Die Stunde der Stars

Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon mit Staatskapelle Berlin, Manfred Honeck, Anne-Sophie Mutter und Lang Lang in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Sie gilt als das älteste Schallplattenlabel der Welt: 1898 von Emil Berliner, dem Erfinder des Grammophons gegründet, schrieb die Deutsche Grammophon Kulturgeschichte. Das heute zum Medienkonzern Universal gehörende Label gilt bis heute in der Klassikwelt als „Goldstandard“ in Bereichen wie künstlerischer Qualität, Aufnahmetechnik und Produktinnovation. Dass etwa die CD so schnell im Klassikbereich Fuß fasste, war maßgeblich DG-Star Herbert von Karajan und der Unterstützung durch sein Label zu verdanken. Bis heute ist es der Marke mit dem charakteristischen gelb-schwarzen Logo trotz zunehmend Tonträger-loser Musikrezeption und Orchester-eigener Labels gelungen, Synonym für qualitativ hochwertige klassische Musik zu bleiben. Das ist Grund genug, auch einen nicht ganz so runden Geburtstag wie den 120. zu feiern. Zumal die Gelegenheit, mit Sonderkonzerten und vor allem speziellen Editionen Aufmerksamkeit zu generieren und Geld zu verdienen, keine unwesentliche Motivation gewesen sein mag.

Anne-Sophie Mutter, Manfred Honeck und die Staatskapelle Berlin beim Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon (obs/Universal Music Entertainment GmbH/Stefan Höderath)

Zum Start muss ein Festkonzert her. in Berlin natürlich, wo die deutsche Universal ihren Sitz hat und die Deutsche Grammophon, einst in Hannover gegründet, seit nunmehr gut 100 Jahren beheimatet ist. Und weil es für ein eine Old-School-Marke wie diese besonders wichtig ist, den eigenen Status zu betonen, braucht es Stars. An denen herrscht bei der DG kein Mangel – mit Superstar Lang Lang und Ausnahmegeigerin Anne-Sophie Mutter konnten zwei der größten verpflichtet werden. Dass es an so einem Abend nicht in erster Linie um herausragende künstlerische Leistungen geht, versteht sich von selbst. Glanzvoll soll es sein, virtuos natürlich und möglichst zugänglich, schließlich geht das Konzert auch per Livestream in alle Welt und soll nicht zuletzt als Marketinginstrument funktionieren. Also besteht das Programm aus Populärem und nicht zu Langem, eine Hitparade bekömmlicher Häppchen hoffentlich hoher musikkulinarischer Qualität.

Mit Manfred Honeck steht ein Dirigent am Pult der für das Event engagierten Staatskapelle Berlin, der keinen Firlefanz mag. Ein hochpräziser Musikarbeiter, kein Charismatiker. aber dafür hat man ja die Stars. Zwei Ouvertüren eröffnen standesgemäß die beiden Programmteile. Beide werden sie für Ludwig van Beethovens einzige Oper Fidelio geschrieben. Den Anfang macht die gleichnamige letzte Fassung, ein eher knapp gehaltener Appetizer, den Honeck konzentriert und schnörkellos spielen lässt. Gebrauchsmusik im besten Sinn, ein Vehikel, das Orchester auf Touren zu bringen, was bestens gelingt. Honeck etabliert mit ihr ein dichtes, sattes, recht erdiges Klangbild, pumpt reichlich Energie in das moderat komplexe Stück, das er am Schluss fast zum Rasen bringt. Eine Interpretation, die nicht nach musikalischer Essenz fragt, sondern den Effekt sucht und damit perfekt zu diesem Abend passt. Das ist nach der Pause bei der dritten der so genannten „Leonoren-Ouvertüren“ nicht anders. Hier betont Honeck die dynamischen Wechsel, findet in der Partitur sowohl extreme Mehrfach-Pianissimi als auch erschütternde Kraftentladungen. Farblich ist das Ganze etwas fahl, klanglich über weite Strecken wenig balanciert (die hohen Streicher dominieren stark), aber effektvoll ist es allemal. Da mag der energische Schluss etwas aufgesetzt daher kommen, seine Wirkung verfehlt er nicht.

Doch das ist alles Vorspiel für die zwei Hauptgänge. Der erste ist Lang Lang, ein grundsympathischer Superstar, der den Zuhörer schon einnimmt, bevor er zu spielen begonnen hat. Er ist ein Begeisterer, ein Klassik-Botschafter par excellence, da stört es wenig, dass sich bei ihm Virtuosität und Ausdruckswillen mit Interpretationsvermögen und strukturellem Denken selten im Gleichgewicht befinden. Das ist auch hier der Fall: Wolfgang Amadeus Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 lächelt er souverän weg. Sein Interesse gilt dem schönen Ton, der Zusammenhang selbiger tangiert ihn weniger. So spielt er einfach, was gut klingt, verzögert fast obsessiv, spielt traumverloren, tänzelnd, oft ohne viel Fluss, aber immer glockenklar und dem Ohr schmeichelnd. Zumindest dem, das sich weniger für das gespielte Werk interessiert. Denn das verplätschert sich in schöner Eintönigkeit. Das Orchester nimmt sich zurück, versucht es mit Strenge und prallt mit allen Dialogversuchen ab. Lang lang duldet es als Begleiter und erdige Grundierung, als Partner auf Augenhöher akzeptiert er es nicht. Er überbetont das Lyrische, hellt die Schattenwürfe auf, bis alles eitel Sonnenschein ist. Das Orchester probiert es im Finale mit ein bisschen Dramatik – Lang Lang tänzelt einfach darüber hinweg. Die Gebrochenheit des Werks, sein verdunkelter Grundton werden hinweggespült in der Unverbindlichkeit des schönen Tons.

Lang Lang spielt Mozart in der Berliner Philharmonie (obs/Universal Music Entertainment GmbH/Stefan Höderath)

Da ist Anne-Sophie Mutter um Längen subtiler. Natürlich beherrscht auch sie das Glatte, den Glanz der puren Oberfläche, wie sie in der Zugabe, einer sehr sachlichen und kantenlosen Version von John Williams – den erkrankten Komponisten grüßt sie auch vom Podium – ebenso wie in dessen Neubearbeitung des Liebesthemas aus der zweiten Star-Wars-Trilogie beweist. Hier verzückt der seidenglänzende Gesang ihrer Stradivari, sie singt innig, auch ein wenig verwundbar und legt sich magisch auf das durchaus schroffe, diverse Klangbild des Orchesters, das zuweilen auseinander zu fallen droht, doch vom Sehnsuchtsgesang der Geige zusammengehalten wird, der auch diesen etwas misslungenen Versuch, einem Filmthema Komplexität abzuringen zum Triumph werden lässt.

Spannender ist jedoch die zuvor erfolgte Gegenüberstellung zweier Achtminüter. Zunächst Williams‘ Markings, ein Stück für Sologeige, Streicher und Harfe, uraufgeführt von Mutter vor einem Jahr in Tanglewood. Die Solistin sucht die hohen Register, ringt ihrem Instrument einen mal schwebenden mal singenden, aber stets schneidend scharfen Ton ab. Nichts da von der Samtigkeit, fürt die sie berühmt ist. Ihr Spiel ist ein Tanz auf scharfer Klinge, eine Übung im Halten von Spannung. Das Orchester nimmt sich zurück, akzentuiert hier und da und lässt das Soloinstrument ansonsten in Ruhe. Ein Schmerzensgesang, unsimental, angespannt, hochkonzetriert und stets am Rande des Zerreißens

Wie anders ist dann die zweite Violinromanze Beethovens: Da ist er wieder, dieser schmelzend klare Ton, dieser betörende Gesang, satt und fragil zugleich, getragen von einem ausbalancierten volltönenden Orchester mit eindrucksvollem Gleichgewicht aus Streichern und Holzbläsern. Perfekter Schönklang ganz im Sinne ihres Entdeckers Karajan, klanglich und farblich wunderbar abgemischt, Geige und Orchester im idealen Einklang. Mutter ist bescheiden genug, den Holzbläsern die finale Einfärbung dieses lichtdurchfluteten Kleinods zu überlassen, das zumindest an diesem Abend nichts weiter will als klangliche Perfektion. Das ist gelungen und auf mehr zielt der Abend auch nicht. Für musikalische Entdeckungsreisen, für analytische Interpretationen, die auch schon einmal etwas wagen, ist dies der falsche Ort. Die finden sich sicherlich bald wieder auf einer der nächsten Neuerscheinungen mit dem unverkennbaren gelben Label.

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