Im Raum der Klänge

360 Grad Wiener Philharmoniker: ein immersiver Konzertabend mit Werken von Staud, Cage und Schönberg

Von Sascha Krieger

Zu den zahlreichen Dingen, die man gemeinhin den Wiener Philharmonikern nachsagt, gehört gesteigerte Innovationsfreude eigentlich nicht. Die Wiener, Großmeister des Schönklangs, gelten als vergleichsweise konservatives und überaus traditionsbewusstes Orchester. Eines, das erst dann mit der zeit geht, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Eigenwillig ist der Klangkörper, der es als einziges Spitzenorchester konsequent ohne Chefdirigenten aushält, ohnehin. Da erscheint es schon als ein bewusst gesetztes Zeichen, wenn er zum Auftakt einer Hommage (selbst ja ein eher rückwärtsgewandtes Format) im Berliner Konzerthaus mit einem überaus ungewöhnlichen Abend aufwarten. Das angehimmelte Großorchester war seinen Zuhörer*innen wohl noch nie so nah: Die Musiker*innen sitzen verteilt inmitten des eigentlichen Zuschauerraums, das Publikum um sie herum, neben ihnen, einige mittendrin. „360 Graf“ nennen es die Macher*innen, es erinnert an das „Mittendrin!“-Format des ehemaligen Konzerthausorchester-Chefs Iván Fischer. Auf Augenhöhe begegnen sich Musiker*innen und Publikum, dazu passt auch, dass es keinen Dirigenten gibt. Konzertmeister Reiner Honeck, selbst ein Taktstock-Veteran, ist der Primus inter pares.

Die Wiener Philharmoniker beim 360-Grad-Konzert im Konzerthaus Berlin (Bild: Markus Werner)

Auch das Programm, das die Wiener im Gepäck haben, ist alles andere als konservativ. Es ist überaus klug gewählt, Werke, die gerade in dieser ungewöhnlichen Situation wirken können, die mit dem Raum arbeiten und spielen, Klangkunst, die in drei Dimensionen lebt. Den Anfang macht Scattered Light für unbalanciertes Orchester des 44-jährigen Österreichers Johannes Maria Staud, ein Auftragswerk, das nur mit hohen Streichern und tiefen Bläsern sowie Schlagwerk auskommt. Letzteres gibt einen stetigen Puls vor, der zwischenzeitlich kurz ins Rasen gerät, ansonsten das Stück in einem regelmäßigen Schritt hält. Perkussiv die Bläser, flächig die Streicher, streng getrennt in ganz unterschiedlichen Universen. Die ominöse Grundstimmung passt ganz gut zu Halloween, kurzzeitig erinnern die Streicher gar an das musikalische Repertoire des Horrorfilmgenres. Es entspinnt sich ein Spiel von Nähe und Entfernung. Das Werk erfordert, dass sich die Musiker*innen aufeinander einlassen, sich sehr genau zuhören, was zu einem hohen Maß an Konzentration führt. Fast entkörperlicht wirken die fahlen Streicher, umso plastischer die Bläser. In Wellen rollen sie heran, dann wieder wehen Streicherfetzen herüber, ein Spiel aus Präsenz und Absenz. Und irgendwann beginnen diese fragmentierten Bruchstücke, die einander so fremden Klänge zusammen zu schwingen und zu schweben, finden, wenn keine Mitte, so doch einen gemeinsamen Raum, in dem sie koexistieren können. Und mittendrin der Zuhörer, Teil dieser fragilen  Zusammenkunft, Teil der gemeinsamen Klangerfahrung.

Die sich anschließend in John Cages Spätwerk Sixty-Eight, einer „Klanginstallation“, wie Wilhelm Matejka, der den Abend moderiert, nennt. 68 Musiker, genau 30 Minuten lang – dazu hat jede*r Musiker*in eine Stoppuhr auf dem Pult, 15 Noten, zufällig ausgewählt. Die Spieler*innen können innerhalb von Reihenfolge- und Zeitfenstervorgaben frei entscheiden, wie sie ihre Noten spielen wollen. Das Ergebnis ist eine halbstündige fast außerweltliche Erfahrung, eine reise ins Innere der Töne, die wie für einen solchen Abend gemacht scheint. Unendlich weit scheinen die Töne oder greifbar nahe, fast, als erzeuge man sie irgendwie selbst. Sie schweben geisterhaft durch den Raum oder stehen physisch vor, hinter, neben der*m Hörenden. Sie kommen aus der Stille und kehren in sie zurück. Immer und immer wieder. Ein Lebenskreis, der immer neu anhebt und immer anders. Mal aggressiv, mal verschattet, mal perkussiv, dann wieder flächig. Töne werden gehalten, bringen die Zeit zustehen, oder schwellen an und ab, den Zeitlauf wieder in Gang bringend. Das Werk ist purer Raum, die Klänge wandern durch ihnen, explodieren in ihn, vergehen darin. Sie vereinzeln sich und suchen sich zusammen, finden Korrespondenzen über weite Entfernungen hinweg, verlieren sich. Wandernde in einem weiten Universum, einander oft nur erahnend. Am Ende Stille, Weite, Atmen. Welch ein Moment.

Bleibt nur die Frage, ob diese Versuchsanordnung auch bei einem „traditionelleren“, tonalen Werk funktionieren würde. Tut sie: Arnold Schönbergs Frühwerk Verklärte Nacht in der Fassung für Streichorchester, liefert den Beweis. Das Werk bewegt sich noch ganz im Wagner-Kosmos. Oder „eine halbe Stunde großes Gefühlskino“, wie es Matejka ausdrückt. Die Anordnung von Orchester und Publikum lässt auch dieses vergleichsweise bekannte Werk ganz neu erleben. Je nachdem, wo man sitzt (im Falle dieses Rezensenten direkt bei den Celli und unweit der Bratschen), sind bestimmt Instrumentengruppen stärker akzentuiert, andere weniger, einige näher, andere weiter entfernt. Eine Art fragmentierte Transparenz ergibt sich daraus, die/der* Hörende erlebt einzelne Farben en détail, andere unschärfer. Die Register werden klarer unterscheidbar, die klanglichen Ebenen treten offen zu tage, die musikalischen Schichten quasi archäologisch einsehbar. Erdig verwurzelt der (individuelle und positionsabhängige) Klangeindruck, die Geigen darüber schwebend, ein fragiles Gewebe, das immer wieder Auseinanderzufliegen droht.

Die Stars sind die Solostimmen, die körperlich im Raum stehen, Klanginseln inmitten eines ambivalenteren Gewoges. Das Großdrama, das gerade bei den Wienern im überirdischen Streicherkleng verglänzen kann, ergibt sich hier aus den kleinen Konflikten, aus den individuellen Farben und Stimmen und musikalischen Keimzellen. Natürlich ist der einzigartige Streicherklang dieses Orchesters erkennbar, aber er fächert sich auf, legt seine Quellen offen und wirkt durch seine Mosaikhaftigkeit gleich noch stärker. Vorder- und Hintergrund wechseln, die Szenen lösen sich auf und kippen. Am Ende ein behutsames Entschweben, als sei das alles ein Traum gewesen, ein Wandeln zwischen nie ganz greifbaren Realitäten. Musik als Raumerlebnis, unmittelbar, greifbar und zugleich nie ganz da. Welch Zauber!

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