Lizenz zum Dröhnen

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Riccardo Muti, Karl-Heinz Schütz sowie Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wolfgang Amadeus Mozart, so erfahren wir aus dem Programmheft, mochte die Flöte nicht besonders. Trotzdem komponierte er für sie, er brauchte schließlich Geld. Das G-Dur-Konzert ist sicher eine seiner besseren Kompositionen – eine Sternstunde des Mozartschen Schaffens ist es nicht. Das scheint auch Karl-Heinz Schütz zu spüren, Soloflötist der Wiener Philharmoniker, der die nicht ganz dankbare Aufgabe hat, das Gastspiel seines Orchesters im Rahmen der diesjährigen Hommage des Berliner Konzerthauses, die eben diesem Klangkörper gewidmet ist, mit selbigem Werk zu eröffnen. Seine Anspannung ist im anzusehen – und anzuhören. Als wolle er es rasch hinter sich bringen, rast er regelrecht durch die ersten Takte seiner Partie und wirkt auch im weiteren Verlauf recht unentspannt. Nur selten, etwa in der Kadenz des Kopfsatzes, gibt er der Musik etwas Raum zum Atmen, findet gar den Mut zur Stille. Ansonsten zeigt er sich sichtlich bemüht, als wolle er dem Werk gegen dessen Willen seine Substanz belegen. Da ist immer ein Zu-Viel, stets ein Eindruck von Anstrengung, er presst die Melodiebögen heraus, aber lässt sein Instrument nicht singen. Dadurch neigt sein Spiel zur Überdeutlichkeit, wo es leicht sein sollte, zur Affirmativität, wo Zwischentöne gefragt werden.

Riccardo Muti (Bild: Todd Rosenberg / Photography by courtesy of http://www.riccardomutimusic.com)

Deutlich entspannter zeigen sich dagegen Dirigent Riccardo Muti, als Ehrenmitglied der Philharmoniker eine logische Wahl für dieses Konzert, und sein Orchester. Für ihn ist das Flötenkonzert die Vorspeise, etwas zum Warmlaufen, im Schlusssatz zeigt sich sogar ein seltenes Lächeln auf seinem Gesicht. Die Streicher klingen so samtig und geschliffen wie eh, übertönen zudem meist die anderen Instrumentengruppen (in den Sätzen zwei und drei sind die Holzbläser tatsächlich hin und wieder zu hören), und scheinen erst im Finale zu bemerken, dass da noch ein Solist auf dem Podium ist. Der dialogische Versuch wird schnell verworfen, jeder macht sein Ding. Für Muti und Orchester heißt das: schon mal für den anschließenden Bruckner übern. Also häufen sich die Massierungen im zweiten Satz, verleiht Muti ihm einen nicht recht passen wollenden getragenen Duktus, während es sich im Schlusssatz weitgehend auf das Setzen rhythmischer Akzente beschränkt. Warum dieser Mozart auf dem Programm steht, erschließt sich nicht und scheint auch keine*n der beteiligten weiter zu interessieren.

Um Anton Bruckner geht es, seine Siebte, ein gewichtiges Werk zum Eindruckschinden. Und es ist vom ersten Takt an klar, dass Maestro Muti nichts anderes im Schild führt. Dieser Bruckner ist eine Zeitreise, zurück in eine Vergangenheit, in der Oberfläche und Wirkung alles, analytisches Denken und detailscharfe Interpretation nichts waren. Dieser Bruckner ist auf Effekt gebürstet und, ja, auch auf Krawall. Schon das Orchester (beim Bruckner tatsächlich mit einer – sehr – niedrigen zweistelligen Zahl weiblicher Musikerinnen) passt kaum aufs Podium, seine Siebte definitiv nicht in diesen Saal. Wer nicht gegen entstehenden Tinnitus kämpft, fragt sich ernsthaft, ob dieser Auftritt nicht eine Bewerbung für Wacken sei. Dabei ist der Anfang durchaus einnehmend: Gewichtig rollt die Streicherwelle aufs unsichtbarer Tiefe heran, unaufhörlich, Raum füllend. Doch schnell wird klar: Um organische musikalische Entwicklungen jeglicher Art wird es hier und heute nicht gehen. Getragen ist der Grundmodus, viel zu oft an diesem Abend missverstanden als schleppend. Muti verlangsamt das Geschehen so weit, bis sich ein äußerst zäher Fluss ins Konzerthaus ergießt, dem jegliche Kraft und Energie fehlt. Dem entgegnet der Maestro mit dem beliebten Irrglauben, Kraft sei gleich Lautstärke. Also lässt er es dröhnen, einen großen Teil dieser gut 80 Minuten lang.

Eine längst überwunden geglaubte Überwältigungsästhetik stellt er zur Diskussion, in der Breite und Schwere alles, Transparenz oder Detailschärfe nichts gelten. Riccardo Muti hat die Lizenz zum Dröhnen. Struktur? Motivische Bezüge? Egal, Hauptsache, es lärmt schön. Was schon in der Philharmonie bedenklich wäre, überfordert die Akustik dieses Saals entschieden. Da muss sich selbst so mancher gestählte Rezensenten-Kollege mitunter die Ohren zuhalten, so sehr versuchen Dirigent und Orchester das Erlebnis vor einem Flugzeuglaufwerk bei der Startvorbereitung zu stehen, nachzustellen. Da geraten die Streicher zuweilen viel zu schrill, schreien die Blechbläser mitunter – egal, man kann es ja kaum hören. Auch weil Muti der irrigen Annahme ist, den komplett humor- und weitgehend nuancenfreien Überwältigungsgestus auf alle vier Sätze stülpen zu können. Das ist besonders ärgerlich im langsamen zweiten Satz, den Muti unfassbar eng fasst und zugleich im Zeiterleben der*s Hörenden unendlich lang ausbreitet.Hier fließt nichts, hier ergießt sich keine existenzielle Klage, hier steht ein Brett, eine Mauer, unbeweglich, unverrückbar, tot.Elefantös werden selbst kurze Momente des berückenden Wiener Klangs (gar mit ein paar Farbupfern der Holzbläser angereichert) niedergetrampelt. Alles soll todernst klingen und tragisch wirken und gerinnt schnell zu seiner eigenen Parodie.

Das Anschwellen des einleitenden Fanfarenmotivs im Scherzo, das in fast jeder Interpretation des Werkes zu erschüttern vermag, verpufft an diesem Abend kraftlos. es dröhnt, aber es lässt kalt. Flöte und Oboe singen nicht, sie rezitieren, ansonsten begibt sich das Orchester auf Lautstärke-Rekordjagd – nicht ohne Erfolg. Mit dem zerklüftet komplexen Finale kann Muti dann überhaupt nichts mehr anfangen. Es zerfasert zwischen immer neuen Überwältigungsposen und undurchdringlichen Blechbläser-Wänden, Lautstärke-Entgrenzugen und der Musik jegliche Atemluft abschnürender Strenge. Was ein Höhepunkt einer wohlverdienten Hommage sein sollte, mutiert zu seelenloser Kraftmeierei und beeindrucken wollendem Muskelspiel. Am Freitag dirigiert Franz Welser-Möst mit dem Orchester ein reines Brahmsprogramm. Es bleibt zu hoffen, dass dies dem Anlass angemessner sein wird. Herbert Grönemeyer, der Ruhrgebiets-Mozart mit der goldenen Stimme, verfasste einst (in seinem Opus Magnum „Mambo“) die Textzeilen: „Es trommeln die Motoren, es dröhnt in meinen Ohren“. I feel you, Herbert.

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4 Gedanken zu „Lizenz zum Dröhnen

  1. […] Kritiken: ziemlich begeisterter Schlatz, mehr als stuffer Krieger, schwärmerischer […]

  2. Schlatz sagt:

    Mir gehts fast anders herum. Ich fürchte mich etwas vor Welster-Mösts Brahms 🙂

  3. ich sehe, wir ergänzen uns 🙂

  4. […] Klangkultur versehen, wie sie nur die Wiener zu schaffen im Stande sind. Und die sich – nach dem reichlich lärmenden Gastspiel des Orchesters unter Riccardo Muti am Dienstag – ohne Trübungen den ganzen Abend genießen lässt. Der ganz Johannes Brahms gewidmet ist – […]

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