Welt. Leben. Mensch.

Christopher Rüping: Dionysos Stadt, Münchner Kammerspiele (Regie: Christopher Rüping) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Das antike Theater war eine anstrengende Sache: In seiner Athener Blütezeit war es eingebettet und große, mehrtägige Feierlichkeiten, etwa die Großen Dionysien, gewidmet dem Gott des Weines, des Rausches, des Feierns, der eher körperlichen Freuden, bei denen sie einen wesentlichen Programmpunkt bildeten. Allein das Tragödienprogramm war umfangreich (und wurde selbst noch von dem der komödien übertroffen): Drei Dichter bestritten je einen Tag – mit jeweils drei tragischen Stücken und einem abschließenden Satyrspiel. Gut, dass der Verdienstausfall der Zuschauer*innen ausgeglichen wurde. Hieran will Christopher Rüping nun anschließen: „10 Stunden Antike“ verspricht er (am Ende sind es „nur“ neuneinhalb), drei Teile mit tragischen Stoffen gibt es, am Ende noch einen leichteren, ein „Satyrspiel“ neuerer Prägung. Dionysos Stadt nennt er sein Projekt, Bezug nehmend auf den dionysischen Ursprung des Theaters und seiner Einbettung in Feiern des ekstatischsten aller olympischen Götter – aber auch auf die wesentliche Funktion des Theaters in der athenischen Stadtgesellschaft, eines kommentierenden, die großen Fragen des Menschseins anreißenden, aber auch eines selbst gemeinschaftsbildenden.

Bild: Julian Baumann

Also bildet Nils Kahnwald zu Beginn des Marathons erst einmal Gemeinschaft. In einem Prolog erzählt er etwas von besagter Geschichte, lädt Zuschauer*innen zum Rauchen auf der Bühne ein und räumt schnell mit der Erwartungshaltung des Publikums auf. „Wer ist schon enttäuscht?“, fragt er, ob der Verweigerung todernster klassizistischer Antikenfehlinterpretation. Spielerisch, improvisiert geht der Tag los, ein*r Zuschauer*in kann sich (Thema Verdienstausfall!) 50 Euro verdienen, wenn sie am Anfang glaubt, nicht bis zum Ende durchzuhalten und es dann doch tut. Und langsam plaudert, spielt Kahnwald sich und uns hinein in die ferne, ferne Welt und die großen Fragen, die auch uns Nachgeborenen noch umtreiben: Was ist der Mensch? Wozu ist er auf der Welt? Wo kommen wir her und wer bestimmt, wohin wir gehen? Prophetisch wird er und bereitet die Bühne für einen anderen Propheten – Prometheus, der einst den Menschen das Licht und die Selbstbestimmung brachte. Benjamin Radjaipour spielt ihn, hoch über der Bühne in einem engen Käfig hängend und muss bald die Frage des von Majd Feddah gespielten Zeus beantworten, ob das mit dem Feuer denn so eine gute Idee war. Denn das erste, was sie mit dem Feuer täten, wäre, eine Bombe zu bauen.

Prometheus ist hier der Trotzkopf, der bald erschöpft und immer wieder zur Marterung mit weißer Farbe bespritzt, doch an ein Rest Gutes im Menschen glaubt und doch am Ende den Schritt in die Freiheit zu verweigern sucht. Ein Gefangener der eigenen Ideologie. Der selbstbestimmt Mensch ist zunächst nicht weniger als eine unter ihm grasende blökende und fellbehängte Herde, die immer größer wird, farblich diverser und am Ende den Blick freigibt – zunächst auf die in eine Kuh verwandelte Io, dann auf den selbstbestimmten Menschen, selbstbewusst, die Welt per Stagediving entdeckend, ein spaßiger Akt der Gemeinschaftsbildung, der in seiner Natur bereits totalitär ist – die auf der Bühne befehlen, das Publikum hat zu gehorchen. Dieser erste Teil ist ein spielerisches Hineintasten in antike Denkmuster, die gegen heutige gehalten werden, ein Hineinspielen für einer Gerüsttribüne, Theater, das Welt denken aber nicht sein will und es vielleicht deshalb sein muss. Theater, das probiert, skizziert, verwirft. Das Euripides mit Goethe und Heiner Müller kombiniert, Fragen aufwirft, lose Enden legt.

Um im längsten, zweiten Teil, zu sich zu finden, zu einer Form, in die Geschichten gepackt werden können – oder besser: zu mehreren, sich abwechselnden, rivalisierenden Formen. Hier wird nun Zeus‘ Prophezeiung bestätigt: Der Mensch nutzt das Feuer zur Vernichtung. Nach Troja fahren wir und zunächst zählt Peter Brombacher mit Homer die Heerführer und Flotten der angreifenden Griechen auf. Unfassbar groß wird die Zahl, auch in dritter Wiederholung nicht zu greifen. In seiner Nüchternheit ist dieser Bericht ein kaum erträgliches Fanal der menschlichen Kapazität, einander Leid zuzufügen und zu töten. Angetrieben von Matze Pröllochs Schlagzeug verwandelt sich diese in weitere Erzählung, von Kämpfen, Grausamkeit, sinnlosem Töten, erbarbungslosem Massakrieren. Immer wieder versuchen sich die Spieler*innen gegen die Unentrinnbarkeit des Geschehens zu wehren, trifft ihr „Nein“ stets auf ein „Doch“. Eine nicht enden wollende Litanei von Leid und Zerstörung, menschen- nicht gottgemacht, performt vor und auf einem Stahlgerüst mit weißen quadratischen Platten (Bühne: Jonathan Mertz), die zerstört werden, wie Troja zerstört wird – in einem multimedialen Crescendo, an dessen Ende nur noch Stille ist und Leere.

Und Opfer. Mit Euripides treten die „Troerinnen“ auf, klagen ihr Leid, entkommen ihren Rollen und tun es natürloich nicht, finden ihre Stimme, aber nie die Freiheit. Das zieht sich trotz des grandiosen Spiels von Maja Beckmann, Wiebke Mollenhauer und Gro Swantje Kohlhof, zuweilen arg in die Länge, schrammt knapp an sexistischen Klischees, die nur halbherzig widerlegt werden, vorbei. Das hat man schon eindringlicher und komplexer erlebt, etwa zuletzt bei Karin Henkel. Und doch findet auch dieser Teil am Ende noch einmal zu sich: in Kohlhofs stillem Traumbericht ihrer Kassandra, in dem sich der Trojanische Krieg rückwärts abspielt, die zerstörte stadt sich ebenso wieder heilt wie die Wunden der Gefallenen. Eine leise, überaus poetische Vision, eines Prometheus würdig. Der den dritten Teil eröffnet. Radjaipour erscheint als Wiedergänger seiner Figur vom Anfang, ein Friedensbote, Echo des Lebensbringers Prometheus. Der nach weiteren zwei Stunden als Todbringer wiederkehrt.

Bild: Julian Baumann

Denn Zeus behält erneut Recht: Von der großen Bühne kehrt das Gemetzel jetzt in den Familienkern zurück. Die Orestie wird gegeben – als Seifenoper mit Social-Media-Begleitung schwankend und wankend zwischen GZSZ, Rosamunde Pilcher, „Eine schrecklich nette Familie“ und „Chuckie, die Mörderpuppe“. Leichtfüßig führt Rüping sein grandios improvisierendes Ensemble durch die Absurditäten eines Rechefeldzugs, der sich als Gerechtigkeit stilisierte, um im Selbstzweck zu enden, mit Kahnwalds Orest als wahnsinnigem Serienkiller. Man nimmt – im Wortsinne – Blutbäder und treibt am Schluss den Topos der entgleisten Familienfeier auf die bizarre, grelle, zwerchfellerschütternde und blutige Spitze. Die Leere am Abschluss einer Menschheitsentwicklung, die Gewalt wählte und nicht mehr losließ, entlädt sich in visueller und klanglicher Überfülle, in der zu Udo Jürgens gemordet und zu Leonard Cohen nostalgisch über frühere Metzeleien reminisziert wird. Das Publikum, das die Festgesellschaft auffüllt, wird zum Komplizen, zum Mitlacher und Mitmörder. Am Ende hilft nur noch ein Deus ex machina.

Der Ausweg ist ein künstlicher – aber eben ein theatraler. Und genau darum geht es diesem Abend primär: Um eine Hinterfragung des Theaters, seiner Mittel, seiner Erzählweisen. Wo sind die Verbindungen zu den vergessenen Wurzeln, was eint das Damals und Heute, das antike Theater und unseres, was trennt es, wo sind die Brücken? Diese sucht Rüping immer wieder. Das Verhältnis zwischen Gespieltem und Spielsituation ist ein fragiles, es kippt mal in die eine, mal in die andere Richtung und bleibt doch oft in einer Art Zwischenraum. Das Licht- und Feuermotiv kehrt immer wieder zurück – meist als Bote der Zerstörung, ganz am Ende in einem überirdisch kitschig schönen Sonnenaufgang als lebensspendende Vision. Zuvor entfaltete sich die reinigende Kraft des puren Spiels: Auf einem Fußballfeld wetteifern die Spieler, zunächst in Saturkostümen, später nur noch in Socken. Das Licht verliert an Kraft, Kahnwald referiert Jean-Philippe Toussaints Text über die Melancholie des Fußballstars Zinedine Zidane. Das Spiel stockt, die Zeit steht still. Zeit zum Innehalten, Zeit zur Trance, musikalisch begleitet von Pröllochs, zum In-sich-Gehen, zum Durchbrechen des Kreislaufs. „Was hat das mit Dionysos zu tun“, fragt dieser Teil. Nichts. Alles. Der Weltverlust im Traum ist ein dionysischer, ein reinigender, Schmutz wegspülender. Einer, der den Blick in die aufgehende Sonne zum Neuanfang macht, zur friedlich gemeinschaftlichen Tabula Rasa, die Spieler*innen und Schauende eint. Das Licht war Ende und ist wieder Anfang. Wie das Theater. Immer. Dieses ist beides, ist Bewegung und Stillstand, Leben und Tod, Erfolg und Scheitern, Rausch und Langeweile, Erleben und Behauptung. All das. Welt. Leben. Mensch. Genug.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: