„Zur Unruhe geboren“

Die Technik des Glücks – Eine Franz-Jung-Revue, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Künstlerische Leitung: Annett Gröschner und Hanna Mittelstädt, Regie: Rosmarie Vogtenhuber)

Von Sascha Krieger

Der Anlass liegt auf der Hand: Vor hundert Jahren fand in Deutschland die Novemberrevolution statt, etwa zur gleichen Zeit saß ein junger Journalist und Literat in einem Büro am Halleschen Ufer und produzierte Propagandamaterial im Dienste selbiger Revolution. Später entstand an gleicher Adresse mit der Schaubühne ein Theater, das die Nachkriegskultur nachhaltig erschütterte und zumindest ästhetisch bis heute nachwirkt. Grund genug für den heutigen Hausherren, das Hebbel am Ufer, sinch dem einst prominenteren Vorbewohner zu widmen, zumal dieser Franz Jung wie eine Fleischwerdung des unsteten 20. Jahrhundert wirkt: ein unsteter Geist, ein literarisches Stehaufmännchen, revolutionär, Parteigründer, Unruhestifter, mehrfach Inhaftierter, Verfolgter, Schiffsentführer, Kommunist und serial lover. Einzig seinem Fußballverein Minerva Berlin blieb er treu, ansonsten wechselte er Frauen, Parteizugehörigkeiten und Berufe wie so mancher (nein, an dieser Stelle kein Gendering) nicht einmal die Unterwäsche. „Was suchst du Ruhe, da du zur Unruhe geboren bist“: Ein Motto von Mensch und Jahrhundert, das auch als Überschrift über diesem Abend stehen könnte, den Annett Gröschner, Rosmarie Vogtenhuber und Hanna Mittelstädt, deren Nautilus-Verlag  die heutige Heimstätte von Jungs Werken ist, entwickelt haben.

Bild: Sascha Krieger

Ein Abend, den der Rhythmus gebiert. Stampfend, von harten Schlägen getrieben produziert ihn die in den 1990ern mal kurzzeitig berühmte Band Die Sterne, neben Tocotronic damals Aushängeschild der so genannten Hamburger Schule. Ihr Rhythmus pulst durch die Körper der Spieler, allen voran Robert Stadlober, einst Jung-Star um die Jahrtausendwende und noch immer kein Zur Ruhe Kommen Wollender. Der gebrochene Lebensdrang pulst durch seinen Körper, wirft ihn hin und her, ein Getriebener, nicht immer in Kontrolle über sich, ein Kind seiner Zeit, die vielleicht der unseren ähnlicher ist, als uns lieb sein könnte. Rhythmisch auch sein Sprechen, wenn er Jung-Texte liest, rezitiert, rappt, singt, zittert, lebt, leidet. Stadlober ist eines der Kraftzentren des Abends, die Band, zunächst noch ein wenig zurückhaltend, das Andere. Mal im Einklang, mal in unsichtbaren eigenen Orbits kreisend, suchen die titelgebende Technik des Glücks, das stets ein kollektives wie individuelles ist. „Das Wesentliche (…) einer Revolution geht nach innen“, heißt es einmal. Innen und außen verschmelzen zu einem Fieberstrom, der das Leben ist und der Tod und das Leben.

Dritter im Bunde ist Wolfgang Krause Zwieback, nicht nur Inhaber eines der schönsten Schauspielernamen überhaupt, sondern hier auch das zurückblickende Alter Ego von Stadlobers erlebendem Jung, die Zukunft seiner Gegenwart. Trockener, schnoddriger, zuweilen verwundert, echot er den Jüngeren, bremst ihn aus, bricht auch mal die fiebrige Euphorie ironisch. Die mitunter in Verzweiflung umschlägt, die sich immer wieder in sprachlichem Schluckauf entlädt. Der expressionistische Außenseiter, der Dada-Sympathisant testet immer wieder die Grenzen von Sprache und Ausdruck. Sie gerät ins Stottern, emanzipiert sich von Sinnversprechenen, kämpft mit ordentlich Sand in ihrem Getrieben. Ja, ein unruhiger Abend ist das, auf allen Ebenen. Ein paar Bühnenelemente, in denen Rot dominiert, werden zu Orientierungspunkten, die sich ebenso schnell wieder auflösen, mutieren in Ikonen einer unklaren, anarchischen, blutigen Zeit. Das Rot deutet Fahnen an und fließendes Blut, Leben und Tod, Hoffnung und Katastrophe.

Die Spieler zucken und schwanken und mäandern durch ihre Welt, stürzen durch atemlose Aufzählungen und kontextfreie Anekdoten, die voraussetzen, dass der Zuschauer die zweiseitige Biografie, die am Eingang ausliegt, gelesen hat. Was als Nacherzählung beginnt, wird zu einem Manischen Suchen. Nach dem roten Faden, dem Ziel, dem Sinn. Vieles ist albern, mancher Einfall unnütz. Vor allem die Auftritte Corinna Harfouchs per Videoeinspieler, welche die Perspektive der vielen Frauen in Jungs Leben beisteuern sollen, wirken aufgesetzt, Fremdkörper, welche die Atmosphäre brechen, den Fluss aufstauen und wie Inseln in einem Abend stehen, der mit ihnen wenig anzufangen weiß. Gerade zu Beginn stockt der Aufbau von Spannung und Atmosphäre spürbar, doch dann reißt diese Revue, die gleichzeitig keine ist, weil sie sich selbst genauso wenig sicher ist wie ihres Sujets. Songs, Melodiefetzen werden wiederholt, Texte ebenso.

Am Ende steht das Bild vom Torpedokäfer, der in High-Speed durch die Welt schießt und jedes Mal, wenn er endgültig ausgeknockt scheint, sich wieder aufrappelt, und weitermacht. Dort, wo er einst anfing. Ein plakatives Bild, klar, aber auch eines, das, von Krause Zwieback mit fast kindlichem Staunen vorgetragen, passt zur fiebrigen Spannung dieses Abends. Der vieles nur streift, anekdotisch fragmentiert, doch in seiner mehrschichtigen Unruhe einen Sinn und eine theatrale Sprache entwickelt für ein Leben, dass sich von Unsicherheit zu Unsicherheit pflügt, Ziele verfolgt, verwirft, wieder ausbuddelt, sich verliert, wiederfindet, sich irrt, sich wieder irrt, und ein weiteres Mal, und doch immer weiter schießt. Durch eine Welt, ein Jahrhundert, das die größten Glücksversprechen vereint mit den katastrophischsten Schrecken der Menschheitsgeschichte, die in Fetzen sichtbar werden, vor allem aber spür-, hör-, mitleidbar. Ein Fiebertraum, der eine fiebrige Zeit, erzählt, die ihre Fühler ausstreckt in unsere, deren Temperatur stündlich steigt, die sich in Unsicherheit und Wünschen und Ängsten, in Liebe und Hass hochschaukelt. Und die anklopft an die Tür dieses Franz Jung, der sich jeden Moment aufrappeln wird, um wieder loszufliegen.

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