Singend in die Welt

Teodor Currentzis und Orchestra MusicAeterna mit einem Mahler-Abend zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Die größte Überraschung an diesem Abend ist, wie wenig ungewöhnlich er beginnt: keine rituelle Aufstellung, sitzende Musiker, fast könnte man meinen, man säße in einem ganz normalen Symphoniekonzert. Aber nein, da sind wenigstens sie: die Stiegfel mit den roten Scxhnürsenkeln, Markenzeichen des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der von manchen als Messias gefeiert, von anderen als Scharlatan verunglimpft wird. Wenn dieser Abend in der Berliner Philharmonie mit dem von ihm in seiner Wahlheimant im russischen Perm gegründeten Orchestra MusicAeterna zu Ende ist, scheint vor allem eines klar: Der 46-Jährige ist ein sehr interessanter, hochtalentierter, äußerst intelligenter und überaus talentierter Dirigent, Interpret und Analytiker vermeintlich längst bekannter Musik. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Dass die Stringenz, mit der er seine Konzerte programmiert, zuweilen das Plakative streift, ist nichts Neues. Er stellt gern ein Werk in den Mittelpunkt und nutzt die Zeit vor der Pause dazu, zu diesem hinzuleiten. Das ist auch hier nicht anders. Gustav Mahlers vierte Symphonie steht auf dem Programm, die letzte seiner so genannten „Wunderhorn“-Symphonien, kulminierend in einem Vokalsatz über ein Lied aus von Arnims und Brentanos berühmter Sammlung. Also gibt es vor der Pause was zu hören: elf Lieder aus Mahlers „Wunderhortn“-Zyklus natürlich. Was auch sonst?

Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

Doch was auf dem Papier ein wenig banal klingen mag, entfaltet schnell seine Wirkung, auch, weil es Currentzis nicht zuletzt um selbige geht. Da hilft, dass er zwei wunderbare Solist*innen dabei hat. Bariton Florian Boesch gehört zu den gefragtesten Lied-Sängern weltweit und man versteht schnell warum. Seine Stimme, seine Phrasierungen stellen die Geschichten, die traurigen, die humorvollen, die freudigen, die abgründigen und die grotesken, mit einer Unmittelbarkeit in den Raum, dass der Zuhörer unweigerlich sein Kopfkino anschalten, unschuldiges Buhlen auf sonnenbestrahlter Heide vor sich sieht, meterdicke Kerkermauern oder leichenübersäte Schlachtfelder. Der Zartheit, die er seiner durchaus kraftvollen und zu einiger Aggressivität Stimme abzuringen fähig ist, steht das Ausdrucksspektrum der jungen Sopranistin Anna Lucia Richter in nichts nach. Auch sie ist ganz im Lyrischen zu Hause und beherrscht zugleich das frech Kecke mit so mancher wundersamer Mundart-Andeutung, sie spielt ihre Szenen ganz mit Stimme und Mimik und teilt die Direktheit und Unmittelbarkeit mit der Boesch diese zuweilen sehr seltsamen Lieder plastisch in den Raum stellt. Diese Lebendigkeit wird von Currentzis‘ wachem Dirigat noch unterstützt. Hochtransparent und von bestechender Klarheit spielt sein Orchester, treten die Stimmen mit denen der Solist*innen in Dialog, bilden die Streicher wie im vorletzten Lied („Das irdische Lebens“) auch mal einen wogenden Ozean mit Wellenkämmen aus Holzbläsern, in den die menschliche Stimme nach Halt ruft.

Ob das Orchester samtig die Streicher schwingen lässt, die lyrischen Lieder luftig atmen lässt und die Szenerie ins Licht der Frühlingssonne taucht, oder fahl vom Endziel alles Lebens spricht, die Farben verschattet und entsättigt, ob es mit feiner Komik springt und hüpft und meckert: Es durchmisst den gesamten Kosmos menschlicher Existenz wie von Mahler angedacht – in Miniaturen von solcher Plastizität, dass die längst vergangenen Figuren, von denen sie singen, ihre Schicksale und sehnsüchte, dreidimensional vor dem Publikum zu stehen scheinen. Dabei ringt es stets mit der Stille, dem Urgrund und Erzfeind, dem Bruder und Tod dieser, nein, jeder Musik. Immer wieder reduziert Currentzis bis an den Rand des Hörbaren, vereinzelt die Stimmen, zerschlägt die Fäden, die das Gebild zusammenzuhalten scheinen und deckt auf, was wirklich der Kitt ist, der diese Welt am Leben erhält: der Akt des Singens.

Gleiches gilt anschließend für Mahlers vierte: Der äußerst schlanke Klang, die extremen Kontraste, die langen Pausen, der Hang zur Fragmentierung irritieren – wie so oft bei Currentzis. Und zuweilen steht die Frage im Raum, ob das, was er tut, die extreme Detailgenauigkeit, der mikroskopische Blick, das Abklopfen jeder Nuance auf ihre Wirkung nicht hin und wieder mehr Pose als Substanz hat. Zumal nun die Musiker*innen stehen, signalisierend, dass hier eine Authentizität, eine Dringlichkeit herrschen, die es einzulösen gilt. Der Kopfsatz wirkt denn auch mitunter fast zerstückelt, Currentzis bricht ihn herunter auf seine kleinsten Einheiten, er kontrastiert die unterschiedlichen Ausdrucksweisen der einzelnen Abschnitte so sehr, dass man kaum glauben mag, sie entstammten der gleichen Feder. Er berührt mit zartestem, fragilsten Pianissimo, nur um Augenblicke später zu einer beinahe gewalttätigen Aufwallung zu geraten, das ganze Spektrum menschlichen Erlebens auf wenige Takte reduziert. Vielstimmig und vielfarbig ist dieser musikalische Kosmos, höchst transparent. Alles ist hörbar, jede Stimme in vollstem Maße präsent. Und immer wieder der Gesang: als Urquelle, als Schoß menschlichen Lebens, fließend, an Zuversicht gewinnend, aber stets auch zerbrechlich, zuweilen gebrochen, immer am Abgrund.

Der zweite Satz führt tief ins Zwielicht. Irrlichternde Stimmen, die geisterhafte, einen Ganzton höher gestimmte Sologeige, dann ein zögerliches Zudsammenfinden, spielend mit Nähe und Ferne, Präsenz und Absenz, eine Öffnung ins Lichte, tiefe Atemzüge und am Ende der Einfall der Gewalt: Dieser Satz ist in tiefstem Maße zerrissen, ein fehlerhaftes Mosaik menschlicher Existenz. Und doch ist auch hier dieses Singen, zuweilen durcheinander, parallel in unterschiedlichen Sphären, ein Ansingen gegen die Auslöschung, das Vergehen. Wie der gesamte langsame Satz: Die Ähnlichkeiten mit dem berühmten Adagietto aus der Fünften arbeiten Dirigent und Orchester sogfältig heraus. Bis ins Extrem reduziert der Streicherklang zu beginn, ein Fluss, der in jedem Moment zu versiegen droht, ein zartes Ansingen gegen die Stille, gegen das Nichts, das so tief berührt, wie es dieser Satz nur kann. Die Oboe klagt erdig, die Solovioline innig. Schwungvolle Fülle trifft auf Vereinsamung, Einzelstimmen driftend in einem leeren Universum, verzweifelt versuchend nicht zu verschwinden. Immer wieder versiegt der Strom und quill aufs Neue hervor. Am Ende Feierlichkeit und ein Schuss Gewalt, die Streicher schweben zart, vorsichtig, stets kurz vor dem Absturz, die unsichtbaren Fäden in jedem Moment angerissen.

Dann das Vokalfinale. Anna Lucia Richter  singt nuanciert, plastisch, mit einiger dramatischer Kraft, keck, fragend und stets mit größter Klarheit, eine Bildhauerin des gesungenen Worts, fein ziselierend und manchmal auch etwas gröber draufhauend. Die Holzbläser strahlen frühlingshaft und verdunkeln die Szene von einem Moment auf den nächsten. Das Zwielicht bleibt, am Ende tut das Orchester seinen letzten Atemzug, ein von sacht abgründigem Pochen begleitetes Aushauchen. Und so endet ein Abend, der eine lange Liste von Kritikwürdigem bietet: Tendenzen der Effekthascherei, pointiert ausgestellte Brüche, fast karikaturesk verzerrte Kontraste, eine Vorliebe fürs Schroffe, Widersprüchliche, ein Hang zur Vereinzelung bis hin zur Zerstückelung. Teodor Currentzis zerschlägt gern das Erwartete, dekonstruiert of das gewohnte. Das ist zuweilen nah am Selbstzweck und kann fürchterlich schiefgehen wie bei Mozarts Requiem. Aber es kann auch Einstiege eröffnen, hinein in den Kern des Musikalischen, den Currentzis im Akt des Singens verortet, im ultimativen und unmittelbaren Ausdruck der tiefsten menschlichen Ängste und Gefühle. Und an diesem Abend findet er mit seinem exzellenten Orchester und den eindrucksvollen Solist*innen immer wieder diese Momente tiefster Wahrhaftigkeit, lässt er diese Musik sich hineinsingen ins Leben. Eines das schroff ist, rau, gewalttätig und voller Schmerz. Aber auch albern, freudig, zuversichtlich und ungeheuer komisch. Teodor Currentzis haucht der Musik leben ein und hat keine Angst vor dem Oberflächlichem, dem Kitsch, dem Plakativen. Nicht immer vermeidet er das, aber wenn es gelingt, bewegt es auf eine elementare Weise. Die Jubelstürme am Ende sind diesmal nicht unberechtigt.

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Ein Gedanke zu „Singend in die Welt

  1. […] das großmahlersche Riesen-Schoko-Likör-Ei in den Stiefel batzt und dabei selbst eingeschworene Rezensissimi wie Krieger überzeugt, kredenzen der Sänger Christian Gerhaher und sein Pianistenpartner Gerold Huber im Kammermusiksaal […]

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