an die Freude“, dem kosmischen finalen Hoffnungsstatement des längst tauben Komponisten. Das tut auch Nelsons und so erstrahlt der Schlusssatz wie ein plötzlich aus vorangegangenem Zwielicht erstehendes neues Universum. Wenn auch mit Verzögerung. Das initiale Frage- und Antwortspiel mit dem Material der früheren Sätze gelingt wenig konfrontativ und recht spannungsarm – bei Nelsons erwächst die neue Welt eher aus einer Ursuppe als aus Vorangegangenem, ist die Apotheose keine Überwindung, sondern das Entstehen einer kosmischen Ordnung.

Die denn auch aus dem Nichts erwächst: Das Publikum hält den Atem an, eine fallende Stecknadel würde wie eine Explosion wirken, so leise lässt der Dirigent die tiefen Streicher das Freudenmotiv wie aus tiefster Tiefe hervorschürfen. Wie es sich dann im Saal, in der Welt ausbreitet, ist fast magisch zu nennen, schnörkellos und ohne falsches Pathos. Die Kraft, die dieser Satz in der Folge entwickeln wird, kommt aus seinem Inneren und aus einem winzigen Samen, aus dem ein Universum erblüht. Unterstützt vom diesmal perfekt harmonierenden Sänger*innen-Quartett und den phänomenal im Einklang befindlichen drei Chören schwingt sich der Beethoven-Schillersche Gesang in Höhen unbändiger Kraft und strahlendster Helligkeit – das wird sogar der Schreckensschrei vom vor Gott stehenden Cherub zum beinahe freudigen Ausruf. Immer wieder nimmt das Orchester Anlauf, zerbröselt mitunter die gerade gewonnene Gewissheit in Scherben, die dann mühsam zusammengesetzt werden müssen, finden Orchester, Chor und Solist*innen letztlich zusammen in einem am Schluss fast rasenden Vorwärtsstreben. Dicht und kompakt das Klangbild, knapp, sachlich, pathosfrei der Ausdruck, prononciert und vorweg marschierend der Rhythmus, klar und kräftig die affirmative Führungsrolle der menschlichen Stimme. Hier fehlt es zuweilen an Nuancen und Zwischentönen, ist das Dunkel, aus dem das Licht erwächst, irgendwann vergessen, droht die Klarheit mitunter ins Behauptende zu kippen und gerät so manches ein wenig hart und aggressiv. Und doch ist dieser Schlusssatz ein Statement, eine überaus stimmige Feier eines musikalischen Triumphs, der sich am eigenen Schopfe aus der Stille emporzieht. Eines ungebremsten Kraftschubs purer Lebensenergie, die vielleicht noch ein wenig rau, etwas ungehobelt und einen Tick naiv ist, aber fähig, ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen, das zumindest diesen winzigen teil der Welt in ein glücklicheres, optimistischeres Licht zu tauchen vermag.

Da ist denn auch vergessen, wie schwer sich diese Neunte tut, zu diesem Abschluss zu gelangen. Denn der Preis, den Nelsons für seine konsequent finallastige Interpretation zahlt, ist eine Vernachlässigung der ersten drei Sätze. Dabei beginnt alles verheißungsvoll: Die eröffnenden Quinten stellen sich sachlich und trocken in den Raum, neutrale Teilchen einer sich noch formieren müssenden Ordnung. Die dann erst einmal ausbleibt: Das Klangbild ist meist etwas unscharf, die Pauken viel zu dominant, in den energischeren Passagen kann es auch schon einmal lärmen. Streicher und Pauken dominieren, die Holzbläser sind seltsam gedämpft, das Orchesterspiel mitunter betont muskulös. Hier will wenig zusammenpassen, scheut der Dirigent die Eindeutigkeit und verliert sich dadurch zu oft im Ratlosen. Der zweite Satz gehört dann fast ausschließlich den Pauken, sie füllen den Raum, während sich der Orchesterrest ein wenig wegduckt, ohne viel Kraft und bar jeder Spannung. Sachlich trocken das mehrfach wiederkehrende Hauptthema, ohne Firlefanz, aber eben auch ein wenig hölzern.

Apropos Holz: Dieses bleibt in der Ecke, sein eigenes Thema wird regelrecht weggehuscht. Für Licht und Atmen ist hier (noch) wenig Raum. Dabei deutet sich in den besseren Momenten des Satzes schon an, wohin die Reise gehen könnt: Nämlich dann, wenn Andris Nelsons die Zügel anzieht, das Spiel strafft und mit schnörkelloser Sachlichkeit das musikalische Material in den Raum stellt. Leider passiert das im langsamen Satz kaum. Da bleibt das berückend getupfte Eingangsmotiv der Holzbläser einziger wirklicher Höhepunkt. In der Folge zerfasert das Geschehen bis zur Selbstauflösung, das bemühen der ersten zwei Sätze, das Gewebe um jeden Preis zusammenzuhalten, verfliegt zusehends. Da ertrinken dann die Holzbläser im Meer der Streicher und Pauken und mäandert der Satz ins Nirgendwo.

Und doch ist dieser Abend ein Fortschritt: Weil er nochmals neu ansetzt. Wo Nelsons vor zwei Jahren das Mikroskop in die Hand nahm und versuchte, das Werk aus Einzelteilen zusammenzusetzen, definiert er nun das Finale als seinen Kern und nimmt es als Ausgangspunkt und Kraftquell der gesamten Symphonie. Das geht immer weniger gut, je weiter das Werk in die Peripherie strebt und sich von seiner „Sonne“ entfernt. Das Resultat ist eine gewisse Unwucht zu Gunsten des Schlusssatzes, eine zuweilen beliebig wirkende Variationsbreite an Tempi und Ausdrucksmodi, eine gewisse Ratlosigkeit in den ersten drei Sätzen. Ein erneutes Scheitern? Vielleicht. Aber zumindest ein im Beckettschen Sinn besseres.

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