Topfschlagen mit Oktopus

Philippe Quesne: Crash Park – Das Leben einer Insel, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin  (Regie: Philippe Quesne)

Von Sascha Krieger

Philippe Quesne ist so etwas wie der Endzeitpoet des europäischen Theaters. Er schickt namenlose Menschenskizzen in seltsame Weltminiaturen irgendwo zwischen Apokalypse und Utopie, zwischen Ende und Anfang und lässt sie machen, was Menschen so machen. Das ist auch in Crash Park nicht anders. Der dem Publikum zunächst einen steifen Halt verpasst. Denn das Geschehen spielt sich anfangs links und rechts der Bühne ab, auf Fernsehbilödschirmen, die das Innere eines Flugzeugs zeigen. Bevölkert von allerlei mehr oder minder stereotypen Karikaturen: Althippies, Businesstypen, coole Hip-Hop-Versteher. Dazu eine Crew, die bedient und sich in der Bordküche versammelt, um Shots zu kippen. Ein vollkommen realistisches Szenario, mit genügend Skurrilität aufgeladen, dass es sich selbst ausreichend untergräbt. Denn um Naturalismus geht es Quesne nun wirklich nicht, er ist ein Bildermaler und Märchenerzähler, ein augenzwinkernder Parabel-Erfinder, dessen „Moral“ gern ins ironisch Leere läuft. Das ist auch diesmal so.

Das HAU2 (Bild: Sascha Krieger)

Der Abend entwickelt schnell einen erstaunlichen Zauber: So naiv neugierig bis infantil, wie die Handvoll Überlebender des titelgebenden Crashs die ebensolche Insel erkunden; so kitschig detailverliebt und betont billig, wie Quesnes Bühnenbild ist – links die zerbrochene Flugzeugkabine, rechts eine Felseninsel mit Palmen, dahinter ein Stoffvorhang mit aufgemalten Wolken; so trashig lustvoll, wie ihr Spiel ist, etwa wenn sie mit reichlich Theatralik und der Illusionskraft eines Z-Movies ohne CGI-Budget die eigene Rettung nachstellen. Das hat einen ganz besonderen Charme und wenn dann die Gestrandeten, nachdem sie die Drehbühneninsel ausgiebig mit dem Enthusiasmus einer Pfadfindertruppe umwandert haben, längst in Blättern gewandet rituelle wassertänze erfinden und damit schnell mal Kultur erschaffen, verströmt das einen so herrlich archaischen wie kindlich naiven Zauber, dass es schwerfällt, der nicht zu übersehenden Schlichtheit des Ganzen böse zu sein.

Quesne tut nicht weniger, als einen Neuanfang der Menschheit zu konzipieren. Kaum kommunikationsfähig am Anfang, den alten Ritualen anhängend – die Bordmahlzeit ist auch nach dem Crash noch zu verzehren, Koffer, Bücher und Artefakte der „alten“ Kultur zu retten, ist mindestens so wichtig, wie die Menschen – suchen die Fugzeugbrüchigen den weg in eine neue Gesellschaft – die natürlich, man kennt das aus postapokalyptischen Szenarien, ein Spiegel der alten ist. Aber Quesnes Protagonist*innen gehen die Welterschaffungso freudig strahlend, so lächelnd naiv, so unverstellt neugierig an, dass der utopische Geist der sich die Welt zum Untertanern machen wollenden Epochen nach Ende des Mittelalters aufscheint. Und tatsächlich: aus den Adam-und-Eva-mäßig Gewandeten werden, nach einer kurzen, überaus unterhaltsamen Piraten-der-Karibik-Episode, in der sie einen Riesen-Oktopus besiegen, Robinson-Wiedergänger*innen, schlägt die Zitathaftigkeit des Abends den Bogen zu Daniel Defoe und Thomas Morus, mit ständigen Umwegen über die Kolonialismusverklärung entsprechender Filmgenres.

Denn natürlich macht der Mensch auch hier, was er eben tut: Er erobert eine „neue Welt“, (ver)formt sie nach seinem Gusto und zerstört im Zuge dessen alles, was zunächst so faszinierend erschien. Also wird die Vulkaninsel ausgehöhlt, um zunächst Platz zu machen für einen Club, in dem DJ Schwimmweste auflegt, bevor sie am Ende vollständig entkernt wird und sie in eine Art Apartment-Block verwandelt. Die einheimische „Bevölkerung“ – hier personifiziert durch die Quesne-typischen Riesenmaulwürfe – ist da längst verschwunden, verdrängt, vergessen. Denn hinter all der guten Laune, hinter all dem unschuldigen Kinderspiel steckt eine bittere Erkenntnis: die Tendenz auch des bestgewillten Menschen, allem und jedem seinen Stempel aufzudrücken, zu domestizieren, zu dominieren, zu zerstören. Eine spielerische Parabel auf Umweltschmutz und Kolonialismuslässt Quesne seine Menschlein-Karikaturen die Fehler ihrer Spezies wiederholen – in Form einer skurril spaßigen Märchenminiatur, aber nicht weniger radikal.

Das vermag zunächst zu überzeugen in seiner Liebe zur Albernheit, zur gutgelaunt spielerischen Übertreibung, zum Ausufern der Fantasie auf zunächst von automatischem Klavier (das unter anderem das Titelthema aus Titanic spielt), später von überbordend pathetischer Filmmusik gewebtem Klangteppich. Und ist doch schnell auserzählt. So wird das Spiel bald zum Selbstzweck, wiederholt es sich, um sich gleich darauf zu überbieten, mit noch einer fantasievoll albernen Aktion, etwa einer herrlichen Schaumfontäne aus dem Flugzeugwrack oder feuerwerksartiger Vulkaneruptionen. Es ist schwer, den Bildern, die Philippe Quesne malt, nicht gern zuszusehen, aber unmöglich, die Augen davor zu verschließen, dass ein Großteil dieser fast zwei Stunden selbstzweck ist, selbstverliebtes Brimborium, liebevoll absurdes Theater ohne tieferen Sinn. So sehrm das bald die satirische Intention aus dem Blick gerät, der Zuschauer sich so sehr in diese sieben (?) Zwerge, diese possierlichen Menschheitsextrakte verliebt, dass das, was da erzählt wird, irgendwann weitgehend vergessen ist. Das ist so nett, so harmlos, so wunderlich wie ein Märchenspiel oder eine Zirklusvorstellung (die musikalisch im Übrigen mehrfach zitiert wird). Und so beliebig, so egal, so traumschön leer. Vielleicht ist Philippe Quesne am Ende doch kein Lyriker und Weltenerfinder, sondern sein Theater ein außergewühnlich einfallsreicher Kindergeburtstag, eine besonders fantasievolle Variante des Topfschlagens. Und die sind bekanntlich nie allzu lang auszuhalten.

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