Theater mit eingezogenem Schwanz

Simon Stone: Eine griechische Trilogie, Berliner Ensemble (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Ein bisschen fühlt sich der Zuschauer beim Weg zu seinem Platz an die letzte große Premiere am Berliner Ensemble erinnert, Kay Voges‘ Die Parallelwelt. Wie dort schaut er zunächst in einen Zuschauerraum. Doch wo Voges den Theaterraum weitete und neue Dimensionen suchte, wird der Blick hier nur zurückgeworfen: Eine Glaswand spiegelt den BE-Raum. Symbol auch für die Aufgabe, die sich der Abend gestellt hat: uns zu reflektieren, den Umgang der Geschlechter miteinander, widerstreitende Konzepte und Bilder von Gender und Sex und Rollenmustern hervortreten zu lassen. Parallelwelten auch hier: Auf der einen Seite die Frauen, vermeintlich selbstbestimmt und doch jede von einer spezifischen Missbrauchs- und Unterdruckungserfahrung gezeichnet, dort die Männer, herrschsüchtig, dominant und gewalttätig oder weinerlich, unsicher, passiv-aggressiv. und noch mehr parallele Welten: Dort die Antike, der Nährboden moderner Zivilisation, das athenische Ideal, das heldenhafte Frauengestalten hervorgebracht hat, in Komödie wie Tragödie, und das in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft. Und hier die Gegenwart emanzipatorischer Geschlechterbeziehungen, in der es einen weltweiten Riesenjubel auslöst, wenn ein Superheldenfilm eine weibliche Hauptfigur hat.

Bild: Thomas Aurin

Ausgehend von der Grundlage athenischer Dramatik will regisseur Simon Stone der gegenwart näher kommen, dem Schlachtfeld von Generidentitäten und machtverhältnissen, von Befreiung und Verteidigung des Status Quo, von hartnäckigen Rollenbildern und ihrer Auflösung. Und er will die Rolle von Mythos und Tradition verhandeln, die Frage, wie sehr Überlieferung bremst oder inspiriert, auch und gerade die theatrale. Bedingt die persönliche Befreiung, eine Neuregelung der Art und Weise, wie die Gesellschaft Identität definiert, zulässt und nutzt, vielleicht auch eine aufgabe des überkommenen Theaters? In Zeiten, in denen auch hier über patriarchale Strukturen diskutiert wird, kein ganz unwesentliches Thema für einen Abend wie diesen. Viel Material, noch mehr Anspruch. Zu viel für diese dreieinhalb Stunden, die, so liest man, auf drei griechischen Dramen basieren sollen: Die Geschichte vom Einsatz der Sexverweigerung als Waffe in Aristophanes‘ Lysistrata lässt sich noch in Ansätzen erkennen, Elemente des dionysischen Massakers der Backchen und der Tragödie der in eine ewige Opferrolle gedrängten Frau in Die Troerinnen (beides Euripides) finden sich nur dann wieder, wenn man spezifisch nach ihnen sucht.

Simon Stone ist dafür bekannt, dass er bekannte Dramenstoffe nimmt und sie überschreibt, in die Gegenwart überträgt und aus dieser heraus neu verfasst. Hier nutzt er seine Vorlagen bestenfalls als Steinbruch. In dem er in hohem Tempo durch die Theatergeschichte hetzt: Der Abend beginnt als Rezasches Konversationsstück: Eine Reihe von Frauen treffen sich in einer Schutz bietenden Bauernkommune ohne Männer. Sie zicken sich an, führen einander ihr Nichthineinpassen vor, tun sich schwer, erlernte Selbstverleugnungs- und Verdrängungsmechanismen abzuschütteln, die sich natürlich in wunderbarster komischer Energie entladen – da sorgen schon Top-Schauspielerinnen wie etwa Caroline Peters und Stefanie Reinsperger als dysfunktionales Mutter-Tochter-Paar für. Nach der Pause spiegeln die Männer, angeführt von einem von größter narzisstisch gewalttätiger Selbstverliebtheit in trotteligen Altmänner-Slapstick stürzenden Martin Wuttke, die Eingangsszene als Farce. Vorangegangen waren bald zwei Stunden mehr oder minder realistischer Übergriffs- und Missbrauchsszenen, zunächst weitgehend naturalistisch, später abstrakter, collagenhafter. Während Gewissheiten und die patriarchale Macht zusammenbrechen purzeln die Alpha-Männchen in ein Beckettsches Nirgendwo, zerfällt die Welt in ein Zwischenreich, in dem es kein Vor und klein Zurück gibt, kippt das Geschehen in den hohen Ton der Tragödie, bevor es als Slasher-Horror endet.

Bild: Thomas Aurin

So eklektisch und komplex die Formsprache daherzukommen versucht, so fragil und stets auf der Kippe sich die narrativen Techniken zu bewegen scheinen, so simpel bewegt sich das ganze auf der inhaltlichen Ebene. Frauen sind Opfer, Männer Täter. Erstere gefangen zwischen Unterwürfigkeit und Selbstverleugnung, letztere, brutal, machtbewusst, egoistisch und selbstverliebt.  Stone versammelt allerlei Stereotype – die unterwürfige Frau, die wegschauende Granden-Gattin, die sich verleugnende Karrierefrau, dazu den narzisstischen Größenwahnsinnigen, den arbeitslosen Schläger, den Familientyrannen, den passiv-aggressiven Weichei-Sohn. Ein Potpourri  aus der Mottenkisten irgendwo zwischen Boulevard und TV-Familiendrama. Die im Schlussteil genüsslich dekonstruiert und in ihrer Substanzfreiheit bloßgestellt werden – ohne sie zu hinterfragen oder ihre Gültigkeit wirklich zu widerlegen. Denn die Männer sind denn eben doch nur kleine Wichte mit allerlei plausiblen Erklärungen (Rollendruck, Arbeitslosigkeit, Ehrgeiz) und die Frauen mutieren zu Rachegöttinnen, statt ihren Platz als selbstbestimmte Individuen einzunehmen und einzufordern.

Dabei gelingen Stone und Ensemble durchaus starke Szenen: etwa jene, in der Peters‘ Figur eine Obdachlose (die, wie wir wissen, eine, nun ja, uneheliche Tochter ihres Mannes ist) wohltätig zu betreuen scheint, nur um sie sogleich dem Gatten als Prostituierte zuzuführen. Eine verstörende Miniatur geschlechterpolitischer Machtmechanismen, so überraschend wie entsetzlich. Immer wieder verleihen die Darsteller*innen ihren Szenen eine rohe Intensität – neben Reinsperger sind da vor allem Carina Zichner als besagte verlorene Tochter Kit und Constanze Becker als geschlagene Gattin Inge zu nennen – während andere auf dem Papier erschütternde Episoden, etwa der verzweifelt flehende Hilfeschrei von Kathrin Wehlischs Uli an den Bruder ihrer toten Frau (Aljoscha Stadelmann) als pure Behauptungen verpuffen. Zu lange bleibt das Spiel auf der nebelverhangenen leeren Bühne ginter der Glaswand, ein menschliches Terrarium in ihren Rollenvorgaben gefangener (Bühne: Bob Cousins) episodisch, anekdotisch, eine Abfolge exemplarischer Miniaturen, die alle den gleichen Punkt einhämmern und den Abend nicht von der Stelle kommen lassen. Das Stone seine eigene Komfortzone sucht, in dem er die „Geschichte“ als Familiendrama anlegt – das ist sein Spezialgebiet – macht es nicht besser.

Wenn der Abend sich schließlich aus seiner Wiederholungsschleife befreit, wird es auch nicht besser. Die Rachefantasie ist eine männliche, die Frauen bleiben auch in der Umkehr der Verhältnisse in ihren Strukturen zurück, ein radikaler Ausweg findet sich nicht und wird vielleicht auch nicht gesucht. Vor allem aber scheitert der Abend an all seinen Ansprüchen: Eine Auseinandersetzung mit der Tradition, mit den Vorlagen findet nicht statt, da sie schnell als Materialsammlungen verworfen werden. Die Welten kommen nicht zusammen, die Gegenwart erweist sich als viel zu selbstverliebt, um sich mit der Vergangenheit abzugeben. Auch deren Geschlechterverhältnisse bleiben seltsam unterbelichtet, Stone – in männlicher Unsicherheit? – zieht sich in Klischees zurück, wo es darum gehen müsste, diese zu durchbrechen und hinter sie zu blicken. Seine Antwort auf das Gut-Böse-Schema ist, dieses aufrecht zu erhalten, indem er es einfach umkehrt. Die Frauen werden gewalttätig, die Männer kindlich albern und damit erschreckend harmlos. Und auch die Selbstbefragung des Theaters bleibt reine Genrespielerei, die Hatz durch die Traditionen und Ausdrucksformen ratloser Selbstzweck. So bleibt am Ende eine zweifellos anstrengende Tour de Force, die rastlos durch ihre Themen hetzt, ohne einen Schritt weiterzukommen, die sich episodisch zersplittert, sich zurückzieht in allzu Bekanntes und Sicheres, die den Schwanz einzieht vor ihrem couragierten Anspruch. Und die sich ihrem Sujet gegenüber verhält wie die berühmten drei Affen. Da spiegelt sich nichts, stellen sich keine Fragen und müssen keine antworten gesucht werden. Sehr viel Lärm um sehr wenig. So groß und so unendlich klein.

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Ein Gedanke zu „Theater mit eingezogenem Schwanz

  1. […] nicht zutrauen, Emanzipationsgeschichten wirkungsvoll auf die Bühne zubringen. Sonst verbindet Simon Stones weitgehend autarke und sehr männliche Antiken-Namedropping und Christina Tscharyiskis Doppelpremiere wenig. Die junge Regisseurin verknüpft zwei […]

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