Im Anfang war die Currywurst

Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges: Die Parallelwelt. Eine Simultanaufführung, Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Das vielleicht Wichtigste zuerst: Es hat alles geklappt. Die Glasfaserleitung zwischen Berlin und Dortmund stand, die Simultanübertragung in beide Richtungen funktioniert, die bildlichen Verzögerungen blieben im akzeptablen Rahmen. Die großangekündigte Weltpremiere, eine Simultanaufführung an zwei Theatern, über 400 Kilometer von einander entfernt, fand statt und endete nach zwei Stunden in beidseitigem großen Jubel. Die Erweiterung des Theaterraums, die den Macher*innen um Regisseur Kay Vogels vorschwebte, ist erfolgt, der virtuell-reale Theaterort erstmals bespielt. Bald wird die Frage des „Was nun?“ folgen, doch zunächst ist eine andere zu klären: „Was war?“ Oder auch: „War was?“ Letztere lässt sich emphatisch bejahen und das ist schon eine gute Nachricht. Denn bei einer Arbeit, bei welcher der Fokus so sehr auf der Einzigartigkeit des Projekts lag und die, Aussagen Voges‘ zufolge, ihren Ursprung in der Raumidee hatte und sich erst danach über Inhalte Gedanken machte, bestand die Gefahr, dass sie künstlerisch wenig substanziell ausfallen könnte. Nach der doppelten Premiere ist klar: Zu wenig Substanz ist ihr Problem nicht.

Bild: Birgit Hupfeld

Die Grundidee des Abends ist eine, die uns Bewohnern einer zunehmend digitalen Welt nicht unbekannt ist: Das Verschwinden der Abstände, die Möglichkeit, überall gleichzeitig zu sein. Eine Idee, die in der Physik seit fast einem Jahrhundert Wellen (Wortspiel intendiert) schlägt. Die Aufhebung der Eindeutigkeit von Raum und Zeit, die Infragestellung der Einzigartigkeit von Wirklichkeit, die zwischen Einstein und den Entwicklern der Quantentheorie entstand, führten zu einer radikalen Umkehrung des Denkens über Realität und Universum, über Leben und Existenz, die bis heute mit der über Jahrhunderte antrainierten, von Newton festgeschriebenen Theorie der Definierbarkeit von Wirklichkeit ringt. Wie so oft bei Voges ist auch dieser Abend eine Collage verschiendenster Theorie-, Vorstellungs- und Gedankenfetzen, zusammengesetzt zu einem Mosaik, dessen Bild mal klar, mal vollkommen verwirrt erscheint. Es geht um nichts weniger als: alles. Wenn es so etwas wie einen Handlungsbogen gibt, dann ist es ein individueller Lebensweg: der eines Mannes namens Fred von der Geburt zum Tod. Dazwischen: Kindheit, junge Liebe, Hochzeit, Beziehungskrise, Alter. Zwi Realitäten gibt es, in denen Fred existiert: In Berlin verläuft sein Leben chronologisch, in Dortmund umgekehrt.

So beginnt der Abend mit dem Anfang und dem Ende: Der Berliner Fred wird geboren, der Dortmunder stirbt. Parallel laufen die Szenen ab, der Schmerz der wehen spiegelt sich im letzten Aufbäumen des Sterbenden. Unten, „real“ die Szene des jeweiligen Universums, darüber auf einer geteilten Videowand, beide Szenen nebeneinander. Anfang und ende. Oder zwei alternative Anfänge? Daniel Roskamp hat eine neutral weißes Holzhausintérieur geschaffen. Zwei Zimmer, die alles sein können – Kreissaal, Hospiz, Hochzeitssaal, Wohnzimmer, sind dem Publikum sichtbar, der Rest nur per Videokamera einsehbar. Nein, falsch: Er hat zwei solcher Raumgebilde geschaffen. Identisch und 400 Kilometer entfernt. zwei gleiche Welten, die doch vollkommen anders sind. Unterbrochen von Intermezzi, in der eine von Co-Autorin Eva Verena Müller verkörperte Fantasiefigur namens Samiel auftritt, eine Art mythisch physikalischer Weltgeist oder verdoppelte Wissenschaftler dialogisch (!) Theorien vom Universum entwickeln – eine Aristotelische, später die von den Quanten – besteht der Abend aus sieben Bildern, die in einer langen zentralen Hochzeitsszene zwischen den beiden Freds und „ihren“ Stellas gipfeln.

Bild: Birgit Hupfeld

Liefen bis dahin die Geschehnisse unabhängig voneinander und parallel, gab es nur kurze Irritationen, in denen etwa Kind und alter mann einander von fern zu begegnen glaubten (Fenster spielen eine wichtige Rolle), krachen nun die beiden Wirklichkeiten aufeinander. In einer mäandernden Szenenfolge versuchen die beiden Hochzeitsgesellschaften damit klar zu kommen, dass es sie womöglich unendlich viele Male geben könnten. Das ist hochkomisch erschreckend und erschütternd witzig, eine besoffene Diskursplonäse über die Realität der Wirklichkeit, Vorder- und Hintergründe, die Möglichkeit, Raum und zeit zu überwinden. Man streitet, wer realer sein, verzweifelt, trotzt und versucht sich seiner Einzigartigkeit zu vergewissern, auch über eine sehr smarte Szene in den beiden Zuschauerräumen. Der Ort Theater wird thematisiert, die Rolle der Schauspielerin in Frage gestellt. Wenn alles anders sein kann und ist, jede Möglichket irgendwo real ist, wozu dann die Erschaffung alternativer Welten auf der Bühne. Frage, die gewälzt werden, verpuffen, aufgehen im kosmischen Gewirr. Am Ende stehen Oliver Kraushaar und Andreas Beck allein auf ihren Bühnen und wünschen sich auf die jeweils andere. Könnte es nicht möglich sein, dorthin zu gelangen, um etwa eine Currywurst bei Konnopke zu essen oder jene von Grönemeyer besungene in Bochum? Und liegt hier, in der Wurst, mit oder ohne Darm, vielleicht der Schlüssel zum Universum?

Die Hochzeitspassage verändert den Ton des Abends grundlegend. Zuvor war er geprägt von expressiven, leicht surrealistisch verschobenen realistischen Bildern, taumelnd auf einer See aus dem Off eingesprochener Texte über Existenz, Wirklichkeit und Unfassbarkeit des Universums, zum Teil Abwandlungen alttestamentarischer Texte, wabernd über schwebend mystischen Klängen und kosmischen Bildern des Fließens, eine Erzählung des Kleinen im Großen und umgekehrt. Das erinnert stark an die späten Filme Terrence Malicks, an seine Meditationen über die universellen Zusammenhänge, in denen das individuelle zu winzig, verloren, hilflos erscheint. Stark das dritte Bild: die präzise gegenüber- und Gleichstellung jugendlicher Verliebtheit und der Grausamkeit, gespeist aus frustrierter Lebenshoffnung und dem Miteinander einer langen, vermutlich mit Geheimnissen gespickten Ehe. Hier triumphiert das Universelle und berührt das Einzelne. Auch und gerade, weil die Gewissheit, dass es ein Einzelne ist, längst zerstoben ist. Hier fallen Raum und Zeit in eins, ist das Ersterben der Liebe Zukunftsvision wie Alternative, letzteres die Möglichkeit enthalten, es könne alles anders kommen.

Das passiert denn auch in Bild 5, der Spiegelszene des dritten Bildes, in der die beiden Paare andere Entscheidungen treffen, bessere vielleicht. Oder auch nicht. Denn die Erzählung kippt. Die Szenen rutschen ineinander und in ein Universum literarischer Parallelwelten. Aus Malick wird Lynch: verzerrte Wirklichkeitsräume zwischen Surrealismus und Albtraum, Einbrüche alternativer Realitäten, Störfeuer in Zeit und Raum. Die Texte stammen von Heiner Müller und Samuel Beckett, von Elfriede Jelinek, W.G. Sebald und André Breton. Die konkreten Schicksale verheddern sich in der Wirrnis der Möglichkeiten. Wo alles denk-, vorstell- und lebbar ist, ist alles vielleicht auch beliebig, unwichtig, egal? Die vorsischtig optimistische, von wissenschaftlicher Neugier durchtränke Vision wird zum Albtraum, jener das Spiegelbild ersterer. Hoffnung und Schrecken, Freude und Verzweiflung – wo die Gleichzeitigkeit herrscht, wird alles ein. Und so endet der Abend als Schreckensvision und Hoffnungsschimmer, kommen die zwei Freds, eine sterbende und ein Greisenbaby zusammen in einer unbekannten Sprache. Kein Ende mit Anfang, sondern beides. Immer. Ist Die Parallelwelt ein ungetrübter Triumph? Nein. Zu geschwätzig ist sie, zu sehr wiederholt sie die immer gleichen Ideen, zu eindeutig sagt sie, was und wohin genau sie will, zu viele lose Ende bleiben, zu sehr kokettiert der Abend mit seiner Belesenheit. Und doch gehören auch die Fehler dazu, sind sie Abbiegungen im verzweigten Universum, Sackgassen, zukünftig (wenn es so etwas gibt) zu vermeidend. Der Abend ist eine Suche, verirrt sich zu weilen, will oft zu viel, über- und unterfordert zu gleicht. Und sprengt dabei den Theaterraum auf nie zuvor gesehene weise. Auf geht’s! Hinein! Lasst uns spielen!

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Ein Gedanke zu „Im Anfang war die Currywurst

  1. […] der Zuschauer beim Weg zu seinem Platz an die letzte große Premiere am Berliner Ensemble erinnert, Kay Voges‘ Die Parallelwelt. Wie dort schaut er zunächst in einen Zuschauerraum. Doch wo Voges den Theaterraum weitete und […]

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