Die Kunst, nein zu sagen

Yael Ronen & Ensemble: Yes but No, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Auf geht’s: Spielzeit Nummer sechs der Ära Langhoff/Hillje am Maxim Gorki Theater. Und was hat das in zwei der fünf Jahre zum Theater des Jahres gewählte Haus schon alles an gesellschaftlich relevanten Themen abgearbeitet. Orit Nahmias zählt sie auf: von Homphobie bis Rassismus, von der Verfolgung der Roma und Sinti bis Balkankonflikt, von Antisemitismus bis geflüchtete Menschen. Afrika sei noch nicht dran gewesen, wirft Taner Şahintürk ein, Asien auch nicht und Lateinamerika. Stoff für drei weitere Spielzeiten also, antwortet Nahmias. Der Eröffnungsabend der neuen Spielzeit am großen Haus beginnt mit einer Beruhigung: Wie gehen nicht so schnell wieder weg. Die nicht lang dauert, denn es geht um ein Thema, das Chemnitz, Maaßen und Co. erfolgreich verdrängt zu haben schienen: #MeToo, der Hashtag und die Bewegung, welche die Alltäglichkeit systemischer sexualisierter Gewalt, Belästigung und Unterdrückung vor allem (wenn auch nicht nur) gegenüber Frauen in den Blickpunkt rückte. Die überall auf der Welt erdebenartig durch die Gesellschaft zuckte und so manchen prominenten Täter entlarvte. Außer in Deutschland: Nach vielen tausend Tweets und Geschichten, gibt es aus kaum prominente Namen und nur sehr zaghafte Auswirkungen. Die Strukturen, die männlichen Machtmissbrauch befördern, wurden nicht erschüttert – auch und gerade am Theater nicht.

Bild: Esra Rotthoff

Da ist es von einiger Ambivalenz, wenn Şahintürk über einen „berühmten Volksbühnen-Regisseur“ spricht, dessen erniedrigenden und übergriffige „Methoden“ gegenüber Kolleginnen der damalige Schauspielschüler miterleben musste und die er in allen widerlichen Details beschreibt und nachspielt. Zunächst fällt der Name nicht, später spricht er ihn auf Nachfrage aus (es ist Johann Kresnik). Worauf sich gleich ein Streit entspinnt zwischen ihm und Svenja Liesau über die Sinnhaftigkeit der Namensnennung. Müssen die Täter bloßgestellt, ihnen ein Gesicht gegeben werden oder verstellt das nur den Blick auf die wichtigen, die strukturellen Fragen, wenn man das problem als das einiger individueller Perverser abtun kann. Es sind solche Fragen, die Yael Ronens neuer Abend Yes but No stellt, und er tut das auf eine Weise, die in ihrer Unschärfe in ihrer Unentschiedenheit, in ihrem Wandeln am Abgrund, packt, verstört und verunsichert.

Denn alles beginnt so harmlos auf dem mit Sechsecken ornamentierten Boden und ebensolcher Sitzgruppe (Bühne: Magda Willi), die an die 1970er-Jahre erinnern, eine Zeit, in der die männliche Lust an er Macht und allem anderen noch ungezügelt schien und der Widerspruch noch leise und vereinzelt war. Doch wenn es um Sexualität geht, ist nichts einfach und ungefährlich. Schnell kippen die unschuldigen und ungeheuer amüsanten Geschichten über kindliche Körperspiele und adoleszente Masturbationsexzesse ins Graue, werden erste sexuelle Erfahrungen zu übergriffigen und zuweilen klar missbräuchlichen Machtdemostrationen, verliert die Familie wie alle anderen Institutionen (Kirche, Schule) ihre Funktion als Schutzraum, wir aus einvernehmlichem Sex, Belästigung, Nötigung, Vergewaltigung. Der Abend spart nicht mit drastischen Geschichten, die sich wie stets bei Ronen im Spannungsfeld von Autobiografie und Fiktion ansiedeln, aufgeladen mit der Unsicherheit: Was davon ist dem, der es erzählt, wirklich passiert, was „nur“ anderen, was ist erfunden und doch millionenfache Realität? Es ist keine Komfortzone, in der sich diese Fragen stellen, sondern eine Realität, in der Sexualität Macht- und Gewaltmittel ist, bis heute und weitgehend ungebrochen.

Eines, das sich am wohlsten in der Grauzone fühlt, dort, wo die Grenze zum Strafbaren noch nicht überschritten ist, dort, wo so mancher argumentieren würde, es handle sich gar nicht um sexuelle Übergriffigkeit. So etwa beim älteren Freund, der dem Mädchen Vorwürfe macht, weil sie ihm nicht vorher gesagt habe, dass sie keinen Sex wolle und das deshalb in orale Befriedigung einwilligt. Oder eben bei besagter Regisseurs-Episode, wo es sich eben „nur“ um eine besonders drastische Arbeitsmethode handelte. Oder nicht? Es ist dieser Graubereich, in dem etwas sexuelle belästigung sein kann und es zugleich nicht ist, in der Zone zwischen Ja und Nein, der des Vielleicht, das dem Raum öffnet für die Akzeptanz fast allen übergriffigen Verhaltens. Es ist der Raum, in dem die Tür weit offensteht, die direkt zu Harvey Weinstein führt. Ein Raum, definiert von Jahrhunderten der Erziehung, wie Riah May Knight später vor- und ausführt. Eine Erziehung, die das Nein verteufelt hat und der Frau die Freiheit absprach, volle Kontrolle über das zu übernehmen, was sie will und eben auch nicht will.

Und die direkt dorthin führt, was im Englischen den Begriff „rape culture“ hat. Hier setzt der Abend an: bei der Frage, ob und wie aus besagter „rape culture“ eine „culture of consent werden könne, aus dem schrecken und Leid eine optimistische Vision. Eine „Diskussion mit Songs“ nennt Ronen ihre Arbeit. Ein musikalisches Geschichtenzählen ist es zunächst. Man berichtet, beichtet, offenbart, hört zu, argumentiert. Und kommt nicht so recht weiter. Also dreht sich das ganze langsam aber sicher in Richtung Musical: Bewegend singt Lindy Larsson von Missbrauchserinnerungen, die auszusprechen ihm nicht möglich ist, findet Liesau ihre Stimme über ein Duett mit Larsson, nachdem sie zuvor, initiiert von pochend düsteren Klängen ihren Schmerz non-verbal herauslassen und sich öffnen konnte für eine Tirade gegen das „Männer-benehmen-scih-wie-Arschlöcher-System“. Später wird Knight zwischen Blues & R&B ihre Fähigkeit, nein zu sagen, entdecken und in einer überaus witzigen Musical-Nummer das Thema Einverständnis durch Ausarbeitung einer „Einverständniserklärung“ mit dem sex-Partner auf die verdiente Spitze treiben.

Die Kunst, das Theater, vor allem aber die Musik, sind der Ort, an dem Unsagbares sagbar und damit veränderbar wird. Es braucht die Show-Elemente, den Slapstick, die Comedy, die künstliche Realität des Musicals – mit den fantastischen Songs von Yaniv Fridel, Shlomi Shaban und Ofer Shabi – die abstrahierende Ästhetisierung und Distanzierung der über der Bühne projizierten Videos (Hannah Slak), es braucht die Kunst, um zurückzutreten, hinter dem Individuellen das Systemische, hinter dem Perversen das kalkulierte und hinter dem Unumstößlichen das Veränderbare zu finden. Denn darum geht es dem ebenso komischen wie erschüüternden Abend. Sekundenschnell kippt er vom Harmlosen ins Furchtbare, vom Hellsten ins Dunkelste, sucht die Unschärfe und reproduziert sie, als Voraussetzung für ihre Überwindung. Die das eigentliche Ziel ist: augenzwinkernd Anregungen zu geben zu einer Kultur des Einvernehmens, eines neuen Zusammenlebens.

Da ist es nur logisch, dass das Publikum irgendwann in den Fokus rückt. Zunächst als Zeugen des Problems. Die Vielzahl von Händen, die in einer Publikumsbefragung etwa bei der frage nach eigenen Missbrauchserfahrungen hochgehen, gehört zum Erschreckendsten des Abends. Hier fällt die Kunst krachend hinein in die Wirklichkeit, ein wahrhafter, sich selbst infrage stellender, unmittelbar angreifender Theatermoment. Der nicht unerwidert bleiben darf. Und so werden die Zuschauer noch nu Mitwirkenden des Gegenentwurfs, schließt sich an die knapp anderthalb Stunden auf der Bühne ein 45-minütiger Workshop in vier Gruppen an, bei dem das Respektieren des Raums des anderen, das Neinsagen und die Einvernehmlichkeit geübt werden. das ist putzig, banal, harm- und ein wenig hilflos, aber auch ein Ausdruck der Hybris dieses Theaters, etwas verändern zu wollen. Dass man dabei zu Bekehrten predigt, wird in Kauf genommen. Ein starker Abend mit gut gemeinter Coda. Die einen Vorteil hat: ein offenes Ende ohne Schlussapplaus, ohne Abschluss. Man verabschiedet sich, geht hinaus in die Welt, die Botschaft mit sich tragend. Eine schöne Vision. Und ein Saisonauftakt, der sagt: Wir mögen im sechsten Jahr sein, aber wir treiben die gesellschaftliche Diskussion vor uns her wie an Tag 1. Und das ist auch verdammt gut so.

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