Because They Got High…

Bonn Park und Ben Roessler: Drei Milliarden Schwestern, Volksbühne Berlin (Regie: Bonn Park)

Von Sascha Krieger

Jetzt sind sie endlich hier: unten, im Parterre, auf der großen Bühne. Seit 25 Jahren gibt es sie jetzt, die, die jetzt auf der Bühne stehen, waren damals noch gar nicht geboren. Wer über den „Geist der Castorfschen Volksbühne“ spricht, wer ihn sucht, wer sich für seine Langlebigkleit und seine störrische Beharrlichkeit interessiert, der geht normalerweise in den 3. Stock des Hauses. Dort hat sich P14 eingenistet, der „Jugendklub“ des Hauses. Nein, viel mehr: eine autonome, anarchische, gern auch ein wenig sperrige Theatercommunity, bestehend aus jungen Bühnentieren, die auf eines keine Lust haben: sich vorschreiben zu lassen, wie das mit diesem Theatermachen zu gehen hat. Die es selber tun, die jeden Monat eine neue Produktion in den engen Bühnenraum bringen, der auch ein Rückzugsort ist, das Gallische Dorf der Castorf-Bühne. Wo Pollesch und Castorf und vielleicht auch Herbert Fritsch nach wie vor die Fixsterne sind. Ein Ort, der sich gehalten hat, unantastbar blieb, ein Platz des Bewahrens wie der ständigen Erneuerung. Castorf ist weg, Dercon ist weg, Dörr auf Abruf. P14, da muss man kein Prophet sein, wird bleiben. Jetzt also sind die jungen Rebell*innen auf der ganz großen Bühne gelandet. Kurzzeit-Intendant Chris Dercon soll das Projekt noch beauftragt haben – dass ausgerechnet dieses Widerstandsnest Teil seines Erbes würde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bild: Thomas Aurin

Was P14 immer auszeichnete, ist seine Hybris, sein Immer-alles-wollen, sein Desinteresse daran, was Theater von und mit Jugendlichen darf und kann. Ja, auch das Junge DT besetzt zuweilen immerhin die Kammerspielbühne, aber hier muss es gleich das ganz große Kino, pardon, Theater, sein: eine Oper, mit großen Sinfonieorchester, drunter geht es nicht. Bonn Park heißt der kreative Kopf, nein, nicht dahinter, mittendrin in diesem Projekt. Selbst ein P14-Alumnus, ist er längst ein gefragter Dramatiker. Mit Komponist Ben Roessler nimmt er sich jetzt Anton Tschechows Drei Schwestern vor, die er, man ahnt es bereits, mal eben zu kosmischer Unendlichkeit aufbläht. Drei Milliarden Schwestern sind es jetzt – acht von ihnen haben gerade Zeit – Moskau reicht als Sehnsuchtsort nicht mehr aus, das Weltall muss es sein. Genau genommen ein Komet, der droht, die Erde zu zerstören. Tschechow meets Deep Impact und Armageddon. Kosmische Schwere lastet auf den Schwestern: Die Köpfe riesig, schmerzend ob der Last der ganzen Welt, mitunter gar vor Anstrengung rauchend. Seltsame Alien-Kind-Hybride sind sie, gestrandet irgendwo auf dem halben Weg zu Erwachsensein oder Individualisierung.

Sie langweilen sich und einander, schlürfen aus dem riesigen Papp-Samowar, der lustige Nebelwölkchen entsendet und ergehen sich in schier endlosen Tiraden über die Sinnlosigkeit des Lebens, die Ausweglosigkeit der Existenz, die Härten fortschreitenden Alters. Kein Wunder, manche haben schon (fast?) die 20 erreicht! Ein pubertäres Jammerspiel, kein Zweifel! Aber doch so viel mehr: Denn die furchtlosen Acht bleiben auf dem – zuweilen sehr an alte Volksbühnenzeiten erinnernden und vor allem von der brüll-nölenden Charlotte Brandhorst, die eine Betreiberin eines Suizid-YouTub-Kanals spielt, perfekt auf die Spitze getriebenen – Jammerton nicht stehen, sondern unterziehen ihn einer Frischzellenkur. Hier ist alles „alte Volksbühne“: die popkulturellen Zitate – mit Dagobert tritt gar ein echter Popsänger auf und singt vom Alleinsein – die Selbstreferentialität, die Diskursschleifen, das dauernervend monotone Jammergeschrei. Und doch ist alles neu: eine Rückeroberung des Raumes mit all den alten Hits, die hier, in einer „neuen“ Welt ganz anders klingen.

Denn eines tut der Abend nicht: sich in seiner eigenen Cleverness, in seiner selbstgewählten Rebellionspose zu gefallen, wie es zuletzt dem einen oder anderen im 3. Stock widerfuhr.Bei allem Eklektizismus der Castorf-Jahre: Oper wurde hier selten gegeben, lediglich Fritsch probierte es mal mit Operette. Und so ist schon das Format Aufbruch. Prall gefüllt der Orchestergraben. Das Sinfonieorchester des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums arbeitet sich mit einiger Meisterschaft durch die reichlich zitathafte Partitur. Viel Filmmusikhaftigkeit, ein Querschnitt durch die Musikgeschichte – ein Akt, der sehr nach Mozart klingt, wird gar auf Italienisch gesungen – ein paar Anleihen bei der Zwöltonmusik und sogar etwas Pop – eine Fassung von „Because I Got High“ mit Kontrabassbegleitung gehört zu den Höhepunkt des pausenlosen Zweistünders. Die jungen Musiker*innen, dirigiert von Knut Andreas, der in seiner Gestik und Postur ein wenig an Christian Thielemann erinnert, bewältigen das Material bewundernswert. Vor allem die Holzbläser setzen immer wieder Lichtpunkte, auch das Schlagzeug akzentuiert auf den Punkt, während die Streicher ein wenig blass bleiben und das Blech zuweilen ordentlich scheppert. Doch im Gegensatz zum Gesang ist hier kein Laienspiel: Da mag Parodie dabei sein, aber auch eine menge Anspruch. Und den erfüllen Partitur und Orchester.

Gesungen wird dazu eher eine Mischung aus Brecht und betrunkenen Hochzeitsgästen, eine Spannung, die dem Abend äußerst gut tut, positioniert er sich doch zwischen Kunstanspruch und Parodie, professionellem Repertoirestück und jugendlicher Spielwiese, ist alles von dem und in der Summe ein gutes Stück mehr. Sie leiden an der Welt, die acht Figuren, doch ihre Spieler*innen ironisieren selbiges Leiden nicht nur, sondern nehmen es als Aufforderung zum Aufbruch, zu einer Expedition ins Spiel, wobei bei aller Uniformität zunehmend auch individuelle Differenzierung zu sehen ist: Wie Lioba Kippe unsicher weltumgreifend mit den armen schlenkert, Zelal Yesilyurt hart fordernde rhythmische Wortsalven in den Saal schleudert oder Brandhorst den Volksbühnenton bis zur Selbstauflösung eskalieren lässt, ist nicht nur eindrucksvoll. Es spricht auch von einem Aufbruch, einem Versuch, neue Welten zu entdecken, unendliche Weiten des Spiels auf der schmalen Schräge vor dem zusammengeschrumpften Bühnenhorizont. Der Weltschmerz ist Ausgangspunkt, der Komet der Arschtritt, den es braucht, hochzukommen und sich neu zu versuchen, all das zitatenlastige Material Steinbruch, zu plündern und neu zusammenzusetzen.

Und so fehlt den Drei Milliarden Schwestern vor allem das, was sie ständig behaupten: Verzweiflung. Stattdessen: jugendliche Wut, neugieriger Forscherdrang, anarchische Albernheit und eine sanfte, fast optimistisch zu nennende Melancholie. Am Ende wird der Samowar zur Rakete, die ausgiebig zelebrierte Langeweile zum poetischen Märchen, die Jammerrituale zum notwendigen Emanzipationsinstrument. Hier wird Altes zelebriert und aus ihm Neues geschaffen. Eine Metapher fürs Erwachsenwerden, wenn man möchte, aber auch ein Kommentar zu und Anspruch an dieses Haus, das, so sagen es uns Bonn Park und P14 noch lange nicht fertig ist. Mit sich, der Welt und uns. Moskau ist längst nicht mehr genug, der Komet – wunderbar interpretiert von der kindlichen Sängerin Lucia Itxaso Kühlmorgen Unzalu – ein ebenso rat- und hilfloser Verbündeter. „Erwachsene“ können nicht helfen, sie fallen aus der Zeit, wie der ungläubig angestarrte Dagobert oder die stumm zum Ghettoblaster ihre eigene Irrelevanz tanzende Anne Tismer. Die Erneuerung kommt nicht von außen, sie müssen sie selbst stemmen: der junge Regisseur und Autor, die jugendlichen Spieler*innen, der Musiker*innen-Nachwuchs. So leicht, so assoziationsstark, so sympathisch in seinem Größenwahnsinn und so substanziell in seiner ironischen Collagenhaftigkeit: Dieser dieser Abend ist ein Hoffnungsschimmer an einem gebeutelten Haus. Sich selbst nicht so ernst nehmend gelingt ihm ganz großes Theater. Gespielt von einem reinen Frauenensemble – auch das ein Statement an diesem, Alpha-Männer gewöhnten Ort. Auf, auf! Nach Moskau! Ins All! Egal!

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