Der Zeitvertreiber

Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner. Erzählt von ihm selber, aufgeschrieben von Bertolt Brecht, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Dennis Krauß)

Von Sascha Krieger

Leicht ist es nicht, sich in der Berliner Theaterszene abzuheben, sein eigenes Profil zu finden, seinen, wie man es heute nennt, Markenkern zu finden. Das Berliner Ensemble tut sich seit seinem Neustart unter Intendant Oliver Reese nicht ganz leicht damit. Autorentheater will es sein und verschmäht doch zumindest die deutschsprachige Gegenwartsdramatik zu großen Teilen. Die Zusammenarbeit mit Moritz Rinke etwa wurde beendet, bevor sie ein Ergebnis gezeitigt hatte – Rinke bringt sein neues Stück jetzt nebenan am Deutschen Theater heraus. Überhaupt das DT: Nicht nur Reese kommt von dort, auch sein Hausregisseur Michael Thalheimer war dort schon in gleicher Funktion, und das Autorentheater hat sich Hausherr Ulrich Khuon auch schon mit den Autorentheatrtagen reklamiert. Trotz so mancher starker Inszenierung: Eine eigene Handschrift ist bislang kaum erkennbar. Mit einer klitzekleinen Ausnahme: Das BE ist derzeit in Berlin der Ort für Einpersonenstüpcke. Drei hat Reese übernommen, zwei vom eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – jetzt ist Oliver Kraushaar an der Reihe. Und wie es sich für das BE gehört,  mit Brecht. Zumindest irgendwie.

Bild: Matthias Horn

Und damit beginnt das Problem von Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner schon. Brecht hatte den damaligen deutschen Schwergewichtsmeister 1924 kennen gelernt, sich mit ihm angefreundet und veröffentlichte seine Lebensgeschichte als Serie in einer Zeitschrift. Als Körner verlor, endete sie abrupt. Der gerade einmal 27-jährige Jungregisseur Dennis Krauß, der immerhin schon bei Leuten wie Kay Voges, Ersan Mondtag und eben Thalheimer assistierte, hievt den eigentlich zu leichten Schwergewichtler auf die Bühne des Kleinen Hauses und entdeckt – ein Fliegengewicht. Bestenfalls. Das Bühnenrechteck (Bühne: Johanna Meyer) erinnert von fern an einen Boxring, eine große weiße Kreisscheibe an gleißende Scheinwerfer, aber auch Sonne und Mond der „echten“ Welt. Davor und daneben Kraushaar. Zunächst in Unterwächsche wie nach einem Kampf nutzt er die gut sechzig Minuten, um sich schrittweise einigermaßen elegant anzukleiden – den erzählten Weg vom 14-jährigen Ausreißer bis zum erfolgreichen Boxer und gereiften erwachsenen nicht unsinnig aber auch nicht übermäßig originall symbolisierend.

Ansonsten überlässt Krauß Kraushaar die Bühne, der Samson-Körners Lebensgescihte schön schnoddrig und mit sicherem Gespür für komisches Timing erzählt und dabei immer wieder seinen inneren Manfred Krug findet. Und weil Brechts Serie endet, noch bevor die Boxerkarriere richtig begann, wird so mancher Fremdtext eingestreut, brachialphilosophische Betrachtungen über das Boxen als Lebensmetapher, für die Benjamin Schwigon leicht das Licht ändert und Oliver Kraushaar den Tonfall. weicher wird seine Stimme da, weiser, ein wenig distanzierter. dann erzählt er dass „die Sache mit der Stärke ihre zwei Seiten“ habe, der Gegner das Spiegelbild des Boxers sei, man Fußball spiele, Boxen aber nicht und sich der Kampfsport eigentlich nicht als Metapher fürs Leben eigne, umgekehrt aber schon, worauf er gleich mit metaphorischer Boxsymbolik das Leben charakterisiert. Das ist wenig mehr als die übliche Überhöhung des vermeintlich ehrlichsten Sports, wie man sie aus den seligen Zeiten eines Henry Maske halb erinnert.

Über weite Strecken jedoch ist der Abend eine launige Anekdotensammlung, die unterhält, weil Kraushaar weiß, was er tut, die Lebenserfahrungen des „dummen Jungen“, den der „gestandene Mann“ nacherzählt, wie eine Art harmlose Skizze eines modernen Schelmenromans nacherzählt, bei der das erzählen der Geschichte viel wichtiger ist, als das worüber da gesprochen wird. das Bildungsroman-Element der Story verläuft sich im Buhlen der Episoden um die Aufmerksamkeit des Publikums – der Abend erinnert mehr an Lagerfeuererzählungen oder die vom Opa nachts um 4 auf der Familienfeier herausgeholten Fetzen der Erinnerung an die ach so wilde Jugend. Dabei biedern sich weder Regisseur noch Schauspieler an, verbleiben in ironischer Freundlichkeit und wollen wenig mehr als sich und uns ein wenig die Zeit zu vertreiben. Das gelingt durchaus, ist aber nicht mehr als ein freundlicher Pausenplausch, bei dem sich Kraushaar als Geschichtenerzähler übt und der Regisseur gefühlt nach höchstens zehn Minuten in der Kantine sitzt. Auf Twitter pries Ersan Mondtag seinen Ex-Assistenten Dennis Krauß nach der Premiere als „sehr begabt“. Es ist zu hoffen, dass er bald einmal die Chance bekommt – und nutzt – dies auch zu zeigen.

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