Der Tast(en)künstler

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Und plötzlich ist da diese Kadenz: ewig lang, durch unzählige musikalischen Welten und Modi wandernd, ohne Netz und doppelten Boden. Und Jan Lisiecki, dieser schlaksige, hoch aufgeschossene Blondschopf, dem man noch nicht einmal seine unfassbar jungen 23 Jahre ansieht, wandelt und rast und schwebt und taumelt und fliegt durch das Dickicht mit einer Unaufhaltsamkeit, einer Unbedingtheit und einer Bereitschaft, alles und sich selbst in Frage zu stellen, die den Zuschauer den Atem anhalten lässt. es hat ein wenig gedauert, bis tief in die zweite Hälfte des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 (das eigentlich sein zweites ist), bis Jan Lisiecki wirklich angekommen ist. Leicht und perlend sein Einstieg, bevor er sich ein wenig verlor im Beethovenschen Zwielicht, Schwierigkeiten hatte, die Spannung zu halten, seinen Weg zu finden durch das Labyrinth dieses hochkomplexen Gebildes. Und wenig Hilfe hatte: Die Academy of St. Martin in the Fields, dirigentenlos, offiziell geleitet vom Konzertmeister Tomo Keller, bietet Lisiecki wenig Spielraum und macht ihm kaum Gesprächsangebote. Der dramatische Grundgestus der Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus, das kompakte, farbarme Klangbild, der Hang zur muskulösen Massierung und zur Überbetonung dynamischer Kontraste und die Tendenz, sich im Zweifel für das viel zu Viel zu entscheiden, lassen den Solisten über weite Strecken allein, seine Dialogversuche unbeantwortet.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

Also tastet sich der jungenhafte Kanadier hinein in den Überkanons des konzertanten Klaviergenres, in die Vergleiche mit praktisch jedem großen Pianisten der Vergangenheit und Gegenwart, mindestens seit Mozart. Und die Selbstverständlichkeit, die unvergleichliche Reife, mit der Lisiecki oft zu Werke geht, fehlt. Spannungsarm ist sein Spiel streckenweise in diesem ersten Satz, er sucht seinen Weg und findet ihn erst, wenn er wirklich allein ist. Und urplötzlich ist er ganz da: Sein Spiel perlt und fließt, es pocht und tastet, es tänzelt und hält inne, es treibt und rast und bricht. Der Beethovensche Kosmos, nein, das ganze Spektrum tonalen musikalischen Ausdrucks kondensiert in wenige Minuten. Der Weg, den Lisiecki hier findet, ist ein suchender, einer, der jegliche Gewissheiten hinwegfegt, der versteht, dass er sich neu finden, neu erfinden muss, sich heimisch machen in diesen Werken, die adeln können und verdammen. Und der Sohn polnischer Eltern begreift, dass es hier nicht um die perfekte Interpretation, den originellen Blick oder gar das Schaffen einer Referenz geht – sondern darum, sich hineinzubegeben in das Dickicht, es für sich zu entdecken und aufzuschließen, ganz so, als begegnete er dieser Musik zum ersten Mal. Nichts anderes ist diese Kadenz: eine gebrochene Entdeckungsreise voller ecken, Kanten und blauer Flecken, doch von solch einer Urkraft, dass auch der Zuhörer meint, diesem Werk erstmalig zu begegnen. Lisiecki nimmt sein Publikum mit auf einer, auf seiner Reise ins Ungewisse.

Plötzlich ist, die da, die Energie, die Kraft, die Spannung, die Gefahr. Im Largo lauscht der Kanadier jedem Ton nach, tastet sich sinnend und nachdenklich durch die mäandernden Weiten einer Suchbewegung, die zuweilen im Kreis läuft, die den Satz schweben lässt im Ungefähren, aber nie im Beliebigen, in der Unentschiedenheit seiner Möglichkeiten, der Offenheit seiner Zukunft. Lisiecki spielt, als wüsste er nie, was als nächstes kommt, konzentriert sich ganz auf die jeweils gegenwärtige Note, befragt die nächste danach, wie sie zur vorigen passt, setzt nach und nach das Puzzle zusammen, ohne das finale Bild zu kennen. Das ist kein Fehler – es ist das Wunder dieses Spiels. Hier entsteht Musik, im Forschen nach dem richtigen Ton, Klang, Anschlag und dem Zusammenhalt dieser kleinen Klanginseln, die der Solist in den Saal stellt. das bleibt auch im schnellen Schlusssatz so, den er leichten Fußes, oft tänzerisch nimmt, in den er aber immer wieder die nachdenklichen Momente einstreut, Augenblicke des Hinterfragens, der Neujustierung. Da gerät seine Interpretation zuweilen regelrecht spielerisch, kommt er kurz vor dem muskulös explosiven Orchesterschluss kurz und überaus innig ins Träumen, perlt sein Spiel mitten hinein in den brutalen Furor des Werkendes. Und klingt nach. lange.

Nach der Pause setzt der Pianist, der erst vor wenigen Wochen für den unpässlichen Murray Perahia einsprang und mal eben mit 23 einen ganzen Beethoven-Konzertzyklus hinlegt, im c-Moll-Konzert, der Nummer 3, an gleicher Stelle an. Wieder ist die Unterstützung vom Orchester, das mit Ungleichgewichten im Klangbild zu ungunsten der Holzbläser kämpft, überschaubar, schwankt der Kopfsatz erst einmal dahin, bevor der Solist seine Marke setzen kann. Und fast scheint es, als suche er den Neuanfang: Nach der ruhigen Selbstverständlichkeit des Eingangsmotivs bremst er plötzlich massiv ab, bringt das musikalische Geschehen fast zum Stillstand. Er hört den Tönen hinterher, befragt jeden einzelnen von ihnen, tastet sich an sie heran, vorsichtig, skeptisch. Er unterbreitet dem Orchester Gesprächsangebote (die meist unerwidert bleiben), findet einen ruhigen, oft brechenden Fluss, eine Suchbewegung, die Energie findet und sogleich wieder in Frage stellt und sich entlang tastend auf der ausgebleichten Farbpalette des zunehmend eindimensionalen Orchesters. Dieser Satz ist ein Kraftquell, sondern ein sacht schwebendes Suchen nach einem Weg, versonnen, inning, bewegend.

Fast noch zögerlicher dann das Largo, Lisiecki scheint jeden Ton hervorzuholen, auszugraben, an die Oberfläche zu ziehen, bricht so manche Note unvermittelt ab, unterhält sich kreisend mit der Soloflöte, findet in ein fragiles Schweben, ein musikalisches Dämmerlicht, in dem jede Möglichkeit aufscheint, jede Kontur fast magisch geschärft wirkt, alles offen bleibt und nichts beliebig. Rhythmisch prägnant tänzelt und hüpft Lisiecki im sich attacca anschließenden Finale über die zuweilen sehr strengen Orchesterblöcke, kombiniert seine analytische Suchbewegung mit durchaus jugendlicher Leichtigkeit, pumpt ordentlich Leben in die nach wie vor äußerst subtilen Tastbewegungen seiner Beethoven-Erkundung. Den übertriebenen Druck und die zunehmende Kraftmeierei des Orchesters nimmt er zur Kenntnis und überspielt sie mit fast naiv freudiger Lyrik. Denn bei aller analytischen Tiefenbohrung, bei aller vorsichtigen Annäherung ist die Freude am Spiel, am Finden und Kombinieren von Tönen, am Ausprobieren von Ausdrucksmöglichkeiten in jedem Moment spür- und hörbar. Jan Lisieckis Beethoven ist keiner der Gewissheiten, sondern einer der Möglichkeiten. Die es zu suchen, zu finden, auszuprobieren und mitunter auch zu verwerfen gilt. Und das tut er mit einer Meisterschaft, die am Ende auch dieses Rezensenten verstummen lässt. Sprachlos und ziemlich glücklich.

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