Dallas im Stahlwerk

Nach dem Film von Luchino Visconti: Die Verdammten, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Theaterregisseur*innen stehen bekanntlich eher weniger im Ruf, lernfähig zu sein. Die eigene Werksicht gilt als sakrosankt, was Publikum und Kritik davon halten, interessiert meist nicht weiter. So kann es nach der Premiere vielleicht noch zu kleinen Anpassungen kommen , größere Eingriffe sind so selten wie vollständig bekleidete Ensembles in Castorf-Inszenierungen. Und kommt es dann doch wie im Fall von Les Misérables des angesprochenen Regisseurs zu massiven Straffungen – in diesem Fall etwa eine ganze Stunde – wirft der Großmeister halt trotzig eine gegenüber der Premiere noch mal längere Fassung hinterher. Infofern ist es David Bösch hoch anzurechnen, seine Adaption von Luchino Viscontis Film Die Verdammten nach der von der Mehrheit der Kritiker*innen als zäh charakterisierten Premiere ziemlich radikal überarbeitet zu haben. Von den 130 Minuten sind nurmehr gut 90 übrig geblieben. Neben einigen Szenen (etwa der Bücherverbrennung) blieben die Zwischenspiele mit vier jeweils als Dienern, Studenten oder SA-Leuten auftretenden Jungdarstellern ebenso auf der Strecke wie die per Video eingespielten Versuche, die Fortwirkung des Nazi-Erbes in der jungen Bundesrepublik aufzuzeigen. Kurz: Alles, was die Anschlussfähigkeit von Viscontis Erzählung von der Perversion der Macht und der Kumpanei zwischen Wirtschaft und Totalitarismus ins Heute behauptete, fiel der Schere zum Opfer – und damit ein wesentlicher Kritikpunkt vieler Rezensionen.

Bild: Matthias Horn

Kann der so gestraffte, radikal auf seine, Viscontis, Geschichte zurückgeworfene abend nun überzeugen? Die kurze wie die lange Antwort lautet: Nein. Denn das Hauptproblem seiner Inszenierung tastet Bösch nicht an, kann er auch nicht, es ist schließlich ihr Kern. Viscontis Film überzeugte auf atmosphärischer Ebene und durch seine Bildmächtigkeit. Er entwarf ein Universum moralischer Verwahrlosung und gezielter politischer wie individueller Perversion, eine Welt, in welcher der Ausverkauf aller werte Grundlage für Macht und Erfolg ist, ein schwül klaustrophibisches Biotop auf den Kopf gestellter Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens, ein schwülstig inzestuöses Paralleluniversum mit tödlicher Wirksamkeit in die ausgesperrte Realität hinein. Bösch dagegen spielt das Drehbuch, den schwächsten Teil des Films, meist naturalistisch vom Blatt. Noch mehr jetzt, da jegliche theatrale Reflexions- und Störmomente entfernt wurden.

Wesentliche Frage will sich der Abend stellen, so raunt auch das Programmheft: Wie kommt das Böse in die Welt? Wie wird der Mensch anfällig für Autoristarismus? Und welche Rolle spielt der menschliche Machtinstinkt dabei? Als Antowrt deklamieren die stereotyp gestalteten Figuren lehrbuch-Sentenzen ins Publikum: Da sind die Idealisten, die mit Menschenrechten argumentieren, der Wirtschaftspragmatiker, dem es nur ums Geschäft geht und die narzisstischen Machtmenschen, die an die Hebel gelangen wollen, um die sich hier alles dreht. Das ist so hölzern und blutleer wie es klingt. Bösch entfernt alles Atmosphärische, die Bühne von Patrick Bannwart ist leergeräumt bis auf eine Festtafel und einen Kronleuchter. Hier versammeln sich die von den Krupps inspirierten von Essenbecks, die Familie hinter einem Stahl-Imperium, zur Geburtstagsfeier des Patriarchen. Später wird die Tafel auseinandergenommen wie auch die Familie in allerlei Machtspielen zerfällt. So klar, so plump.

Davis Bösch setzt auf Eindeutigkeiten: Jede Replik ist ein politisches Statement, jede Figur ein Stereotyp. Was die Hoffnung, zumindest wie so oft bei diesem Regisseur, eindrucksvolles Schauspielertheater erleben zu können, rasch zunichte macht. Denn alle Darsteller*innen zeigen sich in einem Modus gefangen: Peter Moltzens Karrierist Friedrich ist ein seifig nervöses und eher lächerliches Komplexpaket, Corinna Kirchhoff als seine Geliebte Sophie eine kalt lächelnde, unerbittlich eisige Manipulatorin, Wolfgang Michaels Patriarch Joachim ein schneidender Verachtungskünstler und Martin Rentzschs SS-Mann eine ausdruckslose Salzsäule der Macht. Die wenigen Verteter*innen einer restmoralität sind so platt und konturlos, solch pure Replikenautomaten, dass der skeptische Betrachter sie beinahe als Karikaturen einzuordnen versucht ist.

Einzig Nico Holonics als letztlich triumphierender Enkel Martin, darf ein wenig Wandlungsfähigkeit beweisen: Er oszilliert zwischen bockigem Teenager und rückgratlosem Muttersöhnchen, bevor er sich als seinen weiteren Perversionen entsprechender moralischer Entgrenzer und lustvoller Sadist entpuppt. Die Parallelführung moralisch individueller und politisch kollektiver Perversionen ist ein wesentliches Stilmittel Viscontis. Hier erschöpft es sich in Holonics‘ äußerst plakativen körperlichen Verkommenheits- und Amoralitätsshow, der jegliche Abgründigkeit und alles Dämonische, das Helmut Berger der Figur gab, fehlt, und in albernen Regieeinfällchen, wenn das geschlagene Intrigantenpaar – modelliert nach Macbeth, aber auch diese Referenzen hat Bösch seit der Premiere reduziert – krampfend gebeugt über die Bühne torkeln und ihre Hinrichtung von Goldkonfetti gerahmt wird.

Der Abend erzählt nach, aber er hat nichts zu erzählen. Die Bezüge in die Gegenwart sind gestrichen, die Universaltät der Geschichte in ihrer Reduktion auf wenig mehr als eine szenische Lesung untergegangen. Den hölzernen, noch weiter vereindeutigten Texten – die von Sina Martens gespielte Essenbeck-Nichte bekommt sogar einen schneeverhangenen Monolog über ihre Deportation, der aus einem Grundschullehrbuch stammen könnte – kann oder will der Regisseur nichts entgegensetzen, keine Bildsprache, kein komplexes, Brüche aufzeigendes, verlebendigendes Spiel, keinen Versuch einer (ein)ordnende, reflektierende, orientierenden Regiehandschrift. So steht vor uns eine Seifenoper des Grauens, keine Shakespearesche Tragödie. Mit ein bisschen Show und halbherzigem Horror aufgepeppt, folgt man den Intrigenspielchen der Mächtigen wie man eine Folge Dallas betrachten würde – mit einer Mischung aus wohligem Ekel und amüsierter Fremdscham, injiziert mit einer gehörigen Portion moralischer Überlegenheit. gekürzt oder nicht: In David Böschs Händen schrumpft Die Verdammten zusammen auf ein so groteskes Stück menschlicher Verzerrung, dass jegliche Brücken zu einer möglichen Vergegenwärtigung gekappt werden, zu einer historischen Aufzeichnung eines einst relevanten Lehrstücks, betrachtet, durch so viele Scheiben Milchglas, dass jegliche Spiegelung ausbleibt.Ein Abend so hilflos und flüchtig wie seine Figuren.

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