Ansteckungsgefahr

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Leonard Bernstein wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, sein zwischen den musikalischen Welten wanderndes, gerade in Deutschland mit seiner U- und E-Obsession lange schwer verdautes Oeuvre wieder auf die Konzertpodien und Bühnen dieser Welt zu bringen – von denen es fairerweise nie verschwunden war. Und weil Bernstein nicht nur ein wichtiger Komponist, sondern auch ein vielleicht noch bedeutenderer Dirigent war, zweifellos einer der einflussreichsten des vergangenen Jahrhunderts, ergibt das Programm, das sich Gustavo Dudamel für die erste von zwei Konzertserien mit den Berliner Philharmonikern – mit denen er auch sogleich auf Tour gehen wird – ausgesucht hat, jede Art von Sinn. Bernsteins dem 100. (!) Jubiläum des Boston Symphony Orchestra gewidmetes Divertimento paart er mit Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Bernstein war es, der Zeit seines Lebens Partei für Mahler ergriff, ohne ihn hätte es dessen Wiederentdeckung vermutlich nie gegeben, ohne ihn wäre die Musik des kosmischten aller Komponisten heute nicht Kernrepertoire in allen Konzertsälen unserer Welt. Bernstein gilt bis heute als führender Mahler-Interpret – dass der Venezolaner das auch gern täte, ist auch an diesem Abend zu spüren.

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie (Bild: Stephan Rabold)

Dudamel, das weiß man, ist kein besonders analytischer Dirigent, kein Tiefenschürfer, kein Partiturarbeiter. Er ist ein Dirigent, der Emotionen sucht und erzeugen will. Und der sie – an diesem Abend besonders – in den Keimzellen symphonischer Musik verortet: in den Stimmen der einzelnen Instrumente. Dazu geben ihm beide Werke mit ihrem hohen Anteil an Solo-Passagen reichlich Gelegenheit. Die er nutzt: Wie er im zweiten Bernstein-Satz die Geigen butterzart singen lässt, die Sologesänge durch die Streichersolisten wandern – Bruno Delepelaires Cello berührt mit karger Innigkeit, Naoko Shimizus Bratsche tönt satt und körperlich, Noah Bendix-Balgleys Geige schwebt in lyrischer Klarheit – wie er am anderen Ende des Ausdrucksspektrum im sehr parodistisch interpretieren Siebten Guillaume Jehls Trompete quieken und Olaf Ottsgedämpfte Posaune quaken lässt, ist pure musikalische Lust. Da stört es auch wenig, dass der 37-Jährige, gern besonders grelle Farben wählt, oft ein wenig überzeichnet und die stark voneinander unterschiedenen musikalischen Welten, die Bernstein durchschreiten, mitunter fast in ihre eigene Karikatur zu rutschen drohen. Ärgerlicher schon, dass so manche Subtilität verloren geht – die kurze Zwölftonminiatur des sechsten Satzes verpufft fast ungehört. Doch dies ist eine musikalische Feier, der Dudamel genüge tut.

Und die im fünfmal so langen Mahler nachklingt. Bei dem er den Fokus nicht ändert: Bewundernswert die Konsequenz, mit der er dieses zerrissene und weltumspannende Werk aus seinen Einzelteilen heraus denkt, aus den Stimmen entwickelt. Auch hier ist wieder viel Raum für solistische Heldentaten: Jehls einsamer Fanfarenauftakt gelingt so nuanciert wie unmittelbar, ungefiltert, ein schamfreier Klagegesang aus der Stille. Stefan Dohr zeigt das riesige klangliche Repertoire des Horns vor allem im Scherzo mit nie auftrumpfender und zuweilen ob der erklommenen Höhen und lichten Ebenen überraschender Virtuosität, während die Holzbläser insbesondere im zweiten Satz farbenreiche Miniaturen in eine Welt setzen, die ansonsten rumort und brodelt, als spielte man am Krater eines aktiven Vulkans. So gelingen immer wieder magische Momente, Augenblicke unverstellten Singens, des Innehaltens, des Lauschens in die Stille hinein.

Fast pathosfrei das berühmte Adagietto, getrieben von sich immer wieder hinterfragenden, sich subtil verdunkelnden, im nächsten Moment wolkenlos lichten Streichern, die die Interpretation des Satzes – Abschiedsklage oder Liebeserklärung – in der Schwebe halten. Oder die getupften Pizzicati und der verlorene Klarinettengesang von Wenzel Fuchs in der Mitte des so gewichtigen zentralen Scherzo. Oder das zögerliche Tasten des einsamen Cello-Themas im zweiten Satz. Inseln im ozeanischen Gewoge, Enklaven menschlicher Einsamkeit und existenzieller Selbstbefragung. Es sind diese Momente, die erahnen lassen, das der Wunsch des Venezolaners, ein großer Mahler-Interpret zu werden, irgendwann in Erfüllung gehen könnte. Dass es jedoch noch nicht so weit ist, auch davon zeugt dieser Abend.

Es ist ein Mahler der Miniaturen. Jedes Motiv, jeder Stimmungswechsel erhält seinen eigenen Spielduktus, sein individuelles Klangbild. Das fasziniert und überfordert zu weilen, lässt den Hörer aber immer wider auch staunend zurück. Es gibt nicht, was dieses Orchester nicht vermag und beinahe alles davon ist in diesem Mahler zu hören: Ungebändigkte Leidenschaft, lebendiges Pulsieren, Scharfes Blech am Rande der Schmerzhaftigkeit wie samtige Streicher, als wären wir in Wien, perkussive Explosionen wie extreme Verzögerungen. Der Klang ist mal dicht, mal offen, schillert in tausend Farben oder erinnert an einen Zusammenprall disparatester Elemente. Das akzentuiert die Zerrissenheit des Werkes, führt aber immer wieder zu einer Zersplitterung, die das symphonische Ganze bedroht. Zusammenhalten soll es der Rhythmus, der perkussive Grundgestus, den Dudamel stark variiert, aber nie aufgibt. Das ist oft zu viel, resultiert in Überdramatisierungen und mitunter in reinem Lärm und mündet im Finale dann doch in mitreißender Bewegungsenergie.

Potpourrihaft wirkt dieser Schlusssatz, wie eine Nummernrevue musikalischer Einfälle und Reminiszenzen. Doch am Ende laufen sie in der ungebremsten Lust musikalischer Bewegung zusammen. Wie die Streicher wühlen und rasen, das Blech satt und warm strahlt, wie sich ungefilterte Lebendigkeit entlädt und sich am Schluss eine überwältigende Vielfarbigkeit und Lebensfülle breit macht, so sehr, dass es selbst dieses Wunderorchester kaum zu fassen bekommt, macht die Fragmentierung dieses Großwerks, der Verlust von Zusammenhängen und roten Fäden beileibe nicht wett – versöhnt aber für machens. Auch wenn Gustavo Dudamel sichtbar zu ergrauen beginnt, hat sein Dirigat noch immer ein gerüttelt Maß an jugendlicher Unbekümmertheit. Die ihm zuweilen im Weg steht, ihn aber zutiefst sympathisch macht. Und seinen Interpretationen eine Lust an der Musik verraten, die zu stehenden Ovationen führt, weil sie ansteckend ist.

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2 Gedanken zu „Ansteckungsgefahr

  1. […] von Dudamel angesteckte Krieger macht detailreich deutlich, was Mahlke damit meinen […]

  2. […] Dudamels detailgenaue Interpretation überzeugt. Und führt in ein musikalisches Denken, das bereits einige Tage vorher zu erleben war: ein musikalisches Entdecken, das mit den kleinsten Einheiten beginnt und sich von […]

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