Wie ein Faustschlag

Junges DT – Nach dem Roman von Philipp Winkler: Hool, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Adrian Figueroa)

Von Sascha Krieger

Die Gegenwart ist schwarz-weiß. Schwarz sind die Kapuzen-Pullis, die T-Shirts, die Hosen, weiß der neutrale, bespiel-, beschreibbare, indifferente Raum, in dem die vier Schwarzgewandeten stehen und agieren. Schwarz-weiß ist auch ihr Leben: Hier der Alltag, dort die Ekstase, für die einzig sie leben. Dazwischen nichts.Zumindest nicht für Heiko, Erbe eines Hannoveraner Hooligan-Imperiums, das einst sein Onkel aufbaute. Die Beziehung zur Familie: zerrüttet. Die Beziehung: gescheitert. Heiko hat nur die Äcker, auf denen die Matches mit anderen Hooligan-Gruppen stattfinden, brutal, aber auch einem Kodex unterliegend (wer am Boden liegt, ist Tabu). Dort fühlt er den Adrenalinschub, den Rausch, aber auch Zufriedenheit, Glück und so etwas wie Ruhe. Heiko ist der Held von Philipp Winklers vielbeachtetem Roman Hool. Aus seiner Perspektive taucht er ein in eine fremde, abstoßende Welt, der er durchaus Neugier, vielleicht gar einen Rest Sympathie entgegenbringt. Eine Welt ganz eigener Werte und Regeln, eine seltsame Art der Suche nach Sinn, Erfüllung, Identität.

Bild: Arno Declair

In Adrian Figueroas Adaption ist Heiko vervierfacht. Erzählt, mal monologisch, mal den Text weiterreichend, mal dialogisch von seiner Passion, die sein Leben ist, auch weil ihm die anderen potenziellen Leben zunehmend entgleiten. Und an dem er festhält, auch wenn einer seiner Freunde und Mitstreiter nach dem anderen herausfällt aus der verschworenen Truppe: Ulf hat Familie, Jojo seinen Trainerjob, Kai ist nach einem Überfall feindlicher Hooligans erblindet. Doch für Heiko gibt es nichts anderes. Die vier Spieler (Christoph Franken, Sascha Göpel, Jeremy Mockridge, Caner Sunar) bewältigen die Rolle – und alle anderen zitierten – mit viel Energie und mancher Nuance. Sie zeichnen das zersplitterte Bild eines Getriebenen, verletzlich, kindlich, brutal, manisch, ein lebender, durchs Leben taumelnder Widerspruch. Nur selten ist seine Welt ganz hell, oft steht er in gezackten, puzzleartigen Lichtfenstern, Menschfragmente im Ausnahmezustand. Den der Abend treffend einfängt: Die vier Heikos sind dauerangespannt, stets am Rand des Berstens – was sich am eindrucksvollsten und unmittelbarsten in einer eigentlich redundant erscheinenen Szene zeigt, in der Mockridge sich durch eine Pokalauslosung improvisiert und dabei jeden Moment droht, komplett die Kontrolle über sich und seine Situation zu verlieren. Da verwandelt sich das Lachen urplötzlich in Schrecken, der dann unkomfortabel wieder weggelacht werden muss.

Heiko ist gefangen in sich, der aseptische weiße Raum, der sich immer wieder schwärzt und von Störlinien durchzogen ist, ist sein Inneres, ein weißes Blatt, das er nicht ausgemalt bekommt, sondern nur verdunkelt. Bunt ist auschließlich die Vergangenheit. Die verbirgt sich hinter einer vermeintlichen quadratischen weißen Platte an der Rückwand, die sich als Kinderzimmer entpuppt, Ort der Jugendträume Heikos und seiner Freunde. Auch der tödlichen. Denn der Schatten, der über allem schwebt, ist der eines Abwesenden: Joel, Jojos Bruder, talentierter und angehimmelter Nachwuchsfußballer, der sich nach verletzungsbedingtem frühen Karriereende das Leben nahm. Ein Trauma, das sich fortpflanzt und dem zumindest Heiko nicht entkommt.

Und so vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, schleichen die jugendlichen Alter Egos, dargestellt von vier jugendlichen Spielern (Liou Kleemann, Friedrich von Schönfels, Oskar von Schönfels und Loris Sichrovsky) zu ihren älteren Pendents. Die Gegenwart löst sich in Erinnerung und Re-Imagination auf, die Realität spiegelt die Träume und umgekehrt, am Ende wird der Stab weitergegeben an die neue Generation, in der Erinnerung oder der Realität, an die Kinder, die die Schläger einst waren oder jene, die nach ihnen kommen. Denn wie Heiko einst die Fan-Kutte des Alkoholiker-Vaters begehrte, streifen die Jungen nun die Hoodies der Älteren über, ein unseliges Erbe unaufgearbeiteter Vermächtnisse. In dem die Perspektivlosigkeit mit der Ekstase erlebter Gemeinschaft, die seelische Leere mit der Freundschaft, die Wut mit der Lieben oder zumindest der Sehnsucht nach ihr die Hand reicht.

Es ist ein Verdienst des Abends, dass er trotz der etwas holzschnittartigen und klischeelastigen Handlung des Romans (zerrüttete Familienverhältnisse, die Sehnsucht dazuzugehören, Trauma durch jugendlichen Suizid, der eine, der dem Teufelskreis nicht entkommen kann) nicht den Stab bricht über seinen fragmentierten Helden, dass er ihn ernst nimmt und das Glücksgefühl, welches er in der ritualisierten Gewalt findet, zugänglich zu machen sucht. Dass er dabei ein wenig zu Textlastig und statisch gerät und das physische Potenzial seiner Geschichte nicht ausschöpft und damit das Spannungsfeld zwischen seelischer Zerfetzung und körperlicher Entladung nicht vollständig durchschreitet, verringert seine Kraft ein wenig. Und trotzdem bleibt ein intensives innerliches Kammerspiel wiederstreitender Impulse, eine ganz ins Erleben und Erinnern verlagerte gescheiterte Erwachsenwerdung, die zugleich fragt, worin dieses Erwachsensein eigentlich bestünde, ein klaustrophobisches Ringen um ein unmögliches Ich, das sich nur zu finden meint, wenn es zerstört. Ein Abend, der wie das Kinderzimmer, hinter (Milch-)Glas verbleibt und doch in seinen besseren Momenten wirkt wie ein Faustschlag, der nur Zentimeter vor dem Zuschauer*innen-Gesicht gestoppt wird.

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