Musik in 3D

Chefdirigent Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Debussy, Auerbach und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wenn Robin Ticciati eines gezeigt hat in seiner kurzen Amtszeit als Chefdirigent des DSO, dann, dass er in der Lage ist, wohldurchdachte und sinnige Konzertprogramme zusammenzustellen. Das ist auch beim zweiten Konzert seiner zweiten Spielzeit nicht anders. Es ist ein Blick zurück auf einen Wendepunkt der Musik, mit dem Augen der Gegenwart. Nur gut zehn Jahre sind sie auseinander, die Werke, die den Abend rahmen: Doch während Anton Bruckners siebte Symphonie ein Höhepunkt der Spätromantik ist, Kulminationspunkt der symphonischen Entwicklung seit Haydn und zugleich der Ort, an dem der Wagnerismus endgültig mit der symphonischen Traditionslinie zusammenfließt, gilt Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune als ein Stück, das die Tore zur Moderne weit aufstieß. Dazwischen steht, praktisch als Standpunkt des Abends, ein sehr heutiges Werk: die deutsche Erstaufführung von Lera Auerbachs viertem Klavierkonzert, uraufgeführt im vorjahr vom New York Philharmonic Orchestra mit Widmungsträger Leonid Kavakos als Solisten, der das Werk auch hier in der Philharmonie interpretiert. Und der Blick aus dem Hier und Jetzt, aus der konkreten Realität der Gegenwart, ist in jedem Moment des Abends zu spüren. Keine Verklärung, keine Mystifizierung, kein ehrfurchtsvoller, distanzierter Blick. Ticciati wuchtet die Werke auf diese Bretter, stellt sie in diesen Raum und betrachtet sie mit den wachen Augen eines Künstlers, der die gut 100 Jahre Musikgeschichte, die seitdem vergangen sind, mit im Gepäck hat.

Robin Ticciati mit dem DSO (Bild: Kai Bienert)

Und so überrascht vor allem Debussys bukolisch-symbolistisches Traumspiel zu Beginn durch seine Körperlichkeit. Es scheint, als würde der bocksbeinige Geselle erst ganz am Ende in die Traumwelt abdriften, als wäre er zuvor hellwach. Plastisch fokussiert Ticciati die eklektische Episodenhaftigkeit des Materials, statt wie viele Dirigenten auf die Stimmung zu setzen und die vorhandenen Kontraste eher zusammenfließen zu lassen. Ticciati dagegen stellt die Ausdrucksmodi und klangfarben frei, lässt sie in Dialog treten, zieht klare Trennlinien, akzentuiert die Wechsel zwischen den musikalischen Sphären und arbeitet fein die Farbverschiebungen, die Aufhellungen und Verdunkelungen des Materials, heraus, etwa wenn eine Melodie von den Holzbläsern zu den Streichern und wieder zurückwandert. Es ist ein lebenshungriger und lebenssatter Tagtraum, den Ticciati hörbar macht, einer mit Ecken und Kanten, der sich – und auch das ist ein wiederkehrendes Motiv bei Ticciati – den der Gesang gebiert. Das Singen ist der Kern des Musikalischen bei Ticciati. Dieser Faun singt sich die Welt herbei, nicht traumverloren, sondern im gleißenden Sonnenlicht.

Hier findet der Dirigent auch den Anknüpfungspunkt zu Bruckners Siebter. Auch hier lässt er sein Orchester singen. Mit höchster transparenz steigt es hinein in das mehr als einstündige Riesenwerk und findet schon im Kopfsatz einen ganzen musikalischen Kosmos. Jede thematische Linie stellt es in maximaler Klarheit aus, ohne den Zusammenhang zum Vorangegangenen und Folgenden aus den Augen zu verlieren.  Nach dem satten, erdigen, fest auf dem Boden stehenden Gesang der Celli zu Beginn, wandert das DSO durch die Farbenpracht einer Welt, die alles beinhaltet: die großen Gesten und expansiven Kraftentladungen im mächtigen Orchesterapparat wie die innigen Miniaturen, die zart lyrischen Weisen, das Größte wie das Kleinste. Von großer Körperlichkeit ist der Klang des hochpräzise wie leidenschaftlich aufspielenden Orchesters auch hier. Wo oft der Bezug zum Tod Richard Wagners im Mittelpunkt steht und das Werk eine elegische, eine klagende Färbung erhält, ist der Klagegesang hier nur ein Ausdruck von vielen. durchmisst schon der erste Satz ein wahrhaft universelles musikalisches Spektrum.

Diese Musik ist keine gestrige, keine Abschiedsgeste, kein Klagelied über etwas Verschwindendes. Sie ist lebensbejahend, die menschliche Existenz in all ihren Schattierungen akzeptierend und einschließend. Sie wird nicht beleuchtet, sondern leuchtet aus ihrem Inneren, aus einem unerschöpflichen Ozean rhythmischer, melodischer und Bewegungsenergie. Die Musiker*innen scheinen stets an der Stuhlkante zu agieren, sind immer hellwach und zum Zerreißen gespannt. Auch im Adagio. Extrem satt, voluminös und erdig auch hier der Beginn, doch fließt hier nichts ins Jenseits, sondern bäumt sich das Diesseitige auf, affirmativ, ein Lebensgesang emporstrebend aus der Totenklage. Wellenbewegungen dominieren das Geschehen: organische Übergänge zwischen Hell und Dunkel, expansiver Kraftentladung und lyrischer Initimität, zwischen klanglicher Zusammenballung und räumlicher Öffnung hin zu einzelnen Stimmen, differenzierten Farben, fragmentiertem Gesang. Immer in Bewegung, mal im Hintergrund, mal im ganzen Orchester. Das Blech strahlt, das Holz singt in hellsten Höhen, die Streicher fließen und tanzen und lassen das ganze erleuchten. kein elegischer Erinnerungsfluss, sondern pulsierendes, den Tod umarmendes Leben.

Licht auch die beiden Schlusssätze. Bewegt und vielfarbig, vielgesichtig das Scherzo, ein munteres Hin und Her aus voraneilendem Druck und tänzerischem Innehalten, aus dunkel grundierter Kraft und lichter klanglicher Weite und Offenheit. Das natürliche Werden und Verwandeln schwappt dann auch ins Finale über, das die kosmische Allumfassung des ersten Satzes aufnimmt und doch wie dieser beide Füße auf dem Boden behält. Wird hier das Universum vermessen, dann mit klarem Blick und festen Stand im Hier und Jetzt. Feierlichkeit und Freude, Ernst und Übermut wandeln Hand in Hand in einer musikalischen Lebensfeier, einer Affirmation der Vielfalt, einem strahlenden Mikrokosmos des Universellen als konkrete Offenbarung im Indivuduellen. Ungeheuer die Bewegungsenergie die Ticciati am Schluss entfesselt. Diese Musik blick nicht zurück in Mitleid oder Zorn – sie wendet den Blick in die Zukunft. Von fern vermeint man die Flöte des Fauns zu hören und vielleicht sogar die Geige des Leonidas Kavakos.

Auerbachs NYx: Fractured Dreams betiteltes Konzert in ein Nachtstück, ein gegenwärtiges urbanes. Schon der Titel spielt mit dem Namen der griechischen Nachtgöttin Nyx und Auerbachs New Yorker Wahlheimat. 13 Träume durchmisst das halbstündige Werk, das Kavakos, der sonst so oft im glänzend virtuosen Schönklang verharrt, all seine Wandlungsfähigkeit abverlangt. Wohl kein*e andere*r lässt derzeit wohl dieses Instrument so klar und innig singen wie der Grieche, doch er beherrscht auch die raue Rhythmik und die fahle Entfärbung seiner Stradivari. Sehr unterschiedlich sind die 13 (T)Räume, durch die das Werk wandelt und auch innerhalb  der einzelnen Abschnitte finden sich zahlreiche Kontraste, Umschwünge, Stimmungswechsel. Kavakos führt das Orchester traumsicher in lichte Orte, die sich plötzlich verdunkeln, romantische Weisen, die sich gespenstisch ins Fahle kippen, sich dissonant verzerren, um wieder an ihrem fragilen Ausgangspunkt anzukommen. Diese Traumwelt ist eine immer und in jedem Moment auf der Kippe befindliche – und nie eindeutige. Ticciati betont die Korrespondenzen, die Verdopplungen, die Echos.

Atemberaubend das mal symbiotische, mal dialogische Zusammenspiel von Soloinstrument und der von Katharina Micada gespielten Singenden Säge. Die Violine erzählt, singt, trommelt, vergeht und löst sich auf, das Orchester rast und klagt, es bricht und erblüht, es weitet und schärft sich, reduziert und expandiert. Der Debussysche Aufbruch, der Brucknersche Kosmos – sie sind hier alle präsent, bruchstückhaft, kaum wieder zu erkennen, aber erfüllt vom gleichen inneren Leuchten, dem gleichen Strahlen, geboren aus der Musik. Deren lebendige Kraft, deren Fähigkeit zur Wandlung, deren Macht, alles zu sein und erklingen lassen zu können, im Zentrum dieses wahrhaft allumfassenden und zugleich so greifbaren, plastischen , konkreten Abends steht. Robin Ticciati feiert die Musik und lässt sie in all ihren Facetten erblühen. Er holt sie aus der Distanz und stellt sie auf ihre Füße, gibt ihr einen Körper, konkret, vielgestaltig, dreidimensional. Kein abschied, ein Anfang, ein Versprechen, ein Akt der Hoffnung.

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Ein Gedanke zu „Musik in 3D

  1. Schlatz sagt:

    Chapeau. Sehr schön rezensiert.

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