Test bestanden

Marta Górnicka: Grundgesetz. Ein chorischer Stresstest am Brandenburger Tor im Rahmen des Tages der Deutschen Einheit 2018, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Das Wort „Stresstest“ ist ein relativ neuer Eintrag im kollektiven Wörterbuch. Es trat in der Folge der Finanzkrise von 2008 ins öffentliche Bewusstsein und bezeichnete die intensive Überprüfung der Fähigkeit von Finanzinstituten, zukünftige Krisen zu überstehen. Einem solchen wollte das Gorki Theater nun auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unterziehen, ein Dokument, das zuletzt wohl stärker hinterfragt wurde als jemals zuvor in seiner Geschichte – mit der möglichen Ausnahme der Zeit um die deutsche Wiedervereinigung herum, als es starke Bestrebungen gab, das einst als Provisorium gedachte Dokument durch eine neue, gemeinsam erarbeitete deutsche Verfassung zu ersetzen. Es hat diese Herausforderung überstanden. Unbeschadet? Die polnische Regisseurin Marta Górnicka, die für ihre intensiven chorischen Arbeiten bekannt ist, nimmt sich das Büchlein mit seinen 202 Artikeln nun vor. Nicht irgendwann, sondern am Tag der deutschen Einheit. Und nicht irgendwo, sondern am Brandenburger Tor, Symbolort von Teilung und Mauerfall, derzeit teilweise bedeckt von einer Installation des Street-Art-Künstlers JR mit Bildern von 1989.

Bild: Sascha Krieger

Die 45-minütige Arbeit beginnt mit deutscher Leitkultur: Zwei Fanfarenzüge legen den feierlich konservativen Grundstein. 70 Jahre alt wird das Grundgesetz im kommenden Jahr, an seiner Substanz hat sich seitdem wenig geändert. ist es also so altmodisch wie die Willkommenstöne? 50 Menschen versammeln sich auf der Bühne – professionelle Schauspieler*innen und Laien, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Frauen, Männer, Alte, Junge, Menschen mit und ohne Behinderung, Menschen unterschiedlichster religiöser Anschauung und ethnischer Herkunft. Allein ihre Anwesenheit ist bereits ein „Stresstest“. Hält dieser alte Text eine solche Vielfalt aus? Ist er inklusiv genug? Wie stets dirigiert Górnika ihre Chöre live. Und sie entlockt ihnen ein gerüttelt maß an Aggressivität. Wie sie die Grundrechtsartikel herausbrüllen, den zahlreichen Zuschauer*innen – nicht wenige nichts ahnende Besucher*innen des Bürgerfests – an den Kopf knallen, hat nur eine Botschaft: Ja, diese Worte sind relevant, sie haben und heute noch etwas zu sagen. Szenenapplaus brandet auf, zum ersten Mal bei Artikel 16a („Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“), vielleicht am lautesten bei Artikel 20: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Es sind diese Momente, die in Erinnerung bleiben: Applaus für die Verfassung eines zunehmend zerrissenen Landes, für die Grundrechte, die immer mehr immer größeren Teilen unserer Gesellschaft abzusprechen suchen. Vielleicht braucht dieses Grundgesetz gar keinen Stresstest – vielleicht muss es nur öfter gelesen und gehört werden. Górnickas Arbeit ist dann am stärksten, wenn sie das Wort in den Mittelpunkt stellt, wenn sie den Chor kraftvoll diese 1949 zum Teil revolutionär erscheinenden S#ätze skandieren, wenn sie sie durch vielfältige Stimmen, helle, dunkle, geschulte, brüchige, solche mit und ohne Akzent, laufen lässt, wenn die Verfassungsartikel aufhören, Papier zu sein, wenn sie sich verformen, lebendig werden, konkret, allein durch die Stimme, die sie spricht. Wenn sie zu Forderungen werden, etwa der Ruf nach Gleichzeitigkeit. Oder zu Bekenntnissen: „Wir Deutschen!“ Wenn das Recht auf Freiheit des Glaubens von Mund zu Mund wandert und auch der Islam selbstverständlich dazugehört zu diesem Deutschland, zu diesem Grundgesetz.

„Patriotische Disko“ (Bild: Sascha Krieger)

Vielleicht ist die erstaunlichste Erkenntnis dieser wohl einmalig bleibenden Arbeit (auf der vergleichsweise kleinen Gorki-Bühne ließe sich das auch kaum reproduzieren), wie stark, wie aussagekräftig, wie relevant diese Worte noch heute sind. Wie viel sie von dem Land in sich tragen, für das die, die – hoffentlich zu Recht – behaupten, sie seien mehr, auf die Straße gehen, und das jene, die heute „Wir sind das Volk“ grölen sich so vehement distanzieren. Ein paar Meter entfernt von dem Ort, an dem heute eine offen rechtsextremistische Partei die größte Oppositionsfraktion stellt und an dem ihre ideologischen Vorgänger einst den deutschen Parlamentarismus abschafften, ist das ein starkes Zeichen: Das Land, welches das Grundgesetz zeichnet, ist ein vielfältiges, inklusives, Willkommen heißendes, die Verfassung kein totes Stück Papier, sondern eine Aufforderung, ein Anspruch, eine optimistische Vision.

Die, auch das verschweigt Górnicka nicht, unter Druck ist. Immer wieder bleibt der Text stecken, hängt sich an einzelnen Wörtern auf, wiederholt sie, dehnt und rhythmisiert sie, lässt sie an- und abschwellen. „Alle Deutschen“ wird zum wütenden Fanal, das „Wir“ in der Beschreibung der demokratischen Staatsform, erstirbt, das „Union“ im EU-Artikel steigt vielstimmig empor als dem Geleier einer längst vergessenen Vision. „Dem Frieden“, dem die Verfassung dienen solle, wandert vielstimmig durch die Reihen, die „Verantwortung vor den Menschen“ wird zum trotzig untergründigen Rhythmus, den Anspruch des Textes ambitioniert grundierend. Der Ruf nach Freiheit schwillt an, wie er es an dieser Stelle schon einmal tat, während das mannigfach wiederholte Wort „Würde“ den Takt angibt. Gruppen bilden sich, Menschen vereinzeln sich, treten dann hervor, um am Ende wieder die einheitliche Linie des Beginns zu bilden. Einheit aus der Vielfalt, Stärke aus der Unterschiedlichkeit. Lindy Larsson singt „Love will tear us apart“, Dusty Whistles „I’ve been looking for freedom“. Kleine ironische Gesten, andeutend, dass das hier Erzählte nicht sakrosankt ist, hinterfragbar bleibt, ja in Frage gestellt werden muss, damit es lebt und kein toter Buchstabensalat wird.

Ohne Zweifel: Marta Górnicka hat schon viel stärkere Abende abgeliefert, in denen das Wort zum Material wurde, zu Musik und Gewalt, Rhythmus und Melodie, Angriff und Bekenntnis. Und in denen der Chor zum lebendigen Organismus reifte, sich ballte und vereinzelte, Waffe wurde und Instrument der Selbstbehauptung, Kollektiv und Individuum. Bei Grundgesetz ist ihr Instrumentarium sehr eingeschränkt, der Auftritt weitgehend statisch. Hier spricht der Chor, aber er lebt nicht, transformiert sich nicht, wird nicht zu mehr als ein vielstimmiges Sprechwerkzeug. Die Choreografien sind minimal und wirken meist eher alibihaft, die Interaktion, die Górnickas Chöre sonst auszeichnet, findet nicht statt. Und der ärgerliche Schluss, in der sich das zuvor Verhaldelte im kollektiven Tanz einer „patriotischen Disko“ wohlfeil ironisch auflöst, wäre im Gorki auch kaum denkbar. Das ist sicher dem Ort geschuldet und dem Publikum, dem Wunsch, sich auch dem weniger interessierten Bürgerfest-Besucher zu öffnen. Aber auch dem Text, den Górnicka sprechen lassen und hörbar machen will. Hier, am historischen Ort, im öffentlichen Raum, ist dies eben doch viel mehr als Theater. Es ist die Rückeroberung eben dieses Raums durch ein lebendiges Dokument, das diesen Raum jeden Tag möglich macht und mit ihm dessen ständige Erweiterung, wie sie die Diversität auf dieser Bühne mehr als andeutet. Ein Dokument, das keinen Stresstest bestehen, sondern weiter dafür sorgen muss, dass dieser Raum bestehen bleibt. Ein Test, der täglich an seine Grenzen kommt. Und eine Mahnung an jene, die diesen Raum einschränken wollen.

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