Alte Geister

Nach Thomas Bernhard: Alte Meister, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Herr Reger ist ein typischer Thomas-Bernhard-Charakter: ein grantelnder alter Mann, der alles hasst – die Menschheit, die Kunst, das Leben. Bruckner, Mahler, Stifter: alles Müll. Und selbst die alten Meister sind alles andere als fehlerfrei. Stundenlang sitzt er vor einem Tintoretto im Kunsthistorischen Museum Wien und kann sich mindestens ebenso lange darüber aufregen, welche Fehler der Meister alle gemacht hätte. Er verabscheut Spaziergänge und geht spazieren, er hasst Museen und verbringt sein Leben in einem. Er lehnt jegliches Bewundern ab und bewundert: die Unvollkommenheit, die Offenheit, das, was ihm und seinem Leben fehlt. Denn dieser Reger ist ein Verlorener und ein Verlierer, denn er ist verloren, weil er verloren hat. Seine Frau, die er einst auf dieser Museumsbank kennenlernte. Und die fehlt. Jede Sekunde. So kommt er immer wieder hierher, spricht mit dem Museumswächster Irrsigler, ein stets vergeblicher Kampf gegen die Einsamkeit, der selbige nur noch zementiert. Der sanfte Schweizer Thom Luz hat sich für seinen knapp 75-minütigen neuen Berliner Abend von dem Roman des garstigen Österreicher inspirieren lassen. Luz wird oft mit Christoph Marthaler verglichen ob seiner stillen, elegischen, hochmusikalischen und melancholischen Arbeiten, die meist meditativ daherkommen, wenig gesprächig, eine theatrale Wahrheit hinter Handlung und Dialog und Geschichte suchend. Es sind Reflexionen über das Verschwinden, Wiede3rauftauchen und erneut Verschwinden. Geisterspiele.

Bild: Arno Declair

Auch diesmal. Auf einer Bank vor einer zunächst weißen Fläche sitzt – eine alte Frau. Neben ihr ein massiver Abdruck eines Gesäßes. Es ist die verlorene, die gegangene Gattin Regers, wie wir später zu erahnen beginnen. Auch ihr Mann ist längst gegangen, hat nur noch seinen wortwörtlichen Eindruck hinterlassen. Ist es ihr Geist, der den Ort des Glücksversprechens nicht loslässt? Eine imaginierte Erinnerung eines längst verschwundenen Ortes? Oder eine Umkehrung des Wirklichen, in der ihr Geist den vermeintlich Einsamen begleitet, doch wir sehen nur die Gespensterwelt, die „wirkliche“ bleibt unsichtbar? Durch Händeklatschen dirigiert die Frau, gespielt von der 88-jährigen Katharina Matz, die einst, in den 1950er Jahren, an diesem Hause spielte, bevor sie nach Hamburg ging. Und nun zurückgekehrt ist, wie ein Geist, eine Erinnerung, ein Vermächtnis. Die weiße Wand entpuppt sich als semitransparennter Vorhang, hinter dem d´sich ein ebenso gespentisch weißer und leerer Museumsraum Stück für Stüchk herausschält (Bühne: Thom Luz und Wolfgang Menardi). Wie vage Erinnerungen treten die verdreifachten Irrsiglers (Menardi, Camill Jammal, Christoph Franken) hervor, blicken hinein in die andere Welt, doch nahe kann man sich nicht kommen – wenn Matz es versucht, schrillt Daniele Pintaudi am Klavier den Alarm.

Frau Reger beschwört herauf, die Geister einer Vergangenheit, in der sie schon nur noch als abwesend vorkam. So lässt sie die Irrsiglers bruchstückhaft Passagen aus dem Roman aufsagen, wiederholen variieren, mitunter durchs Mueseumslautsprechersystem, rezitiert selbst Textteile, versucht durch die textliche Beschwörung eine Nähe und Gegenwart zu erzeugen, die längst unmöglich geworden sind und es vielleicht immer schon waren. Die drei Erinnerungswächster ergehen sich in allerlei Stummfilm-Slapstick, wie Automaten der Erinnerung, Puppen der Einbildung, keine Mitstreiter, Weggefährten, Durchbrecher der Winsamkeit. Und doch sind sie real, für die gespenstisch Schwelgende, die lange Gegangene, Mitgeister, wenngleich auch nur in der Fantasie. Wie sie einst (oder jetzt gerade?) Herrn Reger halfen, eine Nähe zu simulieren, Erinnerungen aufrecht zu erhalten, die längst entschwunden waren, bilden sie jetzt die Brücke zum Verlorenen, der ein Verlirender war. Am Ende kommen die Irrsiglers vor den Vorhang, in ihre Realität. Doch sie kann den Raum nicht teilen und geht in den leeren Saal. ganz nah bei Vergangenheit und Verbundenheit und doch so weit entfernt.

Das sollte den Zuschauer zart berühren – und tut es doch viel zu selten. Denn der Abend hat ein gravierendes Problem: Thomas Bernhard. Dessend grantelig misathroper Tonfall, dessen mauliges Dauergejammer will nicht so passen zur melancholosch-elegisch-intimen Erinnerungsmeditation des Thom Luz. Überraschend geschwätzig gerät dieser Abend denn auch und ständig zwischen Dur und Moll streitend. Das Slapstickgeplapper der Irrsiglers nähert sich Bernhard an, während die still relektierende Betrachtung der Frau Reger purer Thom Luz bleibt. Doch zusammenkommen wollen – oder können – die zwei narrativen Königskinder nicht. Zu oft wirken die neckisch absurden Choreografien, irgendwo zwischen Beckett, Surrealismus und Puppenspiel, wie ein Selbstzweck, wie mäßig komischer Unterhaltungsapparat, ein Intermezzo in einer halb erinnerten Revue. Deren Zuschauer jedoch nur wir sind, nicht die vermeintliche Geisterbeschwörerin. Da entfliegt der Text, vergisst das Publikum die Szenerie, sieht Miniaturen, die sich vom Raum, vom Kontext emazipiert haben.

Kasperletheater über Thomas Bernhards Text. Denn dieser passt nicht hinein in eine Geisterbeschwörung, in ein meditatives Erinnern. Er sträubt sich, zetert dagegen an, lässt sich nicht vereinnahmen. Und Thom Luz findet keinen Weg, die Spannung produktiv zu gestalten, in dem Mittelpunkt seines Abends zu rücken. Dabei gibt der Autor dem Regisseur Vorlagen: Seine tiraden über und gegen die Kunst, auch und nicht zuletzt das Theater könnten den gemeinsamen Grund bilden, auf dem sich beider so unterschiedliche Blicke begegnen. Doch Luz findet ihn nicht. Und so verzwergen kunsthistorischen Anfälle zu lustig groteske Albernheiten eines alten Nörglern, reduziert sich die Theaterhassliebe Regers – er verabscheut das Burgtheater und lädt doch einen seiner Gesprächspartner dorthin ein, um nicht allein zu bleiben – zur bloßen Schlusspointe: „Die Vorstellung war entsetzlich!“ Natürlich ist es diese nicht, aber sie verfliegt wie der kurz einsetzende Bühnennebel. Thom Luz will in eine Richtung, Bernhard in eine Andere. Am Ende bleiben keine Fragen offen, denn es wurden keine gestellt.

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