Die Welt ein Lied

Iván Fischer und Christian Gerhaher zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Dvořák, Wolf und Schubert

Von Sascha Krieger

Der Berliner Kulturrezipient nimmt ja so manches als selbstverständlich ist: Die Breite und Qualität des täglichen Kunst- und Kulturangebotes gibt es so nur an ganz wenigen anderen Orten der Welt. Und doch braucht es eine besonders ungewöhnliche Konstellation, damit sich auch der Dauertheater- und -konzertgänger daran erinnert, wie gut er es hat. Denn an aufeinander folgenden Abenden sowohl die Berliner als auch die Wiener Philharmoniker erleben zu dürfen, ist selbst in der deutschen Hauptstadt nicht Alltag. Und wenn es dann auch noch zwei atemberaubende Konzertprogramme sind (hier geht’s zur Besprechung von Franz Welser-Mösts Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern), dann könnte sich schon die Frage stellen, womit der für seine Grummeligkeit bekannte und berüchtigte Berliner dies verdient hätte. Doch dann entscheidet sich zumindest dieser, sein Glück einfach anzunehmen und zunächst in der berückenden Schönheit der Legenden Nr. 6 und 10 von Antonín Dvořák zu schwelgen. Als lyrischere Gegenstücke zu seinen berühmten Slawischen Tänzen konzipiert, entfalten sie unter dem Dirigat des Dvořák-Experten Iván Fischer eine so berauschende Strahlkraft, dass der Rezensent für einen kurzen Moment nie wieder etwas anderes hören zu wollen glaubt.

Christian Gerhaher und Iván Fischer mit den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

So fabelhaft vereinen sich lyrische Innigkeit in den Holzbläsern mit expansiver romantischer Streicherfülle, Fließen und singen, klanglich satter Oberflächenglanz und intim untergründiges Flehen in der Nr. 6, punktieren traumschöne Holzakzente die plastische Streicherdecke in der Nr. 10, fällt der Blick auf die melodische Lebendigkeit des Geschehens, dass zumindest dieser schon ankläge an den nach der Pause folgenden Schubert zu hören vermeint. Die Geburt klanglicher Schönheit aus dem Geist der Melodie – nicht weniger. Doch dann geht es zunächst etwas karger und schroffer weiter. Acht Lieder Hugo Wolfs, bis auf eines von ihm selbst orchestriert, stehen auf dem Programm und Ausnahme-Bariton Christian Gerhaher auf dem Podium. Mit höchster Textverständlichkeit gibt er zunächst Goethes drei „Harfenspieler“-Lieder aus dem Wilhelm Meister. Schnörkellos, fast erzählend am Anfang, findet er zu intensiver Dramatik, aufs mindeste reduziert und dadurch umso eindringlicher den Weltschmerz des einsamen spürbar machen. Das Orchester hält sich zurück, bietet feine Akzente und sachte melodische Bögen an, verdichtet sich im dritten Lied in dramatischen Streicher-Episoden, denen lyrische Holzgesänge entgegenstehen, während Gerhaher zu einem anklagenden Ton findet, der die Resignation des Vorangegangenen nicht vergessen hat. Das wirkt so unmittelbar und so ohne jedes Pathos, dass es direkt ins Herz greift. Roh, ungefiltert, ohne Schutz.

Wunderbar nuancenreich dann die drei Vertonungen von Gedichten Eduard Mörikes. „In der Frühe“ überzeugt mit behutsamer orchestraler Aufhellung und Gerhahers abwechslungsreicher Narration. „Der Feuerreiter“ (frisch orchestriert durch Eivind Buene) sieht den Solisten plastisch und dramatisch agieren, das Orchester rhythmisch orientiert und scharfkantig mit beinahe gewalttätigen Streicherblitzen, gespenstischem Pizzicato und einem wahrhaft höllischen Aufruhr gegen Ende. „Weylas Gesang“ ist dann zart und flüchtig, Gerhahers Gesang warm zu behutsam, das Orchesterspiel reduziert mit Klarinette und Harfe als Dialogpartnern des Solisten. Am Schluss noch mal Goethe: Zunächst „Der Rattenfänger“, Solist und Orchester sich in dramatischem Gestus gegenseitig antreibend, Blech und Holz sich an Schärfe überbietend, „Anakreons Grab“ dann von berückender Lyrik mit seinen samtigen Streichern , den hell leuchtenden Holzbläsern,der zurückhaltenden Erzählung Gerhahers, dem melancholisch zur Ruhe kommenden Schluss. Wo Dirigent und Orchester bei Dvořák den Gesang als in die Welt hinaus gehenden expansiven Akt feierten, folgen sie ihm in seine oft brüchige, sich selbst zuweilen beinahe aufhebende Tiefe.

Der Boden ist damit bereitet für Franz Schuberts „Große C-Dur“-Symphonie, die heute meist als seine achte gezählt wird. Bei der zunächst eine Orchesterumstellung auffällt: Fischer hat die Holzbläser – jeweils paarweise – in die erste Reihe gebeten, die Hörner mittig dahinter platziert, Trompeten und Posaunen verbleiben dagegen an ihren üblichen Platz hinter den anderen Instrumentengruppen. Die Wirkung ist sofort hörbar: Der einleitende Hornruf, sachlich, schnörkellos aus der stille heraustönend, ist von einer solchen Unmittelbarkeit, dass sich sofort eine Lebensfülle öffnet, in der die ungeheuer präsenten Holzbläser eine Schlüsselrolle spielen. Die Positionierung der Holzbläser sorgt für eine wunderbare Balance mit den Streichern, die eindringliche Akzentverschiebungen zulässt und eine Lebendigkeit schaffen, die durch jeden Winkel der Philharmonie pulst. Wie von fern erklingen die Posaunen, den Klangraum auch im Wortsinn weit öffnen. Und hier ist dann viel Platz für Gesang: die expansiven der dichten, weichen, glasklaren Streicher oder die innigen, auch spielerisch hüpfenden der Holzbläser, deren Thema fast ein wenig „hinkt“ und naturhaft aufgeraut klingt, Farben- und ausdrucksreich präsentiert sich der Kopfsatz, eine weite und komplexe Landschaft, auf der die Melodien herumtollen, sich ausbreiten, die Welt füllen können.

Dewr Grundgestus des Melodischen setzt sich fort: im langsamen Satz zunächst in der zurückgenommenen Lyrik von Jonathan Kellys Solo-Oboe, die später zerbrechlich mit der Klarinette des direkt gegenübersitzenden Andreas Ottensamer korrespondiert. Spannung bauen die akzentuierten Kontraste der sich verlierenden intimen Holzgesänge und der hart unerbittlichen Streicherwände auf. in einem Moment öffnet sich das Klangbild in ein lichtdurchflutetes tiefatmendes Universum, im nächsten schon verschärfen die Streicher den Ton. Dann ein plötzlicher Stillstand, samtweiche Celli heben erneut zum Singen an, leuchtendes Holz tritt hinzu, der Gesang ist wiedergefunden, das melodische die Welt zurückerobert. Das Scherzo energisch druckvoll, durchsetzt von fast humoresk meckernden Holzbläsern, das Trio in seiner schlichten Sanglichkeit zu herzen gehend. Da darf das Holz schon mal schwelgen, sich die Ausdrucksvielfalt beinahe im Episodenhaften verlieren – Fischer findet so viel Lebensfülle im Detail, dass sich damit mühelos jede Lücke füllen lässt.

Aus all dem Singen schöpft der Finalsatz dann eine ungeheuerliche Energie, die sich in Bewegung entlädt und bei die Holzbläser und Hörner den Ton angeben. Farbwechsel und Spiele mit dem Klangraum – bei denen den Posaunen erneut eine wesentliche Rolle zukommt – gepaart mit fein herausgearbeiteten Verschattungen führen in eine freudige, aber nicht unwidersprochene Feierlichkeit, ein lebensbejahendes musikalisches Fest, dem jede Naivität abgeht. Die Moll-wechsel sind klar hörbar und verstärken den Eindruck des Anlaufnehmens hin zur finalen Apotheose des Gesangs. Hell und Dunkel ringen in lebhaftem Spiel miteinander und finden am Schluss zusammen, ein Dialog der Gegensätze, die einander bedingen, ohne die kein Leben wäre und schon gar keine Symphonie. Eine Feier des Singens ist dieser Abend, tief blickend und schürfend und zugleich von einer Leidenschaft, die den Rezensenten nur sehr widerwillig in die Nacht treibt. Die mit ihren ganz eigenen Melodien zu schwingen scheint. Die Welt ist zum Lied geworden.

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