Musik, die Leben rettet

Gustavo Dudamel dirigiert Bernsteins erste und Schostakowitschs fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal fällt es dem dauerskeptischen Konzertgänger und stirnrunzelnden Kritiker leicht zu vergessen, was ihn einst in den Konzertsaal zog. Da doziert er (mal mehr, meist weniger) schlau über Klangbilder und Interpretationsansätze, bemäntelt sein seltenes schwelgen in pseudo-objektiver Überlegenheitslyrik und freut sich darüber, wenn er das Konzept eines Dirigenten (es sind ja doch fast immer noch Männer) zu durchdringen oder – besser noch – seine Ideenlosigkeit zu entlarven glaubt. Und dann sitzt er bequem mit wissender Miene in dem Zuschauerstuhl und weiß nicht, wie ihm geschieht. weil das, was er hört, ihn mit einer Unmittelbarkeit anfasst, von der er sich nur vage erinnern konnte, dass die Erwartung einer solchen ihn einst in Säle wie diesen geführt hat. Dabei deutet sich diese Art der Erfahrung vor der Pause bestenfalls an. Leonard Bernsteins Jeremiah  betitelte erste Symphonie steht auf dem Programm, ein Werk, das sich – wie Bernsteins gesamte Symphonik – mit dem menschlichen Ringen um den Glauben befasst.

Dudamel-Gustavo_(c)_Adam Latham

Gustavo Dudamel (Bild: Adam Latham)

Kein Zweifel: Gustavo Dudamels detailgenaue Interpretation überzeugt. Und führt in ein musikalisches Denken, das bereits einige Tage vorher zu erleben war: ein musikalisches Entdecken, das mit den kleinsten Einheiten beginnt und sich von dort aus den Weg bahnt ins große Ganze, das es vielleicht nicht immer ganz erreicht, aber zumindest erahnen lässt. Wie die Klage des ersten Satzes – die Symphonie basiert auf den biblischen Klageliedern Jeremias und „behandelt“ die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier – durch sie einzelnen Stimmen wandert, Emmanuel Pahuds Soloflöte vor Schmerzen schreit, die Stimmen zu auseinander driftenden Inseln zu werden drohen, der Kopfsatz zwischen angstvoller Suche und verzweifelter Klage schwankt, ist fein beobachtet, vor allem aber nuanciert und mit behutsamer Inbrunst umgesetzt. Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig.

Sehr rhythmisch, voller Bewegungsenergie der zweite Satz, ein Dialog von Verdichtungen und auseinanderstrebender Stimmen und Farben. Ein Spannungsfeld kurz vorm Zerreißen, fragil und hart, unerbittlich und ausgelassen tänzelnd. Musikalische Ambivalenz mit Überraschungen: Denn unbemerkt lässt Dudamel Licht in das zerrissene Gewebe pumpen, wird die Zerstörung der göttlichen Stadt zum Signal der Hoffnung, des Neubeginns, des Lebens. bei aller scharfkantigen Detailschärfe bis zur Verknappung: Der Satz klingt zuweilen regelrecht freudig, lebensfroh, lichtdurchpulst.

Der vokale Schlusssatz ist dann ein Umweg. Mezzosopranistin Tamara Mumford tut sich hörbar schwer mit Bernsteins fahler Monotonie, findet erst gegen ende Kraft und Aufbruch in der verschatteten Stimme.Das Orchester setzt Akzente, fragmentiert, streut gegen Schluss ein paar Lichtpunkte ein, lässt die Flöte sich durch die Dunkelheit tasten, die Streicher zerbrechlich durch die Klangfarben wandern, findet atemberaubende Momente flüchtiger Innigkeit und existenzieller Suche.

Und bereitet doch nur vor, was nach der Pause geschieht. Dmitri Schostakowitschs fünfte Symphonie steht auf dem Programm, ein Überlebenswerk, jenes, das dem Komponisten nach Verbot der Vierten und Stalins Bannstrahl wohl das Leben rettete.  Ein vermeintlich affirmatives Werk eines reuigen sozialistischen Künstlers, das – so der heutige Konsens – sich immer wieder selbst widerspricht und ad absurdum führt. Der Drang es karikaturistisch zu verstehen, ist groß, doch Dudamel widersteht ihm vom ersten bis zum letzten Takt. Unter seinem Dirigat erweist sich die Fünfte als Menschheitsdrama in 45 Minuten, als musikalischer Kosmos menschlicher Existenz in all ihren Ausformungen und Anfechtungen. Kein opportunistisches Werk, kein subtil subversives, sondern ein im besten Sinn philosophisches.

Der Kopfsatz ist eine einzige Suchbewegung zwischen gebrochen singenden Geigen und der einsam gegen die Stille ringenden Lyrik von Andreas Ottensamers Soloklarinette. Es ist die einzelne, menschliche Stimme, die in den Mittelpunkt rückt und aus der das gesamte Universum aus Hoffnung und Verzweiflung, Leben und Tod, Zuversicht und Angst, Freude und Schmerz erwächst. Ein Ansingen gegen die Dunkelheit, fast verschwindet in kosmischen Aufwallungen das Indviduelle verschlingen wollender Gewalt. Da ballt sich rhythmische Kraft, zerstieben die Stimmen und Farben bis an den Rand des Chaos, ein existenzielles Ringen, das den Einzelnen zu verschlucken droht und aus dem unvermittelt ein zarter Gesang sich emportastet, getragen von Pahuds Flöte und Albrecht Mayers Oboe, ein schwacher Lichtschein des Hoffens, zerbrechlich, flüchtig, schwach. Ein ganzes Menschheitsversprechen darin.

Extrem rhythmisch gedacht das Allegretto. Das Holz meckert, gesangsversuche geraten ins Stocken. ein grotesker Tanz, bei dem die das unverzerrte Leben gerade so auf den Beinen, bevor es sich, etwa in der fahlen und coh trotzig lichten Passage der Soloflöte im dritten Satz wieder hervorwagt inmitten eines streicherdominierten Dämmerlichts, die eine gespenstische Atmosphäre anzetteln, um sie selbst anzukratzen. So viel berührt hier: die ratlos schwebenden Streicherflächen und die unendliche Zartheit der ersten Geigen, das verlorene Sehnen der Solooboe, das Mäandern der Instrumentengruppen und ihr Antönen und Anschwingen gegen das allumfassende Nichts und das eigene Verschwinden. Miniaturen des Widerstands, des Aufbäumens, des Nichtweggehens. Nicht gewalttätig, sondern ein Ansingen, ein Hierbleiben, eine Präsenzbehauptung, in der Dudamel und sein Orchester das Wesen der Musik zu verorten scheinen. Töne gegen die Stille, das Nichts, die Auslöschung. Dieses Largo ergreift, es fasst an, es durchdringt den Zuhörer und lässt ihn hilflos und zutiefst verletzlich zurück.

Im Finale ist das alles Bewegung, rhythmische Energie aber auch innig suchende Verlorenheit. Stefan Dohrs lichtes Solohorn auf gespannt flirrenden Geigen wirft all das Geprotze schnell über Bord. Hier behauptet sich das nichts, der einzelnen Mensch inmitten einer auf Auslöschung ausgerichteten Maschinerie. Immer unerträglicher wird die Spannung, immer unruhiger und gegenläufiger prallen die klanglichen schichten aufeinander, Chaos kündigt sich an und dann bricht Licht ein, hellt all das Getöse auf. Das Blech strahlt während die Streicher noch wühlen. Die Schärfe, die Bedrohlichkeit ist immer da und doch ist da auch Hoffnung, ist das Leben, trotzig, dickköpfig, renitent. Die Spannung bleibt unaufgelöst, der Kampf nicht gewonnen. Aber auch nicht verloren und das ist das vielleicht wichtigste an dieser unerhört berührenden und auch seltsam heiteren Fünften. Eine, bei der nichts zusammenzupassen scheint und das entstehende Mosaik am Ende so weltumspannend vollständig ist, das selbst diesem angehärteten Rezensenten die Spucke wegbleibt. Ein atemberaubender Abend ist zu Ende, der noch lange nachklingen wird, einer, der nicht weniger vermag, als die existenzielle Kraft der Musik in all ihren Facetten vorzuführen. Gustavo Dudamel wurde schon lange nachgesagt, er hätte das Zeug zu einem wirklich großen Dirigenten. Es ist gut möglich, dass er es an diesem Abend geworden ist.

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