Triebtäter der Macht

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Die Ordnung der Dinge ist in Michael Thalheimers Inszenierung von Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug von Beginn an eindeutig. Hier „die da unten“, die Machtlosen, die Gerechtigkeit Erflehenden, eingezwängt von Olaf Altmann in einen niedrigen Spalt mit drei Stühlen, in dem es sich für die meisten nur gebeugt stehen lässt, ein Warteraum, in dem man darauf harrt, dass die Macht einen zu Wort kommen lässt. Die thront weiter oben unter hoher Decke, auf bequemem Sessel. Verbunden sind beide „Welten“ nur durch einen schmalen Schlitz, den nur der Schreiber Licht als wandlungsfähiger Grenzgänger zwischen Macht und Ohnmacht durchquert.Ansonsten bleibt denen „da unten“ wenig mehr, als zu hoffen, dass die „da oben“ sie hören. Beugt sich eine Figur mal über die unsichtbare Grenze, wird sie in autoritärem Ton sanktioniert. Justiz ist Macht, Rechtsprechung Machtausübung. So klar, so einfach, so ausweglos.

Bild: Matthias Horn

Die Geschichte vom Dorfrichter Adam, der seine Macht ausnutzt, um eine junge Frau zu bedrängen und in der darauf folgenden Gerichtsverhandlung versucht, die Rechtsprechung so zu pervertieren, dass ein anderer für die „Tat“, einen im Eifer des Gefechts zerbrochenen antiken Krug büßen muss, birgt eine Menge komödiantisches Material. Die Volten, die Adam schlägt, um sein Geheimnis – und seine Position! – zu wahren, spiegeln sich in der Sprache, die wiederholt Purzelbäume schlägt, sich immer wieder in den Schwanz beißt und sich aus sich selbst heraus dekonstruiert. Sprachwitz, Körperkomik, eine wilde Intrigen- und Verwechslungsgeschichte: Da sprühen oft und gern die komischen Funken. Nicht so bei Thalheimer. Der große Stoffreduzierer spürt in seinen Arbeiten nach dem überzeitlichen Kern der Stücke und sucht sie stets auf universelle menschliche Grundprinzipien zurückzuführen. So ist auch sein Adam in essenziellsten aller Wortsinne Triebtäter. Nackt humpelt Carlo Ljubek auf die Bühne, nackt wird er bleiben, sich winden, strecken, krümmen, wird er zetern und jammern und klagen und plappern. Der geschundene, von Wunden und Blessuren übersäte Körper ist hier weniger Schuldeingeständnis als Symbol seiner Macht, seiner ultimativen Unantastbarkeit.

Er ist Trieb und Essenz: der Mächtige und Machthungrige als über dem Gesetz stehend, als all seine Bedürfnisse ohne Rücksicht ausleben Dürfender. Kommt ihm jemand zu nahe, überscheitet sie* die unsichtbare wie unüberwindbare Grenze, wie etwa Eve, wenn sie den Richter mit seiner Tat konfrontiert, wirft er seinen Körper in die Breche, wehrt die Übertretung ab in einen Kopf-an-Kopf-Duell. Hier tritt niemand über, steigt niemand auf. Oder ab. Die existenzielle Angst herrscht unten, wo es auch um Leben und Tod geht. Sie durchzuckt jede Replik. Rau, nervös, mit ungebrochener Angespanntheit sprechen die Spieler*innen, als ginge es nicht um einen in Scherben liebenden Krug, sondern um alles. Was es tut: Die Ordnung ist in Gefahr, der Lauf der Dinge. Da steigert sich Paul Behrens Ruprecht in intensivst gepresstem Sprechen bis hin zu einem Ausbruch von so elementarer Wucht, dass der Zuschauer erzittert. Auch Josefine Israels Eve, meist verwundet verwundert blickend, ihre Verzweiflung und erniedrigend würdevoll unterdrückend, findet am Ende diesen Ton existenzieller Not, schleudert ihn wüten den Mächtigen entgegen. Ohne Wirkung.

Denn das Oben rückt zusammen. Markus Johns Gerichtsrat Walter ist hier der eigentliche Schurke. Ein stocksteifer Autoritärer, verkrampft, humorlos, entpuppt er sich als skrupelloser Träger obrigkeitlicher Gewalt, als Ying zu Adams triebgesteuerten Yang, als vernunftselige und regelgläubige Seite der gleichen Medaille. Unerbittlich würgt er die Wahrheitsfindung ab, erlaubt dem von ihm verachteten Dorfrichter, seinen Platz in der Ordnung der Dinge zu halten. Und dieser findet seinen Weg, mäandernd stolpernd, verfertigt er sich zunehmend selbstbewusst seine Wahrheit beim und durchs Reden, richtet sich auf, findet seinen Kern, das allgemein männliche Streben nach Macht, nach Selbstüberhebung, entdeckt, dass sein sexueller Missbrauch und seine Position als Herrscher über Leib und Leben die gleiche Quelle haben. Seine Nacktheit, seine Reduktion auf elementare Triebe, sind seine Macht, sind die Gewalt, die er über seine Umwelt besitzt. Hier, in dieser Welt, ist kein Recht zu erhoffen. Also tritt Eve am Schluss heraus aus der Kulisse, tritt an den Bühnenrand, spricht still und konzentriert ihre Wahrheit ins Publikum. Und entkommt der „Ordnung doch nicht“. Denn Walter folgt ihr, nötigt ihr einen Kuss auf. Er bestätigt seine Macht, sie krümmt sich vor Erniedrigung.

Michael Thalheimer treibt Kleists „Komödie“ alles Schenkelklopfen aus, er gräbt sich durch die Schichten, bis er bei der untersten ankommt. Sein zerbrochner Krug ist eine klaustrophobische Parabel über patriarchale Macht, über das Zusammenspiel selbiger mit und ihr Münden in sexuelle Gewalt, die hier ebenso Instrument der Machtausübung und -erhaltung ist wie die staatliche, in diesem Fall in Form der Rechtsprechung. sein Richter Adam bleibt am Ende auf seinem Stuhl sitzend, die perücke wieder auf dem Kopf, ein Symbol einer „Ordnung“, die auf sich selbst achtet. Da gibt es nichts zu lachen, da kann Anja Lais als hochkonzentrierte, zum Zerreißen gespannte Marthe noch so sehr überkommene Wortbedeutungen dekonstruieren und und ihre Mechaniken offenlegen, was Wahrheit ist und was Lüge, entscheiden die mit dem Geldbeutel und der Perücke. Nach intensiven und spannungsreichen – nicht im Sinne von „suspense“, sondern von „tension“, diejenige, die den seidenen Faden ganz erhält und sogleich bedroht – 100 Minuten (durchpulst von der subkutanen Gealt von Bert Wredes Sttreicher-Loops) bleibt alles beim Alten, die „Ordnung der Dinge“ aufrecht. Die einen sind unten, die anderen oben, Durch- und Ausbrüche werden nicht geduldet. #MeToo? Nicht in diesem Gerichtssaal.

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Ein Gedanke zu „Triebtäter der Macht

  1. Bin ja großer Thalheimer-Fan, aber … das einzige wirklich komische Stück der deutschen Literaturgeschichte von Komik befreit? Wtf? Muss wohl trotzdem oder eben deshalb mal nach Hamburg fahren.

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