Ecce homo

Nach Knut Hamsun / Henrik Ibsen: Hunger. Peer Gynt, Deutsches Theater (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende sitzt er da, im Regen. Der Nebel wabert, im Hintergrund, fern eine gemalte Welt, um ihn Leere. Er ruft die Mutter an, die Welt, sich selbst. Licht flutet den Raum, bis er mit kindlichem Staunen „Es wird hell!“ ruft – und es dunkel wird. Endgültig. Peter René Lüdicke gehören diese letzten der mehr als drei Stunden. Er ist Peer Gynt und Knut Hamsuns namenloser Erzähler-Protagonist in Hunger. aber auch ein Beckettscher Leere-Bewohner, ein Lear, vielleicht ein Macbeth nach der Schlacht. Ein Geworfener, in eine Welt, die er gemacht hat, die ihn gemacht hat und in der er fremd bleibt. Sebastian Hartmann zwingt in seinem neuen Abend zwei Norweger zusammen, die nicht zusammenzupassen scheinen. Hier der Realist und Psychologisierer Ibsen, dort der Modernist und Zerstrümmerer Hamsums. Und zwei Reisende, die viel trennt: der Weltenwanderer und -erfinder Peer und der sich in sich selbst verlierende Jung-Schriftsteller Hamsuns. Eine Reise ins Unendliche und eine ins Innere – und beide enden im Nirgendwo. im finalen Verlust, der unbändigen Sehnsucht, dem Schrei  nach Welt, nach Ich, nach Sinn.

Bild: Arno Declair

Fast dreieinhalb Stunden zuvor beginnt der Abend mit einer Sprachwerdung. Natali Seelig wundert sich über die Erfindung eines Wortes und kämpft mit der vermeintlichen Notwendigkeit, ihm eine definierbare Bedeutung zuzuweisen. Die Welt ist dunkel, zwei blasse Neonröhren spenden kein Licht. Nebel füllt den Raum. an Anfang ist das Wort, doch es wird nicht Welt.  Aus dem Ungefähren schälen sich Gestalten, bei denen Geist und Körper, Wort und Materie im Widerstreit sind. Sie treten an die Rampe, monologisieren, sind und sprechen Fetzen der Ich-Findung, probieren Identitäten aus. Verlorene allesamt, von den Forderungen des sich oft mechanisch verzerrenden Körpers gepeinigt und getrieben, Hungernde, psychisch wie physisch, Menschen-Bruchstücke, Menschwerdungs-Versuche. Die scheitern. Hartmann will zum Ursprung zurück, Fragen stellen wie: Wer sind wir? Was macht den Menschen zum Menschen? Was treibt ihn, sie, es an? Nicht psychologisierend, sondern elementarer. Was ist der Grundtrieb des Menschen und was hält ihn zurück? Womöglich das, was ihn auch antreibt?

Das zehn-köpfige Ensemble probiert Textfetzen aus, jeden Abend anders, so erzählt es Hartmann im Programmheft. Ein situatives Theater will er, eines, das im Moment erst und aus selbigem heraus entsteht. Ein Theater voller einmaliger Schöpfungsakte, das zurückgeht hinter die Geschichten, die hier nicht mehr erzählt werden, zu ihren Ursprüngen, dort, wo noch alles möglich erschien, wo Menschsein noch alles hätte bedeuten können. Doch da stehen echte, fertige Menschen auf der Bühne und füllen diese Texte mit sich: Almut Zilcher singt und klagt sich in ewiger schmerzerfüllter Neugier in und durch die Welt, Manuel Harder fordert sie mit schnoddriger Stimme heraus, Linn Reusse zuckt und kämpft sich durch die Sprachlichkeit, Edgar Eckert ist ganz Körper, ganz Maschine, ganz Laut, Linda Pöppel ein Nervenbündel. Sie reduzieren sich, die Darsteller*innen, zu menschlichen Grundfunktionen, einzelnen Mosaiksteinen und bauen ihre Mensch-Rohlinge aus diesen auf. Und aus sich selbst – sie nähern sich dem Mensch-versuch aus zwei Richtungen, verfehlen die Mitte und öffnen so Milliarden Möglichkeiten.

Es ist atemberaubend, ihnen dabei zuzuschauen. Wie sie vereinzelt, allein, in der Welt stehen, wie sie den anderen spiegeln, imitieren, durch Beobachtung eine Version von sich selbst suchen. Wie sie zunehmend zu Gruppen zusammenfinden und doch einzeln bleiben, Text und Spiel auseinander driften, die physische Gemeinsamkeit auf die textliche, sprachliche, mentale Vereinzelung prallt. Etwa bei Aases Tod. Da hält Harder Zilchers Kopf, sind sie ganz nahe und doch Lichtjahre entfernt. Zilchers Aase umarmt den Tod, während Harders Peer irgendwo in der Welt ist und über sein Unbehaustsein lamentiert. Später, wenn er sie sucht, ist sie Fantasie, Erinnerung, Idee. Diese Spannung aus Präsenz und Absenz, Nähe und Ferne ist Grundelement dieses Abends. jeder Vordergrund hat mindestens einen autarken Hintergrund. Dort wandern Figuren durch die Welt, werfen Schatten, malen ein Bild, erzählen, wie Elias Arens zu beginn des zweiten Teils, in der reinen Körperlichkeit des Tanzes ihre eigenen, nicht Geschichten, aber vielleicht ihre Denkbarkeit.

Ein Körperballett entfaltet Sebastian Hartmann, einen rhythmischen Tanz der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, der Versuche und des Scheiterns. Mystische Klänge dräuen, Dissonanzen kreischen, Hip Hop pulst. Tilo Baumgarten projiziert Zeichnungen auf ein leeres Triptychon. Die Darsteller*innen malen nach, übermalen später, retuschieren, verändern. Sie nehmen eine vorgegebene Welt und machen daraus eine neue, bevölkern sie mit sich selbst und übertünchen sie und sich wieder. In der Pause wird das Bild umgedreht, die Welt auf den Kopf gestellt. Hier geschieht auch der Übergang der Weltmodelle: Domnierten vor der Pause die Hamsun-Fetzen, betreten nun Peer-Fragmente die leere Bühne. ein neuer Blick, ein neuer Weltversuch, das gleiche Ergebnis und doch ein vollkommen neues.

Sebastian Hartmanns Hamsun-Ibsen-Kollision ist ein elegischer, rauschhafter, traumhafter (im Wortsinn) Tanz und das goldenste aller Kälber: die Hybris des Menschen, individuell, unteilbar, definiert und definierbar, einzigartig zu sein. Er zerstückelt das Ich , um es zu ermöglichen, verwirft es, um es vorstellbar werden zu lassen. So treten Bild und Klang und Rhythmus und Körper und Sprache in ein instabiles Spannungsverhältnis, das auch die Enstehung dieses jedes Mal neuen Abends kennzeichnet. Nichts ist sicher, jedes Element steht für sich, sucht führ sich, scheitert für sich – jeder Körper, jeder Text, jede Ebene. Einmal tritt Lüdicke, in völliger Stille, zum entstehenden Bild, verrückt die Leiter, beginnt eine menschliche Form auszulöschen, verschiebt die Leiter, setzt an einer anderen Stelle neu an. Plötzlich bewegt sich das Bild, weg von ihm, er bleibt stehen, den Pinsel in der Hand und malt nun in die Leere hinein. Der Abend ist dieser Verlorene auf der Leiter, der das Nichts anmalt, eine unsichtbare Welt erschafft, eine Möglichkeit von ihr, in tausend widersprüchlichen Versuchen. Sebastian Hartmann führt das Theater, diese Illusion einer Welterbauungsmaschine, führt die Kunst, zurück auf ihren Grund, zersplittert sie in ihre Einzelteile, die frei im Raum schweben und so, weit voneinander entfernt, doch ein Bild malen, einen Raum füllen, eine Realität andeuten. Ein atemberaubender Abend, magisch, rätselhaft, flüchtig und doch Millionen Möglichkeiten öffnend. Zu denken, zu fühlen, zu sehen, zu hören, Mensch zu sein. Siehe, der Mensch! Ein Bruchstück, ein Scheitern, eine ganze Welt.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: