Is There Life on Kirchenallee?

David Bowie und Enda Walsh: Lazarus, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Lazarus, uraufgeführt im Dezember 2015 in New York, wenige Wochen vor seinem Tod, war eine der letzten künstlerischen Lebensäußerungen David Bowies. Darin knüpft er an The Man Who Fell to Earth an, Nicholas Roegs Romanverfilmung von 1976, in der Bowie selbst den Außerirdischen Thomas Newton spielte, der auf der Erde feststeckt, ein Verlorener, sich selbst Zurüklassender, einer, der nicht passt, nicht hinein in seine Welt, nicht zu denen, die ihn umgeben. Das war Bowie selbst, immer einer, der außerhalb der gängigen Trends stand und selbst dann nicht dazuzugehören schon, wenn er sich mitten in den Zeitgeist hineinwarf. Ein Geschichten- und Ich-Erfinder, der sich immer wieder reinkarnierte, Kunstfiguren schuf, gerade auch Außerirdische wie Ziggy Stardust, hilflos in die Welt Gefallene. In Lazarus  ist Thomas Newton endgüntlig verloren, in sich gefangen, in der Enbdlosschleife seiner Erinnerungen. Er begegnet Anderen, die wahrscheinlich fast oder ganz ausschließlich Hirngespinste sind, Produkte seiner Imagination. Der gefallene Engel Valentine etwa, ein melancholischer Massenmörder, oder Assistin Elly, die einer als bedrückend empfundenen Ehe entfliehen will, und schließlich eine zunächst Namenlose, die mit Newton mehr verbindet, als beide zunächst wissen. All sie sind mäandernde Gestalten, Bewohner*innen einer Zwischenwelt, imaginiert vielleicht, sicher jedoch, nicht verankert. In der Welt, der Realität, sich selbst.

Bild: Arno Declair

Falk Richter schließt die Geschichte Newtons mit der Bowies kurz. Das deutet schon Katrin Hoffmanns Bühne an: ein Lichtblitz, zunächst in Blau, später die Farben wechselnd, ragt tief in den Zuschauerraum hinein, Zitat natürlich der berühmten Gesichtsbemalung Bowies auf dem Cover von Aladdin Sane. Dann ist da Alexander Scheer. Er spielt Newton, aber eigentlich Bowie. Die Haare rot, der Körper dürr, das Gesicht asketisch ist er ein perfekter Doppelgänger. Ein Effekt, der sich noch verstärkt, wenn er singt: die Stimmfarbe und Phrasierungen erinnern sehr an sein Vorbild, schließt man die Augen, vermag man sich zuweilen einzureden, die ikonische Stimme zu hören. Bowie sagte einst, er hätte Newton nicht spielen müssen, er sei das damals gewesen. Richter dreht nun den spieß um: Bowie ist nicht Newton, sondern Newton Bowie. Der Identitätsflüchtling, das immer wieder neu zu beschreibende Blatt Papier, der alles sein kann und deshalb vielleicht nichts wirklich ist. Nicht den Menschen Bowie spielt Scheer, sondern sein Image, sein öffentliches Bild, die Kunstfigur, die sich immer wieder auflöst in weitere, Kunstfiguren zweiter Ebene. Die nur eines immer sind: Perrformer, Ich- und Image-Projizierer, Kommunikatoren und Geschichtenerzähler.

Also performt Alexander Scheer: Er gibt den sich in TV-Bildern verlierenden Eremiten und den Exzentriker, den Depressiven und seifenopernhaft überbetonten Romantiker, den Trinker und den an Liebeskummer Leidenden. Und vor allem den Rockstar. Jeder der 17 Songs wird von der Rampe gebrettert in einer irrwitzig überdrehten psychedelischen Glam-Rock-Show. Richter schwelgt dazu in Bildern: Der Beginn ist eine mediale Bilderflut sich ständig wiederholender Apokalypsen, vermittelt durch fragmentierte Fernsehbilder. Die Welt, die Newton/Bowie/Scheer sieht, von seinem durchsichtigen Plexiglas-Sessel aus, ist eine sensationalistischer Häppchen: Hurricanes, Kriege, Kennedy und Reagan. Popkultur mischt sich mit Politik, Western und Films noirs flimmern, später Horrorstreifen, Jackie Kennedy und die Hauptfigur aus Kill Bill huschen über die Bühne, auch Bowies eigene Ikonografie, der Harlekin aus dem Ashes-to-Ashes-Video etwa und dier Ziggy-Stardust-Phase, in der die exzellente Band steckengeblieben scheint. Scheer selbst ist Ziggy und Aladdin und der Thin White Duke. Und er ist es auf atemberaubende Weise. Wie er immer wieder einen spielt, der diese Rolle spielt, nur um Sekunden später genau dieser Spielende zu sein und kurz darauf diese Rolle, ist von einer Virtuosität, einer Wahrhaftigkeit und zugleich distanzierten Wachheit, die staunen macht.

Bild: Arno Declair

Denn dieser sein Newton ist ein Weltperformer, ein Wirklichkeitserfinder, ein Theatermacher. Denn nichts anderes ist und will dieser Abend: Theater sein und vorführen und zelebrieren. Bildertheater, um genau zu sein. Die Bühne ist eine irrwitzige Felseninsel, deren Rückseite bewachsen ist mit vielfarbigem Baumbestand, die Kostüme quietschbunt, irgendwo zwischen Karneval und Comic, zwischen Sci-Fi und Farce angesiedelt, nicht von dieser Welt, aber auch von keiner anderen bekannten. Zu den Songs wird choreografiert, was das Zeug hält. Hier ist alles Spiel: die Wirklichkeit, die Welt, das Ich. Alles entsteht heraus aus dem Akt der Performance. Und ist deshalb auch überdeutlich: Das gilt für Tilman Strauß, der seinen Valentine als Cartoon-Schurken anlegt, ein Wiedergänger der Bubblegum-Antihelden der 1960er, irgendwo zwischen TV-Batman und Sci-Fi-B-Movies hängengeblieben. Ihm fehlt die verzweifelte Melancholie, die der Figur in Ivo von Hoves Originalinszenierung eigen ist, er ist ein aus der gemarterten Imagination Newtons geborener Gegenentwurf, eine Auslagerung aggressiver Tatkraft und als solche ebenfalls pure Pwerformance. Ähnlich Julia Wieningers Elly: zunächst Klischee-Mauerblümchen, dann Kitsch- Extrovertierte. Auch sie mehr Projektion als eigenständige Figur.

Dass Scheers Newton der eigentliche Autor dieser Personnange ist, macht Falk Richter auch dadurch deutlich, dass er Scheer, auch wenn der nichts zu tun hat, stets auf der Bühne lässt. es ist sein Blick, den wir teilen und es ist seine schöpferische Leistung die wir sehen – ob als „Autor“ hinter den Kulissen oder als aktiver Performer. Dieser Ansatz hat Folgen: die zu Anfang angedeutete Einbettung der „Geschichte“ in die mediale Zerrissenheit unserer Zeit, in die wachsende kollektive Verunsicherung, deren Ausdruck dieser Newton sein könnte, verschwindet trotz so manchem Bildüberflutungsrausch schnell, auch die existenzialistische Melancholie des Originals wie von Hoves eiseskalter Uraufführung werden geopfert. Und zwar einem schillernden, überbordenen Bilderrausch, in dem alles zu viel ist. Richter spielt vom Blatt, stellt die nicht Seiten arg banalen und plakativen Texte des eigentlich exzellenten irischen Dramatikers Enda Walsh schamlos aus und bleibt nahe an Henry Heys teilweise atemberaubenden Neuarrangements der Songs. Richters Hang zur Postdramatik, zur disruptiven Metaebenenschichtung ist diesmal abwesend – muss er vielleicht auch sein, womöglich hat das auch mit den Bedingungen für die Rechtevergabe zu tun.

Also macht Richter Musical, plain and simple. Er schwelgt in den Songs, die – eine Mischung aus nicht selten bis zur Kenntlichkeit verfremdeten Hits, unbekannterem Material und Neukompositionen – eine nicht entrinnbare Kraft entfalten. In ihnen kommt der in seiner Haut und Realität unbehauste Newton/Bowie/Scheer zu sich, findet er so etwas wie Heimat, eine flüchtige, unsichere zwar, aber zumindest Augenblicke des in der Welt Seins. In einer Welt, die er schafft. Im Spiel, im rauschhaften Erfindens. Jeden Einfall stellt Richter auf die Bühne, müllt sie damit zu, macht den Prozess des zwanghaften Erzählens und Erschaffens sicht-, fühlt-, hörbar, wirft uns hinein in die Arbeit der Einbildung. Die so wild und wahnhaft und trashig ist wie ein Fiebertraum. Oder ein David-Bowie-Album. Am Ende sitzen Scheer und Gala Othero Winter als verlorenes „Mädchen“ hoch oben auf dem Felsen und singen eine sanft melancholische Version von Heroes. „We can be heroes just for one day“, hauchen sie, nicht dran glaubend und selbigen Glauben mit jeder Faser vermittelnd, bevor es dunkel wird. Das ist unglaublich kitschig und unfassbar schön. Wie dieser ganze hemmungs- und schamlose Abend, wie dieses sich selbst genügende Theater. Is there life on Mars? Maybe. Life on Kirchenallee? Ohne Zweifel!

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