Wogende Welten

Sir Simon Rattle dirigiert die Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Er ist wieder hier. War nie wirklich weg. Hat sich nur… ok, lassen wir das. Natürlich wird der erste Auftritt eines Dirigenten, der über lange Jahre nachhaltig die Musikszene der Stadt geprägt hat, nach Ende seines offiziellen Engagements, besonders aufmerksam beobachtet. Und interpretiert. Dass Sir Simon Rattle, der neugierigste und enthusiastischste aller dirigierenden Musikvermittler, an die man sich in Berlin erinnern kann, für sein ersten Dirigat nach seiner Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Pult eines anderen Orchesters steht und noch dazu in einem anderen Saal (die Philharmonie beehrt er am zweiten Abend mit gleichem Programm), ist sicher kein Zufall, zu sehr ist der Brite Marketing- und PR-Profi. Die Staatsoper, geleitet von dem mit ihm und „seinem“ Orchester eng verbundenen Daniel Barenboim, war lange sein zweites Zuhause – dass er hier seine Rückkehr feiert, ist vielleicht Zeichen der neu gewonnenen Unabhängigkeit, mehr aber noch Ausdruck der engen Verbundenheit mit dieser Stadt, die längst auch und weiterhin die seine ist. zumal er hier, Unter den Linden, noch etwas zu erledigen hat. Leoš Janáček, einer der autonomsten, eigenwilligsten Komponisten der Moderne, hat es ihm angetan. Zwei seiner Opern hat er an diesem Haus schon geleitet – warum also sollte er sein Konzert-Comeback nicht mit einem Werk des Tschechen bestreiten?

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

Die Glagolitische Messe, komponiert vom glühenden Verehrer des Panslawismus auf eine Übertragung der lateinischen Messe ins damals fast vergessene Kirchenslawisch, ist ein seltsames Gebilde. Der Komponist selbst wies darauf hin, dass es mit traditionell der Messe zugeschriebenen musikalischen Ausdrucksformen nichts zu tun haben wolle. Und tatsächlich: Nichts da von Bachschem  Ernst oder Beethovenschem Pathos. Janáčeks Werk ist ein zerrissenes, vielgesichtiges, wahnwitzig widersprüchliches Fest der Gegensätze. Die Rattle zunächst zu versöhnen trachtet. Spannend seine Einleitung, in der er zwischen den hohen und tiefen Registern, die Janáček einander entgegenstellt, zu vermitteln sucht. Solostimmen schickt er wie Vermittler hin und her, Boten einer verlorenen Mitte. Ambivalent geht es weiter. Das „Kyrie“ beginnt ungeheuer düster, bevor es sich in extrem gegenläufigen Bewegungen fast zerreißt. Rattle leuchtet jedes einzelne Element dieses zerfetzten Kosmos aus, hält in Nahaufnahmen drauf, lässt keinen noch so winzigen Stachel im musikalischen Fleisch unbeachtet. Atemberaubend, wie er den Tschechischen Philharmonischen Chor Brno engelsgleich über dem voll und ganz weltlichen Kampf im Orchester schweben lässt, die Ebenen klar trennt, ihnen keinen gemeinsamen Boden zugesteht, die Spannung nie auflöst. Mit der Sopranstimme tritt dann ein drittes Element hinzu, von Iwona Sobotka mit zurückhaltender Wärme irgendwo im Zwischenraum postiert, was den Chor auf die Füße holt, der den menschlichen Gesang nun grundiert. Der ganze Kosmos des Ringens um den Glauben in der Welt kondensiert in wenigen Minuten.

Und so geht es weiter. Im „Credo“ tritt Tenor Simon O’Neill hinzu, wirft seine Stimme wie einen disruptiven Fremdkörper in die Schlacht, die tobt wie zuvor. Dabei beginnt alles zauberhaft pastoral, mit hellen Streichern und lichtdurchflutetemen Soprangesang. Doch schnell hat Simon Rattle alle Mühe, das musikalische Gewebe zusammenzuhalten, so sehr lässt er es an allen Enden zerren. Das Orchesterspiel kippt in sich ständig verschiebende klangliche Ungleichgewichte, schon vor O’Neill setzen Blechbläser Störsignale.Unruhe und Spannung sind kaum mehr auszuhalten. Und weider geht es von vorn los: Das „Gloria“ hebt fragmentiert an, schroff knallt Widersprüchliches gegeneinander, Fragmente treffen auf klar gestaltete Klangblöcke, O’Neill wechselt von kalter schärfe zu volltönendem Strahlen, der weg führt erneut vom Zweifel zu einer Gewissheit, die in ihrer Flüchtigkeit ungeheuer irritierend wirkt. Bass Jan Martiník leitet mit sanfter Wärme ein zaghaftes Aufblühen ein, das vom Orchester mit lichtem Klang aufgenommen wird.

Doch im „Sanctus“ sind die Einzelstimmen wieder auf sich gestellt. Auf engerem klanglichen Raum, fast kammermusikalisch reduziert, tasten sie sich fragend in ein erneutes Strahlen, selbstbewusster als zuvor, doch genauso fragil. Die Solist*innen (Alt Anna Lapkovskaja komplettiert das Quartett) zersplittern das Material, der Chor antwortet als Verknapper und Verdichter. Immer wieder wechseln die Antagonisten – mal „verbünden“ sich die Vokalstimmen mit dem Chor gegen das Orchester, mal ringen sie miteinander, mal die Instrumentengruppen untereinander. Am Ende findet man sich wieder zusammen in noch einmal verstärkter Kraft, um im „Agnus Dei“ ein weiteres Mal die Glaubensfrage zu stellen. Unsicher fragen das Orchesterspiel, wie von weitem hereinschwebend der Chor, darüber verlorene Einzeltimmen, etwa die Soloflöte. Verdüsterungen geschehen so plötzlich wie Aufhellungen, das Zwielicht regiert. Keine Auflösung nirgends. Nach einem drängenden, insistierende, streckenweise fast rasenden Orgelsolo Christian Schmitts) herrschen in der finalen „Intrada“ erneut die Gegensätze: Strahlend feierliches Blech „duelliert“ sich mit geschärften, streitlustigen Streichern. Der Abschnitt feiert die Kontraste, findet Lebendigkeit in ihnen, die stets am Abgrund wandelt, rhythmische akzente fegen alle Ahnungen einer Lösung hinweg. Das Ringen um den Glauben ist wieder in der Welt angekommen, es gibt eine Auflösung, nur ein Immer weiter. So wirkt das Ende unfertig, schroff, zerklüftet. Nichts ist erledigt, alles bleibt in Spannung. Ein aufreibendes, ein irritierendes, ein alle Frage stellendes und offen lassendes Musikerlebnis, das Janáčeks Werk voll und ganz Genüge tut, das wunden reißt und bluten lässt, die Zerrissenheit der Welt und des Menschseins spürbar macht.

Da vergibt man Rattle gern eine eher zu vergessende erste Konzerthälte. Zu Joseph Haydns Sinfonie Nr. 86, die er als weltlichen Pendant Janáčeks Messe entgegenstellen will, findet er nie Zugang. Erst das Finale erfährt eine Andeutung von Energie, das Klangbild ist verschwommen, oft unabalanciert, kraftlos plätschert das weitgehend farblose geschehen dahin. Rhythmische Setzungen wirken so aufgesetzt wie Betonungen von Kontrasten in Dynamik und Tempi. Einzig erinnersnwert der letzte Satz, in dem Rattle die Generalpause als Wasserscheide betont, die unterschiedlichen Ausdruckswelten davor und danach herausarbeitet, das Spiel strafft, mehr Farbigkeit zulässt und die musikalischen Einfälle Haydns mehr Freiraum gibt. Doch alles in allem klingt dieser Haydn wie zufällig hingeworfen, kaum geprobt und noch weniger beachtet. Da überzeugt der kurze Canzon Septimi et Octavi Toni von Giovanni Gabrieli, geschrieben für das akustische Chaos des Markusdoms in Venedig, mehr. Die drei jeweils vierteiligen Bläserchöre entwickeln eine schöne klangliche Wellenbewegung, die durch den Saal wogen und schwappen wie das Wasser an den Lido. Pathosfrei und lebendig strahlt hier pure Weltlichkeit. Und öffnet einen Kreis, der sich knapp zwei Stunden später mit zwingender Eindringlichkeit schließen wird.

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2 Gedanken zu „Wogende Welten

  1. […] sein erstes Berliner Dirigat nach dem Abschied nicht bei „seinem“ Orchester, sondern mit Daniel Barenboims Staatskapelle, noch dazu zunächst an deren Haus und danach erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun […]

  2. […] als großer Förderer zeitgenössischer Musik erwiesen. Nach einem ersten Berlin-Besuch bei der befreundeten Staatskapelle und die Wiedererweckung eines früheren Abends eröffnet er sein ersten neu einstudiertes Programm […]

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