„Ich komme ja eigentlich vom Tanz“

Georges Feydeau: Champignol wider Willen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

„Ich komme ja eigentlich vom Tanz“: Bastian Reiber spricht diesen Satz, als alles schon verloren ist. Sein Saint-Florimond, der sich als der Maler Champignol ausgibt, ist gerade grandios am versuch, ein Porträt seines Vorgesetzten zu malen gescheitert, und sucht im Vokabular der Kunst-Apologetik krampfhaft nach Ausreden. Die er nicht bräuchte, denn das, wovon man will, dass es wahr ist, sieht man auch gern als wahr an, egal, welche Sprache die offensichtlichen Tatsachen sprechen. Das ist, es lässt sich Tag für Tag in den Filterblasen sozialer Netzwerke wie in den Abendnachrichten besichtigen, nicht nur in mehr als 100 Jahre alten französischen Verwechslungskomödien der Fall. In Georges Feydeaus Champignol wider Willen zählt die Wahrheit wenig:  Saint-Florimond hatte eine Fast-Affäre mit Madame Champignol. Als sie sich endgültig adieu sagen wollen, platzt ein Besucher nach dem nächsten rein, vor denen die Fast-Ehebrecherin den Nicht-Geliebten als Gatten ausgibt. Wie ein Schneeball wächst die Lüge zur Lawine heran, der Beinahe-Liebhaber wird als Champignol zu einer Reservisten-Übung eingezogen, bei der bald auch der echte Maler landet und auch später bei einem für ihn gegebenen Ball gelingt es Saint-Florimond nicht, seine Identität zu belegen. Niemand sieht, was er nicht sehen will. Ja, kennen wir.

Bild: Thomas Aurin

„Ich komme ja eigentlich vom Tanz“: Der Satz taugt auch als Motto für Herbert Fritschs Inszenierung des vielleicht nicht ganz zu Unrecht außerhalb Frankreichs weitgehend vergessenen Stücks. Der Österreicher hat ein Faible für leichte Komödien, für Farcen, Vaudeville und Schwänke, den für diese essenziellen „Bodensatz der literarischen Zivilisation“, wie Peter von Matt im Programmheft zitiert wird. Hier, in der bodenständigsten und vermeintlich simpelsten Form theatraler Unterhaltung, die nur solche sein will, vermutet der ehemalige Volksbühnen-Schauspieler unverrückbare Wahrheiten über die Fallstricke der menschlichen Existenz: Eitelkeit und Narzissmus, die Suche nach dem eigenen Vorteil, die Fähigkeit, jede Lüge glaubhaft zu machen, wenn sie einem dient, gepaart mit der seit jeher der Komödie eigenen Kraft, Machtverhältnisse sichtbar zu machen, Autoritäten vom Sockel zu stoßen und das ungleiche im Lachen gleich zu machen. Fritschs Theater ist ein zutiefst subversives – umso mehr, als es das Zwerchfell erschüttern und seine Stacheligkeit oft vergessen lässt.

Es ist ein Theater der Körperlichkeit: Der menschliche Körper ist bei ihm immer fremdgesteuert: Er reagiert auf Geräusche, auf Musik, auf Rhythmen, separiert sich vom Geist, macht sein eigenes Ding. Auch an diesem Abend: Da können die Figuren noch so sehr versuchen, ihre Handlungen zu rationalisieren, ihre sich verrenkenden, zuckenden, schlotternden und stolpernden Körper, ihre hilflosen, übersatten Gesten, ihre sich verzerrenden, ihnen entgleitenden, sich jeglicher Kontrolle entziehenden Gesichtszüge sprechen eine andere Sprache. Während die Figuren beschäftigt sich zu vertuschen, verraten ihre Körper alles. Ursina Lardis (Madame Champignol) schwebender Gang und verachtungsvoller Blick, Bastian Reibers komisch verzweifelte Mimik oder Florian Anderers (der Champignol spielt) Maske der Selbstsicherheit sind Symbole der Wahrheit in einem Universum der Lüge.

Mehr noch als frühere Arbeiten ist dieser Abend ein Tanz, bei dem die Wahrheit mit der Lüge im Galopp über die Bühne rast. Aus einzeln sich verrenkenden Körpern werden – vor allem in den Militärszenen, getrieben von einer Art Techno-Marsch von Fritschs Leib-und-Magen-Musiker Ingo Günther – sich hilflos über die Bühne wuchtende Menschen-Bündel, Körper-wellen und Knäuel, Objekte einer über sie bestimmenden Macht, über die jegliche Kontrolle verloren ist. Fritschs Bühne ist ein sich leicht verjüngender Kasten in Camouflage-Optik, eine ausladendes Sofa einziges Zitat der Vaudeville-Herkunft des Stücks. Auch die Kostüme greifen den Camouflage-Look auf, aber in lächerlich grellen Farben, sich selbst ad absurdum führend. Die Verstellung ist so eindeutig zu sehen, dass sie niemand sieht. Ein Schelm, wer hier an bestimmte heutige politische Phänomene denkt. Im kurzen zweiten Teil, auf dem Ball, tragen die Figuren Grün. Die Farbe der Hoffnung und des Neids, des Lebens und des (Gift-)Todes. Auch dies eine Scharade, zu deutlich, um sie erkennen zu können. Wie so oft bei Fritsch ist auch die Sprache kein verlässliches Fundament: Immer und immer wieder streut er Versprecher ein, macht aus dem Exerzieren einen Exorzismus, lässt die Sicherheit der Worte in ein instabiles Parallel-Universum kippen

So weit, so Fritsch. Und doch will dieser Abend nicht recht zünden. Das liegt sicher auch daran, dass der radikale Entschlacker es diesmal nicht vermochte, den Text wirksam zu kürzen. So entstehen doch erhebliche Längen, kommt der Abend etwa in der vollkommen uninteressanten Nebenhandlung u einen ins Wasser gefallenen Onkel streckenweise vollkommen zum Stillstand. Seinen Rhythmus zu verlieren ist jedoch für einen Tanz tödlich und genau dies widerfährt Champignol wider Willen wiederholt. Auch finden Fritschs körperliches Theater und seine Insistenz, diesmal vom Blatt spielen zu lassen, nicht recht zusammen. Die handlungs- und textgetriebene Grundlage und die rein physische Erzählweise erzeugen zu Beginn eine erhebliche Spannung, die sich mit fortlaufender Dauer immer mehr verliert. Vor allem aber scheint der Abend nicht recht zu wissen, wo er hin will. Der Militärparodiefehlt jede Schärfe, sie bleibt auf dem Niveau entsprechender Hollywood-Komödien stehen, eine Erosion oder Offenlegung von Machtstrukturen bleibt aus. Und auch die Schein-Sein-Differenz geht viel zu oft – die ein wenig überdeutliche und für Fritsch-Verhältnisse erschreckend didaktische Schlussszene einmal ausgenommen – kaum über ihre bei Feydeau angelegte Funktion der Unterhaltung hinaus. Visuell und spielerisch mag Herbert Fritsch die Scharauben ein gutes Stück weiterdrehen, inhaltlich gelingt ihm das nicht. So bleibt ein viel zu langer, meist sehr lustiger Abend, der sich über weite Strecken aus dem Fritsch-Baukasten bedient, ohne dass die Mittel mehr sind als sich selbst der Zweck. Und so wirkt Champignol wider Willen nicht selten wie ein sehr lang geratenen Fritsch-Zitat. Spaß gehabt, nicht viel nachgedacht. Schlimm ist das nicht, ein wenig unbefriedigend aber schon.

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