„Gleichzeitig hier und dort“

Kay Voges und sein Team stellen die gleichzeitig Berlin und Dortmund stattfindende Simultanaufführung Die Parallelwelt vor

Von Sascha Krieger

Neues, so weiß man, entsteht oft aus Alltäglichem, Bahnbrechendes aus Banalem. Das ist auch der Fall, wenn am 15. September Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund Theatergeschichte schreiben, indem sie gemeinsam eine Inszenierung an zwei unterschiedlichen Standorten zeigen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren und spielen. Die Idee, so erzählt es Regisseur Kay Voges beim  ebenfalls verdoppelten Pressegespräch, bei dem sich Berliner und Dortmunder Presse zunächst zuwinken dürfen, entstand beim Gastspiel seiner bejubelten Inszenierung Die Borderline Prozession beim letztjährigen Theatertreffen. Da das Bühnenbild fest in der damaligen Dortmunder Ausweichspielstätte Megastore installiert war, musste es für das Gastspiel in den Berliner Rathenau-Hallen originalgetreu kopiert werden. Das Erlebnis, im gleichen Raum und doch an einem anderen Ort zu sein, war, so Voges, der Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, ob die Art, wie wir Raum und Zeit und Individuum denken – einzigartig und eindeutig definiert – unserer Realitätserfahrung überhaupt noch entsprechen. „Der Raum hat sich verschoben“, erinnert er sich, „und auch die Zeit hat sich verschoben“.

Kay Voges (3. von rechts) und sein Team bei den Proben (Bild: Birgit Hupfeld)

Voges ist seit Jahren mit seinem Dortmunder Haus der Vorreiter, wenn es darum geht, sich mit der digitalen Revolution theatral auseinanderzusetzen. Das digitale Zeitalter habe, so führt er aus, das Raum-Zeit-Kontinuum aufgebrochen. Fernes rückt nah zusammen, während der Einzelne an mehreren Orten gleichzeitig sein kann. Das Theater dagegen sei von jeher als analog angesehen worden, als gemeinsames Teilen von Raum und Zeit. Doch, so fragte sich der Regisseur: „Was passiert, wenn wir den Raum vergrößern“, wenn wir „gleichzeitig hier und dort sind?“ Und von dort war der Weg nicht mehr weit zur Frage: „Was wäre denn, wenn ich nicht einmalig wäre, wenn es mich noch mal gäbe?“ Eine Frage, die angesichts digitaler Ich-Multiplizierung alles andere ist als weit hergeholt. Denn wie oft gibt es den einzelnen längst im Netz, in wie vielen unterschiedlichen Versionen, in Social-Media-Profilen, Suchergebnissen oder tausendfach gespeicherten Datensätzen? Eine Idee, die im digitalen Raum logisch klingt, in der analogen Realität jedoch völlig abstrus zu sein scheint. dabei ist das alte Newtonsche Denken, das ausschloss, dass sich zwei Körper am gleichen Ort aufhalten oder gleichzeitig eine Entität an zwei Orten sein könne, schon lange durch die Quantentheorie widerlegt.

Voges, so beschreibt er sein Dortmunder Haus gern, betrachtet Theater als Labor. Also wagt er ein Experiment: Theater als Verdoppelung von Raum und Zeit, als Aufhebung der Einheit von Raum und Zeit und ihrer Neuformierung in einem neudefinierten Raum und einer ebensolchen Zeit.  „Eine Reise in andere Dimensionen“ soll der Doppelabend sein, „eine Reise in die Unschärfe“. Dazu wird der Theaterraum gedoppelt: Zwei identische Bühnenbilder, zwei Ensembles, bei denen jeder Schauspieler einen „Zwilling“ am anderen Ort hat, Simultanübertragung per Glasfaserkabel, die gleiche Geschichte zweimal erzählt, identisch und doch anders. „Zwei Abende, die dasselbe spielen, aber etwas anders sind.“ Der als „Raum des Einzigartigen“ quasi als letzte Bastion des analogen aufgeladene Theaterraum wird verdoppelt, in einer Reise in sieben Bildern, einem Lebensweg von der Geburt zum Tod. Oder zurück. Das Theater als Ort unmittelbaren Erlebens und physischer Präsenz – und als virtueller Raum der Möglichkeiten.

Entstanden ist ein Stück mit einer ungewöhnlichen Entwicklungsgeschichte: Dramaturg Alexander Kerlin erzählt, „dass wir von einer Raumkonzeption aus auf Themen kommen“ wollten. Im Anfang war der Raum, die Geschichte folgte aus ihm . Das war schon bei der Borderline Prozession ähnlich, während andere Voges-Arbeiten, etwa Das 1. Evangelium, auf dem weg zu einer ähnlichen Form des Erzählens den umgekehrten Weg nahmen: Aus einer Geschichte entstand ein Raum. Auch dies eine Abkehr vom klassischen Theatermodell, Geschichten zu erzählen und auf die Bühne zu bringen, ein Modell, das die Eindeutigkeit bedingt, die Voges, Kerlin und Co. aufheben wollen. Dass das BE der Partner ist, hat übrigens vor allem pragmatische Gründe: Voges hat mehrfach in Frankfurt inszeniert, als der derzeitige Berliner Hausherr Oliver Reese dort Intendant war und kennt aus dieser zeit auch einige der mit Reese nach Berlin gekommenen Schauspieler*innen.

Kein unaufwändiges Unterfangen: Zwei Häuser, zwei Bühnenbilder, zwei Ensembles und zwei Crews – natürlich auch zwei Publika. Jeden „Mannschaftsteil“ gibt es doppelt – außer dem Regisseur (und selbst der hat einen Ersatzmann, der immer da ist, wo er nicht ist, dem er so während der heißen Phase nie physisch begegnet – auch das eine spannende, führt das Gesamtptojekt stehende Idee. allein der technische Aufwand ist riesig: Ein Glasfaserkabel wurde eigens angemietet, Teile mussten gar neu verlegt werden. Auch die Kameratechnik ist neu und aufwändig. Eigentlich, sagt Voges, kostet das nicht mehr als zwei „normale“ Produktionen, eine an jedem Haus. Eigentlich, denn hinzu kommen eben Technik und Reisen, deren Mehrkosten Voges auf Nachfrage nicht beziffern kann. Dass zunächst nur zwölf Aufführungen geplant sind, wirft die Frage der Verhältnismäßigkeit auf (Update: Bislang sind zwölf Vorstellungen terminiert, weitere sind geplant). Ist das Projekt sein Geld wert?

Voges ist davon überzeugt. Seit Jahren wird diskutiert, wie das Theater sich mit der digitalen Realität auseinandersetzen und den Raum des Digitalen erobern kann. Bei ersterem haben gerade die Dortmunder schon manche Anregung gegeben, letztere kam meist nicht über für Theaterwebseiten produzierte Filme nicht hinaus. Die Parallelwelt wagt nun einen mutigen nächsten Schritt: die Verzahlung analoger und digitaler Räume, des „Realen“ und des Virtuellen, die Aufhebung der Einzigartigkeit und durch sie vielleicht die Schaffung einer neuen, anderen, mehrdimensionalen. Ein Möglichkeitsraum soll es sein, eine neue Realität, die für jeden Zuschauer individuell ist. „Die Weisheit entsteht im Auge des Betrachters“, sagt Voges. Das war auch bei einigen seiner früheren Arbeiten, nicht zuletzt der Borderline Prozession der Fall, dessen Spiel mit der wahrnehmen, dessen fragmentarisches Sehen und Rezipieren, dessen Verdoppelung des realen in eine Innen und Außen das neue Projekt aufzunehmen und weiterzuspinnen scheint.

„Ich leide gerade ein wenig an Orientierungslosigkeit“, gesteht Voges und wünscht sich das auch für das Publikum. Und spricht von einer „Schule der Empathie“, dür den, der nicht physisch anwesend ist. Voges erzählt von den Emotionen, welche die Arbeit mit Abwesenden auslösten. Wie man überhaupt den Eindruck gewinnt, dass das Projekt nicht zuletzt eine Erkundungs- und Erfahrungsreise für die Beteiligten ist, eine gemeinsame Suche nach einer Realität, die unserer Welt entspricht, eine ständige Selbstbefragung und -überraschung. Ein Theaterabend entstanden aus intensiven und unerwarteten Erfahrungen, eine Suche, die Ziel sein will. Ob das aufgeht, ist am dem 15. september in Berlin und Dortmund zu erleben. Außergewöhnlich wird es allemal.

Die Parallelwelt hat am 15. September 2018 am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund Premiere.

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