Angst vor Virginia Woolf

Nach dem Roman von Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Völlige Stille. Hin und wieder ein leises Plätschern und Tropfen. Dann ist wieder einer der Container umgekippt worden, die oben auf den orangefarbenen Wände angebracht sind. Dann ergießt sich grüße Farbe über die, die Anne Tismer, noch in orange gekleidet, aufnimmt und verstreicht. Lange, sehr lange passiert nichts anderes, ist nicht mehr zu hören als als das leise Kratzen der Malerbürste und nichts zu sehen außer einer Frau, die Wände streicht. Mit einer Ausnahme: Auf einer Übertitel-Tafel erscheinen Daten – Meilensteine im langen Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter, große und kleine, bedeutende und kaum bemerkte. Da ist auch der* letzten Zuschauer*in klar: Das Umstreichen der Wände in die Farbe der Hoffnung ist ein politisches Symbol, ein Zeichen der Zeitenwende, vielleicht auch ein Aufruf zu selbiger. Damit symbolisiert Tismer die Umkehr der Ordnung, die zu Beginn von Virginia Woolfs bahnbrechendem Roman To the Lighthose noch intakt scheint und die Ernst-Busch-Absolventin Marie Schleef zuvor in ihrer Diplominszenierung knapp eine Stunde in all ihrer Erstarrung vorgeführt hat. Nichts ist wie vorher, aber was tritt an die Stelle des Alten?

Bild: Jo Jankowski

Es sind Fragen, die der Roman weniger stellt als zu seinem Wesen macht. Der Text ist eine einzige Infragestellung von Gewissheiten. Ja, auch auf inhaltlicher Ebene, vor allem aber in seiner künstlerischen Form. Die Aufhebung klassischer Erzählweisen, narrativer Verlässlichkeit, distanzierter Außensicht, linearer Erzählung in einen Bewusstseinsstrom, der Zeit, Raum und Ich fragmentiert und neu zusammen legt, die vollständige Entfernung des menschlichen Elements in seinem revolutionären Mittelteil, ein Gesang des Gegenständlichen – in der englischen Literatur hat wohl neben James Joyces Ulysses kein anderer Roman einen so radikalen Bruch erzeugt, dessen Wirkungen weit über die Grenzen des Inselstaats spürbar waren und womöglich noch immer sind, wie dieser. Und doch gilt Woolf vielen heute nicht in erster Linie als radikale literarische Modernisiererin, sondern als feministische Ikone, werden mit ihr weniger bahnbrechende Werke wie To the Lighthouse und Orlando assoziiert als ihr programmtischer Text A Room of Our Own. Virginia Woolf gilt nicht in erster Linie als große und revolutionäre Autorin, sondern als Vorkämpferin weiblicher Emanzipation.

Sie wird damit reduziert auf ihre Rolle als Frau – positiv konnotiert als eine Art Befreiungspoetin, aber eben nicht auf die gleiche Stufe gestellt wie Joyce, Proust, Faulkner. Das konterkariert ihr Bemühen, die weibliche stimme in der Literatur zu befreien und der männlichen an die Seite zu stellen, die ebenso wenig Grenzen kennt wie jene. Stattdessen zieht man ihr nachträglich Grenzen ein, fokussiert auf die feministischen Aspekte, liest ihre Bücher als Dokumente weiblicher Emanzipation (To the Lighthouse) oder als Visionen queerer Freiheit (Orlando). Das sind per se keine falschen Interpretationen, weisen der Frau Virginia Woolf aber einen Platz zu, der klar eingegrenzt ist und separiert von dem ihrer männlichen Kollegen.

Es ist eine Falle, in die so manche*r Theatermacher*in, die sich Woolfs Werken gewidmet hat, getappt ist. Auch Marie Schleef ist davor nicht gefeit. Alles an ihrer Adaption signalisiert, dass hier eine Emanzipationsgeschichte erzählt wird: Die sich nach hinten verengenden Bühnenwände (Bühne: Jule Saworski) in aggressiv affirmativem (heißt: männlichem) Signal-Orange erzeugen einen Spielraum, dessen Weite trügerisch ist, ein geschlossener Ort, der einzwängt und keine Ausbrüche zulässt. Die drei Figuren – Schleef reduziert das Personal auf die kleinstmögliche Familieneinheit Mutter, Vater, Sohn – bewegen sich roboterhaft, sprechen mechanisch monoton, gefangen in ihren Rollenvorgaben, die da lauten: Mann = dominant, Frau und Kind = gehorsam. Kurze Szenen werden separiert von Klingellauten, bevor das Immergleiche von Neuem beginnt. Ein vorgegebenes Leben als unentrinnbarer Loop. Dabei werden Textzeilen projiziert, die innere Ebene, die der Text eigentlich ist, als Zusatz, als erläuterung, manchmal als Kontrapunkt, aber nie als Essenz.

Schleef interessiert das Äußerliche, sie externalisiert die Erstalrrung in gesellschaftlichen Verhaltungsmustern, abstrahiert sie und lässt dabei die inneren Gegenströmungen, die Quellen einer möglichen Emanzipation in den Hintergrund treten, zu Fußnoten werden. Das verkleinert nicht nur besagte Emazipationsgeschichte, das verzwergt auch die künstlerische Sprengkraft, die dieser Text einst entfaltete. In Zwischenspielen wird die Geschichte von Fischer und seiner Frau von Tismer  und Cristián Lehmann Carrasco (der ansonsten Sohn James ausgestellt und distanziert als Kind-Konzept abstrahiert) in klindlicher Dauerregung erzählt. Ein befreiender Sprachfluss vielleicht, aber auch eine Verfestigung von Geschlechterklischees gepaart mit einer Emazipationsvision geboren aus der Infantilität. Weiter führt da schon der Faust-Exkurs: Da krallt sich Tismers Mrs Ramsay (Anne Tismer erweist sich erneut als ungeheuer wandelbar bis an den Rand der Beliebigkeit) eine Assoziationskette ihres Mannes (stocksteif: Florian Kroop) und referiert über Gretchen und ihre Position als männlich determiniertes Opfer. Dabei befreit sie sich zunächst von der patriarchalen Interpretation, aufgezwungen vom Autor, der Gretchen zu seinem Objekt degradiert, und letztlich sogar vom inneren Monolog, den ihr Virginia Woolf zuschreibt. Sie findet ihre Stimme, wird vom Automaten zum selbstbestimmten Menschen, eine Erkenntnisbewegung als Live-Emanzipation, rüde gestoppt von der Klingel der wiederherzustellenden Ordnung.

Leider nur ein Moment, ein anarchisch widerspenstiger Augenblick inmitten eines ansonsten merkwürdig uninspirierten Abends. Die Reduktion von Woolfs Meisterwerk der literarischen Moderne auf ein feministisch-emanzipatorisches Zitat saugt ihm nicht nur viel von seiner auf dem Papier kaum fasslichen Lebensenergie aus, es lässt die Schlussszene zwischen Vater und Sohn ohne Funktion und aussage zurück, eine Insel der Ratlosigkeit in einem Abend, der sich ein Korsett aufzwängt, das ebenso eng ist wie die Welt, in der er seine Geschichte verortet. Wo Virginia Woolf die Räume der Literatur wie der Möglichkeiten des Menschen, vor allem auch der Frau, selbstbestimmt zu leben, weitet, zieht Marie Schleef mauern ein, presst die Erzählung in einen engen interpretatorischen Rahmen, der die Reduktion Woolfs auf ihr Frausein reproduziert und damit die kritisierten und zu überwindenden Rollenmuster tendenziell gar festigt, weil er ihnen die Kontrolle über den Text verleiht, sie ihn sich zurechtstutzen und -rücken können, sie ihn auf einen Aspekt reduzieren. Es scheint, als hätten so manche*r nach wie vor Angst vor Virginia Woolf.

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