In der eigenen Falle

Ödön von Horváth: Italienische Nacht, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Die deutsche Sozialdemokratie hat es gerade nicht leicht. In Wahlumfragen steht konsequent eine Eins vorn, in einigen Bundesländern kratzt man bereits an der Einstelligkeit. Von Volkspartei kann längst keine Rede mehr sein, seit der Schulzzug ausfiel, wenn an Regierungsbeteiligung derzeit zu denken ist, dann nur unter schwarzer oder – oh Schreck – gar grüner Führung. Und dann kommt auch noch Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, gräbt ein nicht ganz zu Unrecht selten gespieltes Stück Ödön von Horváths über die Kapitulation einer erstarrten demokratischen Gesellschaft gegenüber dem aufkommenden Faschismus aus und verlegt es in einen SPD-Ortsverein, der sich in ideologischen Grabenkämpfen selbst zerfleischt, sich auf Ego-Pflege und das Prinzip der drei Affen fokussiert und am Ende dem Fascho-Ansturm hilflos ausgeliefert ist. SPD-Mitglieder sollten diesen Abend meiden – Theaterliebhaber allerdings womöglich auch.

Bild: Arno Declair

Der gut zweistündige Abend hat nämlich genau einen großartigen Moment. Da rotiert die Drehbühne, auf die Nina Wetzel mit wunderbarer Detailbverliebtheit eine typische deutsche Dorfkneipe gebaut hat – Außenfassade auf der einen, freier Blick in den offenen Schankraum auf der anderen Seite – ein Musterbeispiel selbstgerechter Spießigkeit. Die Wirtin hat ihre Räumlichkeiten nacheinander an Faschisten und besagten SPD-Ortsverein für dessen „Italienische Nacht“ vermietet. In einem Moment also brüllt der adrette Oberfascho gespielt von Laurenz Laufenberg mit bemerkenswerter Aggressivität ein Rechtsrock-Lied mit dem Refrain „Deutschland, erwache!“ ins Mikro und beglückt das aufgepeitschte Publikum mit Festzen aus AfD-reden, da verwandelt sich die Szenerie nach einer vollen Bühnendrehung vollständig. Die Faschorockband hat sich in die müde Party-Combo „Die Ricardos“ verwandelt, statt Nazi-Parolen spielen sie Roland Kaisers „Santa Maria“, die reichlich alkoholisierten Sozis tanzen dazu Steh-Blues. Besser ist der Kontrast zwischen einer nur noch sich selbst beäugenden erschöpften Gesellschaft, die vor den ihr drohenden Gefahren die Augen verschließt, und der gefährlichen Dynamik einfacher populistischer Parolen und des Gemeinschaftsgefühls vermeintlich abgehängter kaum zu fassen. Wer die Tragweite dessen, was derzeit in diesem Land passiert, dem seien diese vielleicht fünf Minuten dringend empfohlen.

Nur leider sind sie eingebettet in etwa 120 weitere, die den Effekt schnell verpuffen lassen und am Ende vielleicht sogar konterkarieren. Ostermeier versucht den Spagat: einerseits Horváths Text zu spielen, andererseits Gegenwärtigkeit zu schaffen. Und so verliert sich der Abend bald in der Unentschiedenheit. Die ideologischen Kämpfe der Zwanziger und Dreißiger – eine SPD mit marxistischem Flügel? – scheinen weit weg, die Bezüge auf die heutige SPD sowie aktuelle politische Debatten arg aufgesetzt und so klischeetriefend, dass die Urin-Pfütze , die der Stadtrat am Zigarettenautomat hinterlässt, wie ein Trockenbiotop wirkt. Zumal alle Beteiligten unfassbar unsympathisch sind: Alles voran Hans-Joachim Wagner als Stadtrat Alfons und örtliche Parteigrande, ein opportunistischer, brutaler (vor allem gegen seine Frau) und engstirniger Widerling übelster Sorte. Ihm stehen die anderen jedoch kaum nach: Sebastian Schwarz, der seinen Ideologen Martin, Alfons‘ Gegenspieler, mit enervierender Schnodrtigkeit als rücksichtslos unerbittliche Pappfigur gibt, David Ruland, dessen Kranz zur Ossi-Karikatur verkommt, Christoph Gawendas windelweicher Frauenheld Karl oder Lukas Turturs Betz, Vernuftwesen zunächts, lächerlich rückgratfrei am Ende. Die Frauen kommen besser weg, spielen aber kaum eine Rolle – Traute Hoess ist als Wirtin und Comic Relief, gepaart mit eher bedenklichem „Stimme-des-Volkes“-Klischee sichtlich unterfordert, während Alina Stiegler als Martins von ihm als Spionin eingesetzte Freundlich kaum über eine Statistenrolle hinauskommt.

Von denen es im Übrigen selbst eine Menge gibt. Sie stellen den rechten Mob dar, ziehen mit Fackeln und Haus und brüllen Parolen von Pegida & Co. was die Insassen der Filterblase zunächst wenig schert. Man spielt Karten, schwingt Reden, beleidigt einander und steht am Ende mal wieder gespalten da. Dazwischen gibt es noch ein bisschen Persönliches, präsentiert in drögen Dialogversuchen, die selbst GZSZ schon lange nicht mehr zulässt. Dem Abend fehlt jede Spannung, langsam und zäh hangelt er sich von Szene zu Szene, wenn sich mal etwas wie Konflikt aufbaut, spült ihn garantiert das nächste nichtssagende Gesprächchen die – natürlich auch enthaltene – Toilette herunter. Die klaustrophoobische Anlage, der in sich, ihren Geplänkeln und letztlich der Kneipe Eingeschlossenen, wird nicht eingelöst, zu belanglos plätschert das Geschehen dahin. Auch weil beide Seiten – rechte Demokratiebedroher und vermeintlich linke Besitzstandswahrer – wenig mehr als Drescher papierner Phrasen von exquisiter Plattheit sind. Die Figuren bleiben Pappkameraden, auf Dramaturgie verzichtet der Abend ohnehin weitgehend. So entsteht eine dröge, zunehmend ziellose Klischeeparade.

Der Schauer, der bei den Parolen à la „Volksverräter!“ den Zuschauerrücken herunterlaufen sollte, bleibt aus – wohl auch, weil die Demokratie hier kaum beschützenswert erscheint. All ihre Vertreter sind entweder korrupte Opportunisten, rückgratlose Wendehälse oder sture Ideologen – widerwärtig sind sie alle. Und so wird plötzlich aus der Abrechnung mit der Unfähigkeit der Demokraten und Antifaschisten, sich gegen den Feind von Rechts zusammenzuraufen, eine einer als verkommen dargestellten Gesellschaft selbst. Das Bild, das dieser Abend von ihr – und vor allem der Sozialdemokratie malt – ist erschreckend nah an dem, mit dem die so genannte Neue Rechte ihre Pamphlete und Reden und Sprechchöre füllt. Der alte wie der neue Faschismus sprach und spricht von einer dekadenten Gesellschaft, die erstarrt nur noch auf sich selbst blickt und weggefegt gehört. Ein Fazit, das dieser Abend mit zunehmender Dauer zu teilen scheint. Und so wird aus ziemlich schlechtem auch noch recht gefährliches Theater, das in die Falle dessen tappt, dem er sich eigentlich entgegenstellen will. Der es sich einfach macht mit seiner Weltsicht und exemplarisch vorführt, wohin der Glaube an einfache Antworten führen kann.

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