Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

Der gebürtige Wiener führt das Orchester nun auch zurück nach Berlin. Das Programm, das Gatti plante, hat er beibehalten, und zeigt in den knapp zwei Stunden in der Philharmonie doch, dass die existenzielle Krise auch eine Chance auf einen Neuanfang bietet, dass „das beste Orchester“ der Welt noch immer in diesem Ensemble schlummert. Drei Wagner-Verehrer und Nachfolger stehen auf dem Programm, Komponisten und Werke mit der unterschiedlicher Ausrichtung: Da sind Arbeiten von Anton Webern und Alban Berg aus der Zeit vor dem Weltkrieg, der später der Erste heißen würde, die unter dem Einfluss Arnold Schönbergs die Reduktion suchten, sich nach innen, gen musikalischem Kern wandten, Miniaturen vielleicht, Konzentrate sicher. Und da ist die gegensätzliche Bewegung, die Expansion, der Weg ins Weite in Form der Symphoonien Anton Bruckners. Zwei sehr unterschiedliche musikalische Suchen, zwei Versuche, in der Folge Wagners den Weg nach vorn zu finden, die Geschichte der Musik fortzuschreiben. Wege, die bis heute nachwirken. Eine Gegenüberstellung, die spannend sein kann und es an diesem beglückenden Abend tatsächlich ist.

Den Anfang machen Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 in der Bearbeitung für Streichorchester. Honeck packt für sie das Mikroskop aus, scheut ganz genau hin und sucht in den kurzen Sätzen – der kürzeste dauert keine Minute – Konzentrate der symphonischen Tradition. Und wird fündig: Die Expressivität der Stücke, die aufgrund ihrer Kürze meist eher als Stimmungsbilder wahrgenommen werden, arbeitet er klar und präzise heraus und legt zugleich die Strukturen musikalischer Entwicklung heraus, findet dramatische Kontraste, etwa im ersten und im letzten Satz, Verarbeitungen musikalischen Materials, die entfernt am symphonische Ecksätze erinnern, entdeckt im brüchig sehnsünchtigen Zweiten ein Miniatur-Adagio, lässt die Einzelstimmen im Vierten singen und das Streichquartett-Erbe betonen und knallt im Dritten ein lebhaft rhythmisches Quasi-Scherzo auf die Bretter, das sich gewaschen hat. Und doch ist hier nichts verkopft. Für Honeck, den Wiener, ist die Magie des Klangs Anfangs- und Endpunkt der Musik, die penible Analyse der weg dorthin. Beides führt er eindrucksvoll vor: Jeder Satz erhält sein eigenes, hoch präzises, transparentes Klangbild, das so viel mehr ist, als eine Stimmung. Es sind musikalische Welten en miniatur, die in ihrer Konzetration und Reduktion den Raum weiten, weil sie vom Universum singen.

Da ist es nur logisch, dass im Anschluss eine menschliche Stimme hinzutritt. Die Sopranistim und Mozart-Spezialistin Annett Fritsch stellt sich den Fünf Orchesterliedern op. 4 von Alban Berg und sie tut das durchaus souverän. Ihre warme kraftvolle Stinne ist nuanciert genug für die sehr unterschiedlichen Anforderungen der fünf Teile, auch wenn sie noch mehr Varianz zeigen könnte. Doch ist die stimme eben vor allem eine weitere Klangfarbe in diesem Zyklus. So nimmt Honeck das Orchester keineswegs zurück. Deutlich erkennbar die unterschiedlichen Aufgaben des Instrumentalapparats: So umtost es stürmisch die Solistin im Ersten, droht sie mit ihren ozeanischen Wogen im Fünften zu überfluten, bereitet ihr im zweiten ein fragiles, immer zu verschwinden drohendes Bett, dialogisiert mit ihr im dritten über den Rhythmus und lässt das Gespräch im Vierten mit dem Gesang der Einzelstimmen fortsetzen. Daberi erweitert es sacht und präzise gegenüber Webern den Klangraum, fügt neue Farben hinzu, bringt die Musik aus ihrem Innern zum Pulsieren wie zum Leuchten. So detailgenau der Blick auf jede Note, jeden Ton, jede stimme gelenkt wird, so klar findet sich ein klangliches Ganzes von großer Flexibilität, unendlichem Ausdrucksspektrum und berückender klanglicher Schönheit.

Diesen Weg geht das Orchester dann in Bruckners dritter Symphonie weiter. Und überrascht zunächst: Denn das Richard Wagner gewidmete Werk beginnt hier bei Beethoven. Das an dessen Neunte gemahnende Murmeln der Streicher am Anfang nutzt Honeck zu einer Klangstudie über die Wiener Klassik. Satt und zugleich schlank und von höchster Eleganz der regelrecht Wienerische Streicherklang, ins Pastorale gleitend die Vervollständigung des Klangbildes durch lichte, strahlende Holzbläser und warmes Blech. Hier strahlt die Welt in tausend hellen Farben und ist doch einem höheren Ordnungsprinzip überworfen, das der gläubige Katholik Bruckner sicherlich als göttlich bezeichnet hätte. Und spätestens hier ist es zurück: das Orchester der Jansons Aära mit seiner einzigartigen Mischung aus klanglicher Perfektion und Schlönheit, aus glänzender Oberfläche und zugleich maximaler Durchsichtigkeit, präzisester Tiefenschärfe und analytischem Blick. Eine Kombination, die erneut verzaubert. Und kein Selbstzweck ist: Denn sie bringt die musikalische Essenz des Dargebotenen zum Leben, füllt den Raum mit einem Leuchten, das aus ihrem Inneren kommt.Der Kopfsatz durchmisst nuanciert Welten: die große Geste des allumfänglichen, kraftdurchpulsten Tuttiklangs, einheitlich und doch voller farblicher Vielfalt, Verdichtunbgen, die gleichzeitig das Weite suchen, stehen neben zarter Gesangslyrik. Kontraste sind kein Gegeneinander, sondern ein Gemeinsames, verschiedene Schattierungen der gleichen Welt.

Die sich im zweiten Satz dann doch in Richtung Wagner bewegt. Hier steht der drang ins weite, das Fließen ins Unendliche in einem klar eingrenzenden, Richtung gebenden Ordnungszusammenhang, der vollends zu überzeugen vermag. Weite Bögen, getragen von einer satten und unendlich klaren Streicherdecke vereinen sich mit akzentuierender Verknappung, der Sog in den Kosmos reduziert sich aufs Wesentlich, das Schwelgen geschieht ohne Schnörkel. Klar gesetzte Pausen strukturieren und grenzen ein, definieren aber eben auch den Freiraum für die Suche nach klanglicher Fülle und musikalischem Leben. Hier ist alles von Wagner inspiriert und nichts Epigonentum. Auch im Scherzo, das sich rhythmisch geschärft dem klanglichen Farbenspiel aus der Gegenrichtung nähert und die gleiche geordnete Lebensfülle findet wie die sangliche Ausrichtung des Adagio. Der Klang ist ebenso farbenreich und doch dunkler, härter, schärfer, knapper. Auch im lichten Walzer-Thema, das mit deinen Holzbläser-Highlight zugleich die Brücke zum Kopfsatz schlägt. Die Düsternis, die Honeck nicht unterschlägt, ist jedoch nie getrennt vom Licht, sie bedingen einander wir Tag und Nacht. Die Geister, die hier tanzen, werden bei Tagesanbruch verschwunden sein.

Im Finale erforscht das glänzend aufgelegte Orchester dann das weite Feld musikalischer Energie und findet es in vielen Audrucksformen: in rhythmischer Kraft, klanglicher Verdichtung, im hellen Glanz singender Instrumente, im intimen lyrischen Zwiegespräch. Alles atmet hier, pulsiert, lebt. Der vorwärts treibende Grundgestus kommuniziert mit reflektierendem Innehalten, Klangfülle mit zartestem musikalischem Gewebe. Der Blick bleibt fest auf der musikalischen Struktur, aber er kommt aus dem Klang heraus, dem Erlebnis instrumentaler Farben, die A und O der interpretatorischen Analyse sind. Dieses Spannungsfeld wird zum Energiespeicher und es bringt die Musik zum Leuchten – im klein(st)en wie im ganz Großen. Genärt von der musikalischen Tradition zeigen uns Dirigent und Orchester unterschiedliche Wege, die sich am Ende zu einem mit vielen verschiedenen Spuren vereinigen: einer Feier der schöpferischen, imaginativen und lebensspendenden Kraft der Musik. Ein Weg, den zu beschreiten, diesem gebeutelten Klangkörper sichtlich und hörbar gut tut.

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Ein Gedanke zu „Inneres Leuchten

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