No Future

Andreas Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein: Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Veiel)

Von Sascha Krieger

„Welche Zukunft?!“ So heißt nicht einfach nur ein Theaterabend, sondern gleich ein mehrjähriges Projekt, angestoßen von Regisseur und Dokumentarfilmer Andreas Veiel und Autorin Jutta Doberstein. Das sich Fragen widmet wie: Wohin geht die Reise unserer in letzter zeit so krisenfreudig erscheinenden Gesellschaft, was macht sie mit der Welt als ganzer und wie lässt sie die Katastrrophe, auf die wir vielleicht zusteuern, verhindern? Alles begann mit einem Dialog von Bürgern und Wissenschaftlern, das ein Zukunftsszenario für die kommenden zehn Jahre entwickelte, welches in einem Symposium weiter vertieft wurde. Der Theaterabend, Teil drei des 2010 endenden Projekts, blickt nun zurück. Es ist 2018, die EU ist zerfallen, Menschen tragen Chips, die eine rätselhafte Krankheit bekämpfen sollen und nebenbei all ihre Erinnerungen und Gedanken auslösen. Der Staat ist gescheitert und durch privatwirtschaftlich organisierte Gesellschaftsformen, in denen Shareholder die neuen Bürger sind, abgelöst. Siris und Alexas der übernächsten Generation organisieren das Leben, der wenigen, die über ein solches noch verfügen, während zu Hunderttausende Noprdeuropäer auf künstliche Inseln zu fliehen suchen, nur um beim Versuch abgeknallt zu werden. Eine Menge Dystopie, ein bisschen Science Fiction und ganz viel Pessimismus.

Bild: Arno Declair

Eine Widerstandsbewegung kidnappt vermeintlich Verantwortliche und unterzieht sie Befragungen: eine EU-Kommissarin, einen Gewerkschafter und Kämpfer für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, am Ende den Milliardär und Erschaffer marktwirtschaftlich organisierter neuer Gesellschaften. Parallel interviewt eine künstliche Intelligenz für das Archiv des nicht mehr existenten EU-Parlaments etwa den EZB-Chef. Auf der einen Seite militanter Aktivismus, auf der anderen tote Bürokratie. Eigentlich ein schönes Spannungsfeld. Und tatsächlich: Wer die fiktiven Biografien und die imaginierten Ereignisse der Jahre 2018 bis 2018 im Programmheft liest, bekommt dem Eindruck eines komplexen Gedankenexperiments über die  komplizierte Verstrickung von Verantwortlichkeiten, einem Gestrüpp vieler guter Vorsätze, die gemeinsam in die Katastrophe führen. Nur kommt davon auf der Bühne nur wenig an.

Die agierenden Figuren sind Karikaturen, plakative Abziehbilder, reduziert auf eine, meist nicht besonders attreaktive Grundeigenschaft: Da ist Frank Seppelers Milliardär Stefan Tarp, ein Stereotyp Silicon-Valley-hafter Hybrin, eine Art etwas sachlicherer Elon Musk; Jörg Poses EZB-Chef Frerich Konnst, ein schleimig trotziger Narzisst, selbstgerecht, verächtlich, engstrnig; Susanne-Marie Wrage als EU-Kommissarin Franca Roloeg – eine zur Pragmatikerin verkehrte Idealistin, resigniert, desillusioniert, sympathisch und schwach; Gewerkschafter Rosser, von Paul Grill als lernfähigere Version Roloegs angelegt, ähnlich ineffizient, aber weitsichtiger (ein Schelm, wer hier Sexismus verortet). Und schließlich die Kidnapper*innen: Kathleen Morgeneyer ist die Anführerin Yldune, verbohrt, extremistisch, unnachgiebig, selbstgerecht. Ihr zur Seite stehen Ex-Paketfahrer und jetzt Kidnapper Jürgen Huth als Comic Relief und Tochter Sina (Luise Hart) als Zukunftshoffnung, die vollkommen leer bleibt, weil dem dystopieverliebten autor*innen-Duo nichts Optimistisches einfällt. Und am Ende Oz, Yldunes rechte Hand, der, der alles möglich macht, ohne den sie nichts wäre, von Torsten Hierse gespielt als platter Comic-Bösewicht in schwarzer Kluft und gegeltem Haar. Ein Rächer, ein Manipulator, aber auch Träger eines Restgewissens. Hinter jeder prominenten Frau steht hier ein fähiger mann – nicht das einzige Problem dieses Abends.

Julia Kaschlinskis Bühne bietet Sci-Fi aus dem Anfänger-Baukasten. Eine leere Welt mit ein paar kalten Metallplattformen, eine angedeutete Folterkammer, dazu Matrixgrafiken, Kommentargewitter und KI-Roboter in 80er-Jahre-Grafik, eine Mischung aus Computer-Retro und Zukunftsvision Marke VHS-Kurs, der Boden salzbedeckt, Symbol für die vollständige Zerstörung der natürlichen Ressourcen. Dystopische Versatzstücke überall: die Angst vor der Social-Media-Diktatur (der Schauprozess ist ein Live-Stream mit anschließendem Follower-Urteil), Fremdbestimmung durch totale Überwachung, der Rückzug auf künstliche Habitate nach Zerstörung der Erde. Nichts funktioniert: Der Staat ist zu schwach oder zu ambitioniert, zu pragmatisch oder zu radikal. Der Markt als Heilsbringer sorgt nur für sich und die Revolution hat auch keine antworten. Es soll um Verantwortung gehen an diesem Abend: Wer trägt sie, wer über nimmt sie? Die plumpe Antwort: alle. Der Markt, der Staat, der Aktivismus. Alle sind engstirnig, selbstbezogen und, Kardinalsünde Nummer eins, ängstlich.

Das soll Grundlage für einen komplexen Diskurs sein, einer, der sagt: Jeder hat Schuld, doch keiner ist nur schuldig, niemand nur böse, gute Absichten pflastern den Weg in die Katastrophe. Das Ergebnis ist ein gegenteiliges: Ein platter Nihilismus, der alles Seiten die Möglichkeit zu Antworten abspricht, alle Intentionen und Ansätze gleichermaßen verwirft in einer Ansammlung, abgehalfterter Figuren, die alle vage Schatten von Bösewichtern sind. Keine Held*innen nirgends. am Ende soll die Tochter ausbrechen, einen Ausweg andeuten, einen neuen Pfad beistreten. Doch Doberstein und Veiel finden keinen für sie, nur ein billig plattes Voran. Wohin ist längst egal. Lange vorher lag Jürgen Huth einmal auf dem Rücken und sang mit brüchiger stimme Brechts „Lob des Kommunismus“. Ein sachter Erinnerungshauch aus einer zeit, in der sich Utopien noch denken ließen. Jetzt ist – so erzählt dieser Abend – alles düster, jeder Versuch zu retten unzulänglich und daher zum Scheitern verurteilt, die Frage „Welche Zukunft?!“ beantwortet mit: „Keine.“ Um hierhin zu kommen muss der Zuschauer 105 Minuten Frontalunterricht erdulden, fiktives Dokumentartheater, das seine Trockenheit mit Blut- und Inhaltsleere auffüllt und so aufregend daher kommt wie eine Tagesordnungsdebatte im Stadtrat. Doberstein und Veiel kommt an diesem Abend nicht nur die Zukunft abhanden, sondern auch das Theater. In zwei Jahren endet das Projekt mit einer Abschlusskonferenz. Vielleicht findet auch das keine Antworten, aber womöglich tauchen bis dahin die Fragen wieder auf?

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