Die Magie des Lebendigen

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 2 und 4 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Das Wort „Magie“ verwenden Kritiker gern, wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie einen besonderen Moment vermitteln möchten, aber nicht recht wissen wie. Taucht es in einer Rezension auf, spricht es nicht selten vom zumindest temporären Unvermögen des schreibenden zu analysieren, einzuordnen, zu bewerten. Und womöglich ist auch diese Rezension Zeugnis selbigen Versagens, denn sie wird ohne dieses Wort nicht auskommen können. Denn es schleicht sich ein, beißt sich fest, will nach außen dringen, wenn immer zumindest dieser Zuhörende dem Spiel des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki begegnet. Das ist in diesem seinem zweiten Abend eines Zyklus aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens im Berliner Konzerthaus (dessen dritten und letzten Teil am Donnerstag, dem 6.12. der Rezensent leider verpassen muss) nicht anders. Es gibt keinen Beitrag über Lisiecki, der nicht darauf hinweist, dass der durchaus noch jünger wirkende Mann gerade 23 Jahre alt ist. Der Zusatz „für sein Alter“ ist bei Aussagen über seine Fähigkeiten trotzdem schon lange unaangebracht. Wenn dieser Zyklus eines klar stellt, dann, dass dieser freundlich lächelnde Schlaks einer der besten Pianisten unserer Zeit ist. Egal welchen Alters.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

Dass dieser zweite Abend noch deutlich eindrucksvoller gelingt als der erste, hat damit zu tun, dass der Solist diesmal einen zumindest streckenweise ebenbürtigen Partner an seiner Seite hat: das Orchester der Academy of St. Martin in the Fields. Duckte sich dieses im ersten Konzert noch vergleichsweise weg, nimmt es diesmal das Gesprächsangebot des Soloinstruments an. Wie viel wacher es auftritt, zeigt sich bereits in der einleitenden „Coriolan“-Ouvertüre: Keine Spur von Kraftmeierei oder überzogener Dramatik, stattdessen ein kraftvoll dichtes Klangbild, rhythmische Schärfe, klare Konturen, eine wunderbare Balance zwischen Vorwärtsdrang und Strenge auf der einen und lyrischer Sanglichkeit auf der anderen Seite. Das bringt das Orchester schnell in die Nähe Mozarts, der hörbar bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 – eigentlich seinem ersten, nur aufgrund vielfältiger Revisionen erst nach der Nr. 1 im Druck erschienen – Pate stand. Ein luftiges Zusammenspiel von Streichern und Holzbläsern entführt den Hörer direkt nach Salzburg. Wo sich auch Lisiecki wiederfindet, der sogleich in den Dialog tritt. Traumwandlerisch perlen seine Noten antwortend ins Orchester, er singt es an, mit großer Liebe zum Detail und einer lichten Leichtigkeit, die aus dem Gesang geboren scheint.

Überhaupt offenbart das B-Dur-Konzert hier seinen Charakter als gemeinsames Singen von Solostimme und Orchester. Dabei nutzen Solist und Orchester ihre Kontraste effektiv: Der Strenge und Kompaktheit letzteren steht ein spielerischerer, ausgreifenderer, freilaufenderer Tonfall des Klaviers gegenüber. man nährt sich von einander, was zu einer ganz organisch erscheinenden gemeinsamen Energierhöhung führt. Beethovens erster Genreversuch wächst aus der Quelle Mozart empor und emanzipiert am Ende eine neue, eigenständige Stimme. Das passiert nicht zuletzt in den Kadenzen, in denen Lisiecki vorsichtig, doch bestimmt Mozart deutlich hinter sich lässt. Im ersten Satz durchschreitet er die Musikgeschichte, beginnt bei einem leicht augenzwinkernden Bach und endet in romantischer Bewegtheit, jeden Zwischenschritt, jeden Schlenker deutlich machend, aber auch ins große Ganze einordnend. Zwischen Nachdenklichkeit und kontrollierter Energie pendelt der 23-Jährige – auch im anschließenden Adagio. Hier lässt sich das Wort „Magie“ nicht mehr vermeiden: Wie er jeden Ton in den Raum stellt, fliegen und selbigen füllen lässt, ist atemberaubend. Vor allem kurz vor Ende: Da lauscht Lisiecki jede Note quasi der Stille ab, holt sie behutsam in die Welt, baut aus ihnen und ihren Zwischenräumen eine musikalische Welt, die auf eine elementare Weise berührt, wie sie selten zu erleben ist. Wenn sich dann am Schluss drei Ebenen (Soloklavier, Streicher und Holzbläser) gemeinsam Singend zusammenfinden, dann ist Zauber ein zu schwaches Wort.

Jan Lisiecki spielt nicht einfach, er interpretiert auch nicht nur, er kreiert neues klangliches Leben aus dem Vorgegebenen, versteht die Partitur als Partner, aber nicht als Meister, als Haus, das mit Leben zu erfüllen sei. Ein Leben, das aus dem Hören stammt. Mit jeder Note, die er spielt, scheint er sich schon ein ganzes Leben auseinandergesetzt zu haben, hat ihr viele Male zugehört, und wagt es nun, sie selbst zu produzieren. So entsteht Musik aus der Stille, aber nicht aus dem Nichts. Das ist, nun ja, magisch. Leicht, luftig, tänzerisch, fast ein wenig übermütig der Schlusssatz, eine vorsichtige Freiheitsfeier, ein Springen ins und im Sonnenlist. Nicht ohne Verschattungen, blüht hier doch ein Lebensfrühling, der optimistisch in die Welt hineinläuft – mit einer Neugier, die sich auch im dunkleren, ambivalenteren Konzert Nr. 4 nach der Pause wiederfindet.

Dessen pochendes Eingangsmotiv der Solist mit einer überwältigenden Sachlichkeit angeht, ohne jedes Pathos, ohne Ausdruckszwang. Er stellt die Töne pur und klar in die Welt und lässt sie für sich sprechen. Das Orchester tritt dann ein wenig unbalanciert auf, verliert sich zu beginn etwas in Höhen und findet sich bald durch den hinzutretenden Dialogpartner geerdet. Der sein Instrument singen lässt, behutsam, nachdenklich und nachsinnend, aber auch mit Bereitschaft zum neugierigen Voranlaufen und zur kraftvollen Affirmation. Dabei deckt er jede noch so kleine wendung auf, ohne je überdeutlich zu werden, etwa das sachte Kippen ins Moll, das er wie eine Wolke erscheinen lässt, die sich kurz vor die helle, aber etwas kalte winterliche Sonne dieses Werks schiebt. Virtuose, kraftvolle Läufe stehen neben fragendem Lyrismus, Passagen, die immer wieder klingend wie gerade erst erdacht. Wunderbar die Wechsel zwischen innigem Nachsinnen und abenteuerlustiger Neugier in der Kadenz. Die subtile, schattige Komplexität des G-Dur-Konzert korrespondiert hier mit seinem Vorgänger und öffnet damit einen noch größeren musikalischen Kosmos.

Der Kopfsatz gelingt so äußerst vielgesichtig, komplex und doch natürlich wachsend und neugierig in die Welt blickend. Das Andante schließt sich in anfassbar bewegender Zartheit an, die mit der Strenge des Orchesters fein kontrastiert. Lisiecki verknappt die Noten und lauscht ihnen zugleich nach, während das Orchester beinahe aggressiv wirkt. Zwischen dramatischem Grollen und dem Verschwinden in die Stille die kurze Kadenz, die in der noch kurzeren Schlusswendung tatsächlich in ein Verwehen übersetzt wird. Doch zu lebensbejahend ist dieser Abend, um sich nicht nochmals dem Optimismus vor der Pause anzunähern. So hüpft, tanzt, schwebt Lisieckis Spiel durchs Finale, während das Orchester reichlich rhythmische Strenge und Bewegungsenergie in den Satz pumpt. Wo letzteres explosiv vorantreibt, träumt sich der Solist durch und in die Zwischenräume, findet natürliche und zugleich extreme Wechsel zwischen Sehnen und Freude, Melancholie und Zuversicht, intimer Kontemplation und vorpreschender Neugier. Lebenssatt, freudig, beinahe ein wenig frech der Schluss, der dann der Jugendlichkeit des Protagonisten doch ein wenig Genüge tut. Wer alle schatten durchwanderte, darf nun auch im hellsten Lichte baden. Welch eine reise, welch ein Zauber.

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